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Neu im Kino: J. Edgar

Patrick Limbach
Hoover, der Begründer des FBI, schwört seine Leute ein.
Hoover, der Begründer des FBI, schwört seine Leute ein.
© Warner
Nach seiner Beschäftigung mit dem Tod in "Hereafter" (2010) wirft Altmeister Clint Eastwood in seinem neuen Film einen Blick auf die Anfänge des modernen Überwachungsstaates. "J. Edgar" porträtiert Leben und Wirken von John Edgar Hoover (1895 – 1972), dem Begründer des FBI in seiner heutigen Form. Jetzt im Kino.

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Von 1924 bis zu seinem Tod stand er an der Spitze der amerikanischen Bundespolizei und beeinflusste in dieser Funktion wie kein Zweiter die amerikanische Sicherheitspolitik des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts. So weit greift der neue Streifen von Regisseur Clint Eastwwod erst einmal nicht zurück.

"J. Edgar" beginnt in den 1960er-Jahren. Hoover (Leonardo DiCaprio) ist auf dem Gipfel seiner Macht angekommen, fühlt sich von Baptistenprediger und Bürgerrechtler Martin Luther King bedroht, aus dessen Ablehnung er keinen Hehl macht. Der FBI-Chef befürchtete den Aufstieg eines "schwarzen Messias", weswegen er sich gegen die Anführer der Bürgerrechtsbewegung wandte.

Mit öffentlichen Vorwürfen Kings konfrontiert, entschließt er sich, seine Biografie zu verfassen. Die beginnt in seinen Jahren als junger Mitarbeiter des Justizministeriums, wo er ab 1917 die Sektion zur Registrierung feindlicher Ausländer leitete. Seine Arbeit gegen kommunistische Anführer wie Emma Goldman und Alexander Berkman gipfelte in den "Palmer Raids", der größten Massenverhaftung der US-Geschichte. Etwa 10.000 Kommunisten wurden aufgrund Hoovers Datensammelwut inhaftiert. Die Geburtsstunde des modernen Überwachungsstaats.

Clint Eastwood hangelt sich chronologisch in ausgiebigen Rückblenden an den prägensten Stationen von Hoovers Karriere entlang: Ernennung zum FBI-Direktor, Entführung des Lindbergh-Babies, Jagd auf Bankräuber, Verharmlosung der Mafia, Verfolgung von Kommunisten ...

Das ist unterhaltsam. Auch wenn man mit der amerikanischen Geschichte nicht besonders vertraut ist. Streckenweise erzählt Eastwood die Geschichte sogar spannend. Der einstige Westernkinoheld weiß Geschichte in lebendige Bilder zu packen. Allerdings sind die Stationen in Hoovers Karriere nur die Verpackung für den Kern des Films.

Hoovers Mutter treibt ihn permanent zu großen Leistungen.
Hoovers Mutter treibt ihn permanent zu großen Leistungen.
© Warner

Wirklich interessant wird es immer in den Momenten, in denen Eastwood sich mit der Persönlichkeit Hoovers auseinandersetzt. Dem Verhältnis zu seiner Mutter Annie (Judi Dench) gönnt er viel Raum. Ebenso der Beziehung zu seinem langjährigen Stellvertreter und mutmaßlichen Lebensgefährten Clyde Tolson (Armie Hammer). Ihm sagt er homosexuelle Neigungen nach. Ob Hoover, der zeitlebens unverheiratet blieb, ebenfalls schwul war, bleibt offen. Als er im Film Tolson von einer Liason berichtet, kommt es zwischen den beiden Männern zu einem Handgemenge.

Der Regisseur konzentriert sich auch auf Hoovers Beziehung zu seiner Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts). Sie verwaltet im Film die Geheimakten, die Hoover aus seiner Skrupellosigkeit heraus über zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens anlegen ließ, um bei Bedarf mit den darin enthaltenen Informationen die Politik zu seinen Gunsten lenken zu können. Glaubt man Eastwood, war Bespitzelung eine Spezialität Hoovers. "Wissen ist Macht", lässt Eastwood Hoover sagen. "Wir werden dieses Wissen haben."

Hoover ist überzeugt - Manchmal muss man das Gesetz etwas beugen, um die Sicherheit im Land zu gewährleisten.
Hoover ist überzeugt - Manchmal muss man das Gesetz etwas beugen, um die Sicherheit im Land zu gewährleisten.
© Warner

Folgt man Eastwood, so hatte Hoover bei seinen Entscheidungen immer den eigenen Vorteil im Blick. Nicht zuletzt deshalb zeichnet er vom ehemaligen FBI-Chef mit viel Feingefühl das Bild eines machtbesessenen, antikommunistischen, rassistischen, patriotischen Despoten, der dank seiner Skrupellosigkeit zu einem der einflussreichsten Männer Amerikans avancierte.

Leonardo DiCaprio spielt diese Rolle mit viel Kälte, Hochmut und Arroganz. Ihn auch die Szenen des gealterten Hoovers spielen zu lassen, erweist sich als die richtige Entscheidung. So kann DiCaprio eindrucksvoll den Wandel von Hoovers Charakter während seiner Zeit beim FBI darstellen. Das gelingt ihm mit Bravour. Möglicherweise beschert ihm dieser Auftritt die nächste Oscar-Nominierung. Verdient hätte er sie auf jeden Fall.

Als wahrer Glücksgriff erweist sich Armie Hammer. Der Nachwuchsstar aus "The Social Network" kann in seiner Rolle als Hoover-Stellvertreter locker mit Hauptdarsteller DiCaprio konkurrieren. Überzeugend auch Naomi Watts in ihrer Rolle als Hoovers Sekretärin, die vor allem eines ist: ihrem Boss loyal ergeben.

Kaum hat er das Zeitliche gesegnet, vernichtet sie seine brisanten Aktenbestände. Als ihr widerspenstiger Gegenpart erweist sich Judi Dench, die als Annie Hoover einen autoritäten Charakter verkörpert, der ihren Sohn nachhaltig beeinflusst. Immer wieder scheint sich Hoover ihrem Leistungsdruck ausgesetzt zu sehen, der ihn Zeit seines Lebens verfolgt.

Clint Eastwood hat J. Edgar Hoover ein bröckelndes Denkmal gesetzt. Sein Film ist kein Aufguss amerikanischer Heldenmythen. Dem Altmeister gelingt eine kritische Betrachtung des Lebens und Wirkens des ehemaligen FBI-Chefs, ohne sein Andenken zu entehren. Das ist gerade bei einer streitbaren Figur der amerikanischen Geschichte wie Hoover ganz große Kunst.

Neben Oliver Stone's "Nixon" (1995) ist "J. Edgar" mithin die wichtigste amerikanische Polit-Biografie der letzten 20 Jahre. Ein wichtiger Film, der in Zeiten zunehmender staatlicher Überwachung zum Nachdenken anregt.

USA 2011, R: Clint Eastwood, D: Leonardo DiCaprio, Naomi Watts, Dame Judi Dench, 137 Min.

Filmstart ist der 19. Januar, zu sehen im CineStar und der Schauburg.

Die Seite zum Film:

www.J-Edgar.de


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