DOK Leipzig eröffnete mit Weltpremiere und kritischen Tönen
Sebastian Beyer
30.10.2012
Claas Danielsen und Grit Lemke als Verantwortliche für den Dokumentarbereich flankieren Sara Afreen und Kamar Ahmad Simon.
Foto: Sebastian Beyer
Es gehört zu einer der großen Ungerechtigkeiten unserer Zeit, dass diejenigen, die wenig für den Klimawandel können, ihn als erste zu spüren bekommen. Das zeigte der Eröffnungsfilm „Are you listening“ von Kamar Ahmad Simon. Seine intensive Beobachtung einer Familie an der Küste Bangladeshs zeigt den Kampf, nach einer Überflutung verlorene Heimat durch den Bau eines Deiches zurückzugewinnen. Politiker versprachen den Dorfbewohnern viel, letztlich mussten sie selbst anpacken.
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Dabei wählt Simon die Perspektive des stillen Beobachters und führt auch die Kamera selbst durch den Alltag einer ausgewählten Familie. „Wir waren während der Drehzeit von 20 Monaten immer wieder im Dorf und hatten schon vor Drehbeginn viel Zeit dort verbracht. So gewannen wir das Vertrauen der Menschen sich uns gegenüber zu öffnen“, erklärte der Regisseur seinen Ansatz. Gelohnt hat es sich allemal, die Protagonisten treten offenbar wirklich unverstellt auf, Sorgen und Leid aber auch die kleinen Freuden des Alltags werden authentisch transportiert, auch bei recht persönlichen Unterhaltungen. Produzentin Sara Afreen versicherte „So viel Zeit auf einen Dreh und das Kennenlernen einer Familie zu verwenden, ist auch in Bangladesh nicht normal.“ Sie habe einen weiteren Job annehmen müssen, um Geld für die Produktion einzunehmen.
Bevor jedoch der Film lief, gab es schon eine erste Auszeichnung, nämlich die Verleihung des DOK Alliance-Preises. Gewonnen hat der Däne Christian Sonderby Jepsen, der mit einer sehr sympathischen Beschreibung der Handlung seines Films „The Will“ die Lacher auf seiner Seite hatte: „Im Film kommen die beiden Brüder ständig zu spät, selbst zur Beerdigung ihres Großvaters. Eigentlich sollte einer der beiden heute Abend hier sein, aber ich bekam heute morgen eine SMS. Er hat seinen Zug nach Leipzig verpasst.“ Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und wird abwechselnd bei einem der sechs europäischen Filmfestivals vergeben, die sich zur Doc Alliance zusammengeschlossen haben. Bemerkenswert ist auch die Leistung des Toningenieurs. Die Fließgeräusche des Wassers, vom sanften Gurgeln bis zum kraftvollen Rauschen, könnten in einem anderen Zusammenhang geradezu idyllisch und beruhigend sein. Im Zusammenspiel mit den Bildern aber wird die Bedrohung deutlich, die vom Element ausgehen kann.
Oberbürgermeister Burkhardt Jung betonte seinen großen persönlichen Einsatz für das Festival.
Foto: Sebastian Beyer
Teil der Eröffnung waren auch die obligatorischen Reden. Sachsens Kunstministerin Sabine von Schorlemer lobte das Festival als Ort der Begegnung. „Dokumentar- und Animationsfilm als eine besondere Kunstform, die durch technologischen Wandel und sich verändernde Mediennutzungsgewohnheiten der Menschen ständig auf neuen Wegen befindet, braucht Orte der kreativen Kommunikation. DOK Leipzig ist solch ein Ort.“ Ansonsten bestand ihre Rede leider größtenteils aus Versatzstücken verschiedener Pressemitteilungen des Festivalbüros.
Auch Oberbürgermeister Burkhardt Jung äußerte seine Wertschätzung für das Festival. „DOK Leipzig ist längst ein Markenzeichen für Leipzig geworden, zu einem Kulturereignis und einem kulturellen Besitz, der weltweit über unsere Stadtgrenzen strahlt.“ Des Weiteren betonte er seinen großen persönlichen Einsatz für das Festival, woran die Ortskundigen merkten, es ist Wahlkampf in der Stadt.
Festivaldirektor Claas Danielsen (li.) übte in einer ausdrucksstarken Rede auch Kritik.
Foto: Sebastian Beyer
Wie eine Rede auch ohne Floskeln und eigene Lobhudelei auskommt, das zeigte Festivaldirektor Claas Danielsen: „Es war ein gutes Jahr für DOK Leipzig mit dem erfolgreichen Umzug und dem Umstieg auf eine neue Datenbank. Es kann aber nach dem Rekordbesucherjahr mit vielen ausverkauften Vorstellungen genau wie in der Wirtschaft kein unbegrenztes Wachstum geben. Wäre es nun ein Scheitern, wenn die Zahlen nicht erreicht würden? Ich denke nicht, denn auch dieser Saal lässt sich nicht aufblasen. Welchen Wert hat es, wenn mich Menschen noch Monate nach dem Festival ansprechen, weil sie ein Film bewegt hat? Wie aussagekräftig ist dagegen die Reichweitenmessung? Warum überhaupt wird Erfolg so auf Einschaltquoten im Fernsehen und Zuschauerzahlen reduziert und warum lassen wir uns das gefallen?“
Das Nachdenken über diese Fragen überließ er dem Publikum, nicht ohne die Konsequenzen für Filmemacher und Autoren aufzuzeigen."Es gibt in der Filmwirtschaft inzwischen in vielen Bereichen ein Ungleichgewicht der Kräfte, das ganze Berufsgruppen an den Rand ihrer wirtschaftlichen Existenz bringen könnte", so Danielsen weiter. Filme entstünden für die Autoren häufig unter selbstausbeuterischen Umständen und in Verbindung mit einem enormen wirtschaftlichen und persönlichen Risiko für die Produzenten. Der Festivaldirektor übte Kritik an den Fernsehsendern, aber er fand auch versöhnliche Töne: „Ich habe die Vision von einem partnerschaftlichen Umgang, in dem endlich faire Rahmenbedingungen für die Arbeit der Kreativen in allen Genres geschaffen werden. Wir brauchen Filmemacher und Autoren, die von ihrer Arbeit leben können.“ Dazu gehöre auch ein echtes Copyright zum Schutz der Kreativen, das von Politikern mutig verteidigt werden müsse.
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