Irgendwann hauen Kulturmacher einfach ab: Peter Schneider im Interview
Sebastian Beyer
30.01.2012
Peter Schneider - Schauspieler.
Bild: Sebastian Beyer
Peter Schneider ist ab dem 2. Februar in seinem neuesten Film „Die Summe meiner einzelnen Teile" zu sehen. Er spielt Martin Blunt, einen hoch begabten Mathematiker, den aber die Überbelastung während der Arbeit in die Psychiatrie bringt. Mit L-IZ.de sprach er über die Rolle, den Film und die Kulturkürzungen in Leipzig.
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Herr Schneider, was machte für Sie den Reiz an der Rolle des Martin aus?
Ich finde die Figuren, die eine gewisse Brüchigkeit haben oder ein Geheimnis sind, einfach interessanter zu spielen. Die Welt ist ja nie glatt, daher kommen mit solchen Charakteren auch die authentischeren Geschichten zustande. Wenn man den Menschen in die Augen schaut, steckt letztendlich eine Summe einzelner Teile in jedem Menschen. Die Lebensumstände bringen dann bestimmte Eigenschaften in uns zum Vorschein. Insofern sind solche Rollen ein Geschenk für einen Schauspieler, weil man die Komplexität eines Menschen abbilden darf.
Die zweite Hauptrolle ist mit Timur Massold als Viktor eine Kinderrolle. Haben Sie vorher schon mal so intensiv mit einem Kinderdarsteller gearbeitet?
Nein, das war das erste Mal, zumindest in so enger Form.
Wo liegen denn die Herausforderungen bei der Zusammenarbeit mit Kindern?
Ha, Kinder sind schon immer eine Herausforderung, schließlich ist es nicht ihr Beruf, wie in meinem Fall. Was man also sieht, ist nicht gespielt. Das heißt aber auch, jeder muss hochkonzentriert sein, um die authentischen Momente auch wirklich einfangen zu können. Einige Szenen sind erst aus einem Gegeigel entstanden. Ich muss aber auch sagen, dass Timur eine Naturbegabung hat.
Peter Schneider.
Bild: Sebastian Beyer
Gab es in ihrem Leben schon Momente, in denen Ihnen alles zuviel wurde, in denen sie aussteigen wollten?
Gott sei Dank nicht, aber ich kann das nachvollziehen, jeder hat doch mal Fluchtgedanken. Leute kaufen sich zum Beispiel ein Reihenhaus auf dem Land um in die kleinste funktionierende Gemeinschaft, die Familie, zu flüchten. Ich sehe das auch teilweise als einen Ausstieg aus der schnellen, globalisierten Welt. Solche Gedanken kann ich nachvollziehen, auch wenn es für mich nicht in Betracht kommt. Und im Film geht es ja auch nicht nur um die Flucht, sondern auch um echte Freundschaft, darum, jemanden zu haben, der sich um einen kümmert.
Insofern stellt der Film Fragen, die bei dem höher werdenden Anteil von Singles in den Städten und Phänomenen wie Burnout ein Spiegel unserer Gesellschaft sind.
Sie spielen ja auch noch viel an Leipziger Häusern. Inwieweit sind denn die Kürzungen in der Kulturförderung ein Problem auch für die Schauspieler?
Das bekommen wir insofern zu spüren, dass eine gewisse Wut wächst. Außerdem empfinde ich eine Machtlosigkeit, weil die Stadt sich Dinge nimmt, die sie attraktiv machen. Irgendwann entschließen sich die Kulturmacher abzuhauen, weil die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen. Eine gewisse Angst habe ich, wer nächster Intendant am Centraltheater wird.
Es könnte einen Reflex geben, alle Kürzungen ohne großen Widerstand umzusetzen. Ich rechne es Herrn Hartmann hoch an, dass er das nicht tut.
Klar polarisiert sein Theater in hohem Maße, aber es wurde selten über das Centraltheater so intensiv diskutiert wie unter Sebastian Hartmann. Außerdem hat sich das Publikum verjüngt. Ich spiele sowohl am Centraltheater als auch am Theater der Jungen Welt und kann nur sagen, da gibt es nicht mehr viel zu sparen, nun geht jede weitere Kürzung knallhart an die Qualität. Momentan scheint wenigstens das Theater der Jungen Welt aus der Schusslinie zu sein, es bildet schließlich auch die Zuschauer von morgen.
Es entsteht ein gewisser Eindruck, die Oper Leipzig solle unbedingt mit der Semper-Oper mithalten und unbedingt ganz oben mitspielen, gleichzeitig werden Gelder gekürzt.
Ich weiß gar nicht, ob der Gedanke sich ganz oben zu etablieren, so eine Rolle spielt. In der Frage der Opern würde ich allerdings so weit gehen, dass Mitteldeutschland eine Gesamtlösung suchen sollte. Mit Dresden, Halle, Dessau, Magdeburg und Chemnitz so viele Opernhäuser und Orchester im Umkreis, dass man länderübergreifend vielleicht einen Verbund bilden
müsste. Mit einer gemeinsamen Lösung könnte man vielleicht noch Synergien nutzen. Aber das ist eine ganz eigene Problematik, da die Orchester zwar die höchstdotierten Verträge aber auch die stärkste gewerkschaftliche Lobby haben.
Kommen wir zurück zu etwas Erfreulicherem. Welche Projekte stehen für Sie in nächster Zeit an?
Zur Zeit spiele ich wieder viel Theater in Karlsruhe und Heilbronn, aber auch in der Uraufführung von „Berlin Calling“ in Gera. Dann geht noch die Premierentour zum Film weiter und ich werde sicher in Zukunft auch wieder Zeit für Dreharbeiten finden.
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