MDR-Doku: "Die Wolke - Tschernobyl und die Folgen" für Grimme-Preis 2012 nominiert
Daniel Thalheim
20.01.2012
Dr. Sebastian Pflugbeil kritisierte die Nichtinformationspolitik in der DDR.
Bild: MDR/zero one film
1986 ereignete sich eine Katastrophe, die weltweit Wellen schlug. Der Reaktorunfall von Tschernobyl wirkte sich mit seinem radioaktiven Niederschlag auch in Deutschland aus. Über das Unglück und seine Folgen drehte der Mitteldeutsche Rundfunk einen Dokumentarstreifen. Ausgestrahlt wurde er schon. "Die Wolke - Tschernobyl und die Folgen" wurde für den Grimme-Preis 2012 nominiert.
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Noch heute sind vor allem in Bayern die Nachwirkungen der Katastrophe von Tschernobyl spürbar. Eine Energiewende wie 2011 bei der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima führte "Tschernobyl" nicht herbei. Doch für die Anti-Atomkraftbewegung war der "GAU" am 26. April 1986 ein Auftrieb, aus der Atomkraft auszusteigen.
Am 26. April 2011 gedachten bundesweit Menschen der Opfer und der Folgen der Atomkatastrophe, die weltweit erst zwei Tage später am 28. April 1986 als Meldung durchsickerte. Der MDR heute zur Reaktorexplosion: "Das dabei freigesetzte radioaktive Material wird in die Atmosphäre geschleudert und von dort in alle Richtungen über den Globus verteilt. Langsamer als die Wolke verbreitet sich die Information von der Katastrophe."
Michèle Rivasi aus Frankreich engagierte sich 1986 für eine transparente Informationspolitik und machte sich damit Feinde.
Bild: MDR/zero one film
Wie ging man zu dem Zeitpunkt mit der Nachricht um? In der DDR wurde "Tschernobyl" tot geschwiegen, in Frankreich soll die Katastrophe lächerlich gemacht worden sein. So erzählt im Doku-Streifen Dr. Sebastian Pflugbeil über die Vertuschung in der DDR. Er war 1986 Physiker und Bürgerrechtler, der sich kritisch mit Kernenergie und radioaktiver Strahlung beschäftigte. An die offiziellen Messwerte der DDR gelangte er erst nach dem Mauerfall.
Erzählt wird auch die Geschichte von der Französin Michèle Rivasi. 1986 war sie Biologielehrerin. In der unmittelbaren Folge von Tschernobyl und der intransparenten Informationspolitik Frankreichs gründete die engagierte Frau mit Kollegen und Wissenschaftlern ein unabhängiges Labor zur Untersuchung der Strahlenbelastung. Damit machte sie sich nicht nur Freunde.
Auch Betroffene kommen zu Wort: Nejla und Ferhat Ersoy aus Tschernobyl.
Bild: MDR/zero one film
Der Film "Die Wolke - Tschernobyl und die Folgen" von Jan Lorenzen und Karin Jurschick will die Folgen des Reaktorunglücks beschreiben. Mit der Radioaktivität kam die Angst und viele Menschen sollen sich laut MDR gefragt haben: "Wie kann man sich vor einer Gefahr schützen, die unsichtbar ist? Was darf man essen, wenn der Fallout über das Land zieht? Wohin mit den Kindern? Nicht nur Eltern sind verunsichert. Auch Politiker und Ingenieure, die Mitglieder von Expertenkommissionen und die Kernkraftbetreiber selbst wissen nicht, wie sie auf diesen Unfall reagieren sollen."
Andere Protagonisten stammen aus dem verstrahlten Gebiet. Sie heißen Nejla und Ferhat Ersoy. Nejla Ersoy wohnt in Westberlin und war zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls schwanger.
Nach der Geburt stellte sich heraus, dass ihr Sohn Ferhat die Erbgutkrankheit Trisomie 21 hat. Im Film wird nachgegangen, dass er zu einer größeren Gruppe von Betroffenen gehört. Genau 9 Monate nach Tschernobyl, im Januar 1987, steigen in Berlin die Fälle der Neugeborenenzahlen mit Trisomie 21 erheblich an, so die im Film vorgestellten Untersuchungen. Der zu Wort kommende Humangentiker Prof. Sperling vermutet deswegen einen ursächlichen Zusammenhang.
Der Film soll von Menschen erzählen, die zwischen Hysterie und Sorgen, zwischen Panik und Aktionismus schwankten. "Die Wolke - Tschernobyl und die Folgen" ist für den MDR ein historischer Beitrag, "der aufgrund der neu entfachten Debatte um den Atomausstieg (...) von aktueller Brisanz ist."
Deswegen könnten sich der Mitteldeutsche Rundfunk und die beiden Dokumentarfilmer Hoffnungen auf den diesjährigen Grimme-Preis in der Kategorie "Information & Kultur" machen. Die Entscheidung über die Preisträger soll am 13. März 2012 bekannt gegeben werden.
Der 90-minütige Dokumentarfilm wurde im März 2011 bei dem deutsch-französischen Fernsehsender "Arte" gezeigt und soll am 22. April um 23.40 Uhr im MDR Fernsehen erneut auf dem Programm stehen.
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