Liebeserklärung an Leipzig: Hotel Deutschland Teil 2 zeigt Messestadt zwanzig Jahre nach der Wende
Daniel Thalheim
16.12.2011
Stefan Paul, Ludolph Weyer und Wolfgang Krause Zwieback bei den Dreharbeiten zu "Hotel Deutschland 2".
Bild: www.arsenalfilm.de
Man könnte den Film als Liebeserklärung bezeichnen. "Hotel Deutschland" heißt er und ist der zweite Teil des besonderen Blicks auf die einstige Industriestadt. Den ersten warfen die Macher um Autor und Künstler Wolfgang Krause Zwieback bekanntlich Anfang der Neunziger Jahre auf die Pleißemetropole. Am 15. Dezember war Leipzig-Premiere. Was hat sich geändert?
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Es war voll in den Passage Kinos am Abend des 15. Dezember. Sektempfang. Politiker, Musiker, Künstler tummelten sich in der Jägerhofpassage. Aber da war noch Luft. Laute Gespräche füllten die Vorhalle. Dann ging's rein. Während die Zuschauer auf den weichen Sesseln niedersanken, kam Kinobetreiberin und Produzentin Petra Klemann in den Kinosaal. Dankesworte und die Ankündigung, dass "Hotel Deutschland"-Regisseur Stefan Paul mehr sagen würde. Das tat er auch. Denn dieser Abend war etwas besonderes: "Hotel Deutschland 2" feierte Premiere. Jetzt streift der damalige Hauptprotagonist Wolfgang Krause Zwieback an alte und neue Orte des damaligen Drehs des ersten Streifens, öffnet zwanzig Jahre danach den Blick für das neue Leipzig.
1989 begann Stefan Paul seine filmischen Experimente in Leipzig fortzusetzen. "Ich dachte, ich kenne Leipzig, wurde hier geboren, ging mit meinen Eltern und Geschwistern in den Fünfziger Jahren über Berlin nach Hannover, Stuttgart und Tübingen, habe studiert, Filme gemacht, Kinos aufgebaut, hatte 1987 oder 1988 eine große Filmpremiere bei der Dok-Woche in Leipzig gehabt. Da ist es mir schon aufgefallen, was in Leipzig los ist, wo die Kulturszene brodelt. Damals wollten wir einen Film mit Laurie Anderson machen. Dann fiel die Mauer und es wurde ein ganz anderer Film."
Rammelvolle Jägerhofpassage zur Leipzigpremiere von "Hotel Deutschland 2".
Foto: Daniel Thalheim
"Hotel Deutschland" kam 1992 in die Kinos. Damals kannten sich Paul, Klemann und Krause Zwieback schon. Die Bekanntschaft hielt bis heute. Herausgekommen ist der zweite Teil des so anderen Blick auf die Kulturszene im Osten der Republik. Nicht nur Leipzig steht im Mittelpunkt des Regisseurs, auch Berlin und Dresden reihen sich ein. Paul: "Wie das hier 1989/1990 aussah, sieht man in Teilen des neuen Films. Ganz schön gruselig, aber unheimlich spannend! Damals war es irgendwie leichter, einen Film zu machen, weil sich die Geschichten von Tag zu Tag geändert haben."
Paul beschreibt die Aufbruchssituation der Leipziger Szenekultur Anfang der Neunziger Jahre, die seinen Worten nach sehr politisch aufgeladen war. "Da gab es eine Band, die hieß Zorn. Dann gab es Messer Banzani. Diese und alle anderen Talente spürten wir damals auf, noch mit 16-mm-Kameras gedreht. 1989 musste man noch einreisen, sich Genehmigungen beschaffen. Oft hatten wir ein zweites 'Team' dabei. Die 'Firma' war immer hinter uns. Wir hatten wirklich schöne Geschichten erlebt", so der Regisseur zu den Stasi-Überwachungsmethoden kurz vor der Wendezeit. "Zur Dok-Woche 1992 lief der Film im alten 'Casino'. Manche erinnern sich noch ans alte Filmkunstkino."
