Gangster, Gauner und Ganoven: 24 Fälle, 300 Jahre, fette Schlagzeilen - aber nichts für Kinder
Ralf Julke
16.10.2012
Als Leihgabe der Opel AG in der Ausstellung: der "Laubfrosch".
Foto: Ralf Julke
Am Dienstag, 16. Oktober, um 18 Uhr wird sie feierlich eröffnet: die große Ausstellung zu großen Leipziger Kriminalfällen "Gangster, Gauner und Ganoven". Seit zwei Jahren hat das Stadtgeschichtliche Museum sie vorbereitet, hat die Archive durchwühlt und die Kripo ins Haus geholt. "Denn eigentlich ist das ja ein Thema, mit dem wir uns nicht so auskennen", sagt Dr. Volker Rodekamp, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums.
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Dabei gehört das Thema zum Alltag in einer Stadt wie Leipzig. 300 Jahre Kriminalgeschichte werden jetzt im Böttchergässchen 3 gezeigt, exemplarisch gezeigt an 24 Kriminalfällen, die die Zeitgenossen bewegten, erschreckten, in Atem hielten. Und die immer ein paar fette Schlagzeilen oder Flugblätter wert waren. Die jüngere Geschichte seit 1990 nicht ausgespart. Christoph Kaufmann, sonst für die Fotoarchivierung im Haus zuständig und diesmal Mit-Kurator der Ausstellung, will 70 Zeitungsseiten aus den letzten 20 Jahren gleich an der Eingangswand anpinnen, um zu zeigen, wie das Verbrechen - und insbesondere das blutige - eine Redaktion einer bestimmten Zeitung zum hecheln und eine Öffentlichkeit zum zittern bringt.
Der Besucher wird sich wundern, welche Fälle da wieder auftauchen werden, längst vergessen, verdrängt vom nächsten und übernächsten "Monster", "Vampir", "Menschenfresser". "Aber wenn man die Statistiken vergleicht, sieht man, dass sich die Kriminalitätsrate in Leipzig in den letzten hundert Jahren nicht geändert hat. Auch bei schweren Verbrechen wie Mord gibt es zwar ein paar Schwankungen - aber im Grunde ist das Niveau immer relativ gleich geblieben", sagt Kaufmann.
Kamera für erkennungsdienstliche Fotoaufnahmen (um 1900).
Foto: Ralf Julke
Er hat in der kleinen Sonderausstellung im Untergeschoss noch etwas Besonders gesammelt: mehrere hundert Tatortfotos. Ohne Täter und ohne Opfer auf den Bildern, wie er betont. Aber selbst die nackten Tatorte haben es in sich. Und deshalb ist die Studioausstellung nur Besuchern ab 16 Jahren empfohlen. Wobei Volker Rodekamp auch den mit großen Tafeln und Texten ausgestatteten Ausstellungsteil im Erdgeschoss nicht unbedingt Familien mit kleinen Kindern empfiehlt. Immerhin empfängt die Besucher schon gleich am Eingang eine Guillotine - auf sächsisch: Fallschwert -, wie sie in Sachsen bis ins 20. Jahrhundert hinein dazu diente, "Missetäter ins Jenseits zu befördern" (Rodekamp).
Dana Albertus erklärt die Entwicklung der frühen Rechtssprechung in Sachsen.
Foto: Ralf Julke
Bis 1968 genau, weiß Dana Albertus zu berichten, die im Stadtgeschichtlichen Museum sonst für die Museumspädagogik zuständig ist, diesmal aber ebenfalls als Kuratorin wirkte. Und sich dabei natürlich auch - mit der Hilfe diverser hochrangiger Kriminalbeamter aus Dresden und Leipzig, in eine Materie eingearbeitet hat, die in den Sammlungen des Stadtmuseums eher nur in Zitaten vorkommt. Hier wird zwar die alte Leipziger Rechtssprechung gewürdigt. Immerhin ist Leipzig seit 1304 Sitz des Schöppenstuhls, der bei Streitfällen auch weit über die Landesgrenzen hinaus angerufen wurde. 1409 siedelte sich mit der neu gegründeten Universität einer der wichtigsten Jura-Lehrstühle Deutschlands an, der seine Kompetenz bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein bewahrte. Was dann unter anderem zum Bau des obersten deutschen Gerichtes, des Reichsgerichtes, 1884 - 1994 in Leipzig führte.
