Roland Emmerich hat in Europa einen Film über Shakespeare gedreht. Nein, keine zufällige Namensgleichheit. Derselbe Emmerich, der in Hollywood vielfach die Welt in Schutt und Asche gelegt hat, spekuliert in "Anonymus" über die Frage, ob der Mann, den wir als William Shakespeare kennen, seine Dramen und Gedichte wirklich selbst verfasst hat. Zahlreiche Experten haben darüber diskutiert, Bücher verfasst, Theorien aufgestellt. "Anonymus" liefert eine mögliche Antwort.
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Emmerich siedelt seinen Film in der Schlangengrube des elisabethanischen Hofes an. Zu jener Zeit spiegelten sich politische Intrigen, verbotene Romanzen im Königshaus und die Machenschaften habgieriger Aristokraten, die die Macht des Throns an sich reißen wollten, an einem ungewöhnlichen Ort wider:auf der Bühne. Emmerich ist überzeugt: Der bärtige Barde aus Stratfort-upon-Avon ist nicht Urheber der berühmtesten Werke der englischen Literatur.
Der Regisseur folgt einer These, wonach Edward de Vere, Earl of Oxford, deren Verfasser sei. Aus seiner Sicht spräche Vieles dafür: Abgesehen von Shakespeares Stücken existieren keinerlei Manuskripte, Briefe oder Tagebücher, die von ihm stammen. Sein Tod im Jahre 1616 blieb unbeachtet – anders als der anderer gefeierter Schriftsteller seiner Zeit. Seiner des Lebens und Schreibens nicht mächtigen Frau vermachte er nur sein "zweitbestes Bett" – kein Geld. In seinem Testament werden weder Bücher noch Manuskripte erwähnt.
Für Oxford spräche, dass er Reisen durch Europa unternahm, während der er die italienischen Städte besuchte, über die Shakespeare in seinen Dramen schreibt. "Hamlet" weise zudem in autobiografischer Form Parallelen zu Oxfords Lebensweg auf, mit seinem Schwiegervater William Cecil als Polonius und seiner Tochter, Anne Cecil, als Königin Ophelia. Elisbath I., auf deren Gestalt Gertrude basiert, war für ihn seit dem zwölften Lebensjahr eine Art Ersatzmutter und wurde später seine Liebhaberin. War es purer Zufall, dass in Oxfords Bibel Passagen angestrichen waren, die Shakespeare nutze, oder dass sein Spitzname "Spear Shaker" war? Ein Beweis existiert für diese Theorie freilich nicht. Doch Emmerich scheinen die Argumente zu genügen.
Mit einem starken Ensemble weitgehend unbekannter Schauspieler, allen voran einem beeindruckenden Rhys Evans als de Vere, Vanessa Redgrave als Elisabeth I., Edward Hogg als Robert Cecil und Rafe Spall als Shakespeare, inszeniert er mit viel Raffinesse und Besessenheit zum Detail einen packenden Historienthriller, der sich auf die Oxford-Theorie stützt. Für den aus London verbannten Earl of Oxford ist das Theater ein Mittel, um Macht gegen die herrschende Hofkaste auszuüben. Mittels seiner anonym verfassten Stücke versucht er, die Machtergreifung des von Elisabeths Berater Cecil favorisierten Schottenkönigs James zu verhindern. Ausführlich porträtiert Emmerich seinen Lebensweg, zeigt die (mögliche) Entstehung der Shakespeare-Stücke, die engmaschig mit der Biografie Oxfords verknüpft zu sein scheinen. Seine langjährige Intrige gegen Cecil mündet schließlich in ein dramatisches Finale, bei dem auch die Bühne eine gewichtige Rolle spielt.
Ob die Geschichte nun wahr ist oder nicht, sei dahingestellt. Emmerichs Rückkehr nach Europa hat sich gelohnt. Gerade Zuschauer, die Emmerichs Weltuntergangsblockbustern nicht viel abgewinnen konnten, werden positiv überrascht sein. Denn "Anonymus" ist Popcorn-Kino auf hohem Niveau. Emmerichs Hang zum Detail bei der Darstellung der Lebensverhältnisse und des Theaterwesens zur Zeit Elisabeths I. sowie sein fesselnder Erzählstil machen den Film zu etwas Einzigartigem, das sich Kino- und Theater-Fans auf keinen Fall entgehen lassen sollten.
Großbritannien/Deutschland 2011, R: Roland Emmerich, D: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Joely Richardson, 130 Min, FSK 12.
Filmstart ist der 10. November, zu sehen im CineStar, Cineplex, Regina Palast, UCI Nova Eventis.
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