Wolfgang Krause Zwieback in der Leipziger Neuseenlandschaft.
Bild: www.arsenalfilm.de
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall und der Kinopremiere 1992 sollte es einen zweiten Teil von "Hotel Deutschland" geben, der nach einem gleichnamigen Hotel am Leipziger Ring benannt war. Heute macht sich in dem Gebäude das "Radisson" breit. 1989 mietete das Filmteam immer montags im Hotel ein Zimmer und beobachtete von dort aus die Montagsdemonstrationen. "Zuerst waren es 500, dann 1.000, dann 50.000 und 500.000 Menschen." Die Gäste merkten bei den Ausführungen schnell, dass mit dem ersten Teil von "Hotel Deutschland" noch viele Erinnerungen verknüpft sind, die erzählt werden müssen.
Auch der zweite Teil ist nicht ohne. Auch wenn die Revolution ausblieb. Der Chef des Arsenal-Filmverleihs Paul sagte: "Dank meines Kameramanns ließ ich mich vom zweiten Teil überzeugen." Ohne Unterstützungen durch Stiftungen und öffentlichen Förderungen wurde "Hotel Deutschland 2" finanziert, so Paul weiter. "Wir sind natürlich größtenteils in Leipzig hängen geblieben. Was neu hinzu kam, war die ganze Malereiabteilung, die Spinnerei, die ganzen Künstler mit ihrer wahnsinnigen Verve." Wenig später flimmerten Neo Rauch, Judy Lübke, Hartwig Ebersbach, Johannes Heisig, Tilo Baumgärtel und Arno Rink über die Leinwand.
Wolfgang Krause Zwieback malt Dresden.
Bild: www.arsenalfilm.de
"Nach zwei Jahren Dreharbeiten hatten wir 75 Stunden Filmmaterial. Da war die Verzweiflung relativ groß", so der ehemalige Grassi-Kino-Betreiber und Initiator der Französischen Filmtage in Leipzig weiter. Denn 90 Minuten lang dauert der Streifen, den Paul zusammenschnippeln musste. "Es ist wie ein Low-Budget-Roadmovie", erzählte der Filmemacher den Gästen. "Ich hätte es mir natürlich auch einfach machen und einen Dokumentarfilm drehen können. Wir wollten aber einen intensiven, sensiblen und emotionalen Film machen."
Im Herbst 2011 durchlief "Hotel Deutschland 2" zwei Premieren in Hof und Bad Biberach und wird nach Tournee und einer bundesweiten Premiere im Frühjahr auch als Doppel-DVD erscheinen. Dann zusammen mit dem ersten Teil. Theaterdarsteller und Autor Wolfgang Krause Zwieback sagte nach der Flimmerstunde zum Publikum: "Es sind zwei sehr unterschiedliche Filme geworden mit zwei unterschiedlichen Sichtweisen. Der zweite Film besitzt einen völlig anderen Charakter als der erste."
Nach der Leipzigpremiere strömten die Besucher von den Rängen und konnten hinterher der Rockband "Zin" im Foyer der Passagekinos lauschen. Die Band tauchte im Film sowohl als Soundtrack als auch als Porträt auf. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung ist in den anderthalb Stunden ebenso zu sehen wie die Klezmer-Truppe Klezzkavice, die Randgruppencombo von Heiner Kondschak.
Wolfgang Krause Zwiebacks unverhohlenen und auch begeisterten Blick auf Leipzig beobachteten die Zuschauer genau. Bis auf wenige Ausnahmen mimte er eine Liebeserklärung an die Messestadt. Eins blieb als Eindruck zurück - das Grau-in-Grau der einstigen Industriestadt wich einer lebendigen Kunst- und Musikszene. Bunt und vielfältig waren auch die Einblicke, die "Hotel Deutschland 2" zeigte.
"Hotel Deutschland 2" täglich außer montags und donnerstags um 18:45 Uhr, am Montag um 15:00 Uhr in den Passage Kinos. Mit Hörschleife für Hörgeschädigte.
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