1483 wurde in Leipzig auch das Sächsische Oberhofgericht angesiedelt. Linkerhand - bevor's zur Guillotine geht - kann der Ausstellungsbesucher die ganze Frühgeschichte der sächsischen und Leipziger Gerichtsbarkeit in Kürze durcheilen. Sächsisch in diesem Fall im ursprünglichen Original zu denken.
Arbeitsgeräte der Kriminalpolizei aus dem letzten Jahrhundert.
Foto: Ralf Julke
Denn als ältestes deutsches Rechtsbuch ist der "Sachsenspiegel" von Eike von Repgow zu sehen. Man lernt, wie die Rechtsprechung in deutschen Landen sich mühsam modernisierte und nach und nach die Grundgedanken der Aufklärung aufnahm. 1770 zum Beispiel wurde auch im Kurfürstentum Sachsen endlich die Folter als Mittel zur Beweiserbringung abgeschafft.
Was, wie Dana Albertus erklärt, dann über Jahrzehnte zu einer Lücke in der Beweisführung führte. Das zwang die Polizei in allen moderneren Ländern dazu, die Beweisführung mit neuen, wissenschaftlichen Methoden zu untersetzen. Was dann unter anderem zur erkennungsdienstlichen Fotografie, zur Daktyloskopie (Fingerabdrucknahme) und zur modernen Gerichtsmedizin führte. Auch da holten sich die beiden Kuratoren echte Profis ins Haus - Carsten Hädrich vom Institut für Rechtsmedizin der Uni Leipzig zum Beispiel. Krimi-Freunde, die sich mit all diesen Entwicklungen schon immer gern beschäftigt haben, bekommen hier also die Arbeitswerkzeuge der Ermittler zu sehen - etliche aus dem Fundus der sächsischen Polizei. Bis hin zu einer gewaltigen Kamera für die erkennungsdienstliche Fotografie um 1900. Und natürlich den entsprechenden Bänden mit Fahndungsfotos. Die Übergänge sind fließend. Aus der Entwicklungsgeschichte der modernen Verbrechensverfolgung geht es gleich hinüber in die großen Leipziger Kriminalfälle, von denen es einige - wie der Fall Woyzeck - bis in die Literatur geschafft haben.
Von Fotografen umlagert: die Guillotine und - im Hintergrund - die Sträflingskleidung aus dem Zuchthaus St. Georg.
Foto: Ralf Julke
"Eigentlich wollten wir 30 Fälle in der Ausstellung zeigen", sagt Albertus, "aber nicht alle Fälle waren wirklich gut dokumentiert. Zu manchen gab es nur eine dünne Akte." So sind es 24 Fälle geworden. Darunter etwa die Hammerbande, die Anfang des 20. Jahrhunderts drei Jahre lang die Leipziger in Atem hielt, angeführt von einem klugen Kopf. "Aber wie heißt es so schön im Sprichwort", fragt Dana Albertus. "Ein einziger Fehler läuft dir hinterher wie ein bellender Hund." Der kluge Kopf und sein Bruder wurden geschnappt.
Was natürlich, so Albertus, die immerwährende Frage nach dem perfekten Verbrechen aufwürfe. "Aber dafür sind es ja perfekte Verbrechen: Wir erfahren nichts darüber." Manchmal soll die Öffentlichkeit auch nichts erfahren. Wie 1986 bei einem vierfachen Baby-Mord im Eitingon-Krankenhaus, bei dem das Ministerium für Staatssicherheit sogar die Kriminalpolizei ausschaltete, damit nur ja nichts darüber öffentlich wurde. Krankenschwestern, die Kinder töten, durfte es im Sozialismus nicht geben.
Ein Opel aus dem Jahr 1924, im Volksmund "Laubfrosch" genannt, ist ein weiterer Hingucker in der Ausstellung: Er steht exemplarisch für einen "Laubfrosch", der in den 1920er Jahren von einem Leipziger Versicherungsbetrüger zur Vortäuschung seines Todes benutzt wurde. Der Opel ging damals in Flammen auf. Dieser hier soll es natürlich nicht.
Es ist auch ein Heft zur Ausstellung erschienen, das man wieder käuflich erwerben kann (käuflich wohlgemerkt, nicht anders). Und in den Ferien werden mehrere Veranstaltungen angeboten, in denen die Kinder die Arbeit der Polizei kennenlernen können - von der Detektivarbeit bis zur Entstehung eines Phantombildes. Auch Krimi-Abende und Führungen sind vorgesehen in der Ausstellung, die vom 17. Oktober 2012 bis zum 27. Januar 2013 gezeigt wird.
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- Positionierung: in ungeraden Monaten: Die Linke oben, Die Grünen unten