Gerade einmal anderthalb Jahre ist es her, dass die Verfilmung von Stieg Larssons drittem Roman "Vergebung" in den Kinos anlief. Die gemeinsam vom schwedischen Fernsehen und ZDF produzierte "Millenium-Trilogie" war nicht nur ein filmisches Erlebnis, das die Namen der Hauptdarsteller Michael Nyquist und Naomi Rapaace ins Blickfeld mancher Hollywoodregisseure geraten ließ. Auch kommerziell waren die drei Filme erfolgreich.
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Der erste Teil "Verblendung" spielte 2009 allein in Larssons schwedischer Heimat rund 12 Millionen Euro ein. Vermutlich liegt hier der Grund, warum sich jetzt die amerikanische Traumfabrik mit den Geschichten um den investigativen Wirtschaftsjournalisten Mikael Blomkvist und der Hackerin Lisbeth Salander befasst.
Ausgerechnet David Fincher wurde auserkoren, in dem kommerziell motivierten Neuaufguss Regie zu führen. Das ist nicht per se die schlechteste Entscheidung. Ob ein Namenloser mit multipler Persönlichkeit in "Fight Club", ein nie gefasster Serienkiller in "Zodiac" oder Mark Zuckerberg in "The Social Network" - David Fincher ist ein Regisseur, der es wie kaum ein anderer versteht, tief in die seelischen Abgründe seiner Protagonisten zu blicken. So jemand scheint wie geschaffen für die Verfilmung eines Thrillers, der den Zuschauer mit auf die Reise zu den dunkelsten Geheimnissen einer fiktiven schwedischen Wirtschaftsdynastie nimmt.
Der pensionierte Großindustrielle Henrik Vanger heuert Blomkvist an, um das Verschwinden seiner Enkelin Harriet vor mehr als 40 Jahren aufzuklären.
Der jüngst wegen übler Nachrede verurteilte Blomkvist (Daniel Craig) wird von Henrik Vanger (Christopher Plummer), einem vermögenden Industriellen, angeheuert. Er soll herauszufinden, was hinter dem Verschwinden seiner Nichte Harriet steckt. Vanger vermutet, dass sie von einem anderen Familienmitglied ermordet wurde. Parallel wird die Privatdetektivin Lisbeth Salander (Rooney Mara) beauftragt, in Blomkvists Leben herumzuschnüffeln – was letztlich dazu führt, dass sie dem Journalisten bei seinen Recherchen unter die Arme greift. Gemeinsam stoßen sie auf eine bestialische Mordserie, die von der Vergangenheit bis in die Gegenwart reicht.
Satte zweieinhalb Stunden nimmt sich Fincher für seine Version von "Verblendung" Zeit. Die ist vor allem gut kopiert. Viele Einstellungen werden Larsson-Fans bekannt vorkommen. Das ist bisweilen ermüdend. Auch das Drehbuch ist eng ans schwedische Original angelehnt, was insbesondere im Schluss ersichtlich wird. Fincher und sein schwedischer Vorgänger Niels Arden Oplev verknappen das etwas langatmige Romanende auf ähnliche Art und Weise. Der Amerikaner legt in seiner handwerklich perfekten Inszenierung im Gegensatz zu seinem Vorgänger einen schärferen Fokus auf die Beziehung zwischen seinen beiden Protagonisten, der in den beiden folgenden Teilen eine starke Bedeutung zukommen wird. Daniel Craig macht in seiner Rolle zwar eine überzeugende Figur. Der Bond-Darsteller spielt den Journalisten als geradlinigen, ehrlichen, unbestechlichen und leicht verplanten guten Freund von Nebenan. Das ist sympathisch, erinnert aber stark an seinen schwedischen Vorgänger Michael Nyquist.
Parallel wird ein Detektivbüro beauftragt, Blomkvist auszuspionieren - Lisbeth Salander hat dafür ihre eigenen Methoden.
Schlimmer Rooney Mara. Ihre Lisbeth Salander ist ein schwaches, zerbrechliches Wesen, das ständig seinem Schatten hinterher hastet. Wo ist die Kraft, die Kaltschnäuzigkeit und vor allem die Dreistigkeit geblieben, mit der Stieg Larsson seine Antiheldin ausgestattet und mit der Naomi Rapaace die Rolle blendend ausgefüllt hat? Keine Frage, Mara spielt gut. Sie lässt den Zuschauer am qualvollen Leidensweg ihrer Figur partizipieren. Wenn Salander von ihrem Betreuer Bjurman vergewaltigt wird, kann der Zuschauer gar nicht anders, als angesichts ihrer brutalen Wunden mitzuleiden. Aber Larssons Salander leidet nicht. Sie kämpft. Sie wehrt sich. Das tut Finchers Salander zwar auch, aber aus Verzweifelung, nicht als Akt einer inneren Rebellion. Das ist schade und nimmt dem gesellschaftskritischen Stoff ein Stück seiner wuchtigen Wirkung.
Aber David Fincher's "Verblendung" hat ohnehin nicht mehr das Zeug, um zu provozieren. Jedenfalls nicht hierzulande. Das zentrale Thema des Films, Gewalt gegen Frauen, ist zwar jederzeit ein Dauerbrenner, aber Story und Figuren sind einfach schon zu ausgelutscht. Solange das Einspielergebnis stimmt, wird das die Produzenten von Sony Pictures wenig stören. Der Kommerz geht im amerikanischen Mainstreamkino der gesellschaftskritischen Message vor. Die Teile zwei und drei sind bereits in Planung.
USA 2011, R: David Fincher, D: Daniel Craig, Rooney Mara, 155 min, FSK 16.
Filmstart ist der 12. Januar, zu sehen im CineStar, Cineplex, Regina Palast, UCI Nova Eventis.
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