Bei Sokrates auf der Couch: Erste Leipziger Praxis für Philosophie & Ethik
Ralf Julke
07.05.2005
Jens Ilg.
Connewitz ist ein gutes Pflaster für Philosophen. Gohlis wahrscheinlich auch. Oder Lindenau. Aber Jens Ilg hat sein "Praxis für Philosophie & Ethik" in Connewitz eröffnet, in der Frohburger Straße 40. Seit März ganz offiziell. Vorher hatte der studierte Philosoph und Theaterwissenschaftler ganz irdisch mit der Materie zu kämpfen, denn das Ladengeschäft, das er sich da einrichtete, war vorher mal ein Hundesalon. Und das sah man ihm auch an.
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Kacheln an den Wänden, eine Hundebadewanne in der Ecke und Stapel bunter Hundehochglanzmagazine. Philosophische Vorarbeiten können ganz schön mühselig sein. Aber alles fließt. Und irgendwann konnte der 34jährige über der Tür das blaue Schild anbringen, das seitdem Spaziergänger, Eilige, Hundebesitzer und Ausflügler zum Stehenbleiben animiert: Was ist denn das? Ganz Mutige stecken den Kopf durch die Tür und fragen selbst. Und natürlich bekommen sie eine Antwort. Und wer besonders neugierig ist, kommt wieder, vereinbart mit Jens Ilg einfach einen Termin - zum Philosophieren natürlich.
"Ich bin ja selbst überrascht, wer alles kommt. Jüngere und Ältere, Frauen und Männer, Arbeitslose und selbst Leute mitten im Berufsstress, quer durch die Bank", sagt Ilg, der in Leipzig geboren wurde und dermaleinst das Kochen gelernt hat. Was seinem sinnenden Geist nicht so recht genügte. Er holte sein Abitur nach und studierte dann in Leipzig und Bern. Philosophie natürlich, Theaterwissenschaft im Nebenfach. Was nicht unbedingt ein Studium mit Karriereaussichten ist. Es gibt keine Laufbahn zum Chef-Philosophen. Mancher baut sich eigene Systeme und schreibt dicke Bücher. Viele aber landen am Steuer eines Taxis und philosophieren ihr Leben lang mit stündlich wechselnden Fahrgästen. Was nicht die übelste Art ist, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Nur mit der Einschränkung: Wenn die Fahrgäste aussteigen, ist der Faden gekappt.
Jens Ilg.
"Das wollte ich nicht", sagt Jens Ilg, der in Plagwitz zu Hause ist und von Kollegen hörte, die - vor allem in Westdeutschland - philosophische Praxen betreiben. In Städten wie München oder Berlin gibt es sogar Dutzende davon. Da kann, wer will, sich den Philosophen aussuchen, den er haben will. Heute Sokrates, morgen Platon. Natürlich heißen die guten Leute so nicht. Und sie haben in der Regel auch mehr studiert als die antiken Denker. In der Regel einen sehr modernen Philosophiezweig, der sich analytische Philosophie nennt.
"Das ist eine Richtung, die langsam an Verbreitung gewinnt. In erster Linie legt man da Wert auf Verständlichkeit, auf gute Argumente und auf eine möglichst große Nähe zur Wirklichkeit." Wer sich an den Phrasen Martin Heideggers oder den Postulaten Immanuel Kants die Zähne ausgebissen hat, kann mit dieser Art Philosophieren entdecken, dass Denken keine Gehirnakrobatik sein muss. "Und die meisten Menschen haben ja ein Grundbedürfnis zum Philosophieren, sich mal so richtig zu unterhalten über Gott und die Welt", weiß Ilg. "Ihr Problem ist oft nur: Mit wem können sie das?"
Manche tun es mit ihrem Kneiper, andere mit ihrem Friseur, andere mit Freunden im Café. Aber das klappt nicht immer. Manchem fehlt einfach der ernst zu nehmende Partner. Und man rennt ja nicht zum Therapeuten, wenn man über die Welträtsel nachdenken will. Man bucht eine Stunde beim Philosophen, so wie die alten Griechen. Für gute Gespräche hat Ilg den Laden hergerichtet. Eine große blaue Couch, zwei bequeme Schwingsessel. Da lässt es sich plaudern. Tee. Wasser oder Kaffee dazu.
"Die Leute sollen sich ja wohl fühlen. Sie sollen auch nicht das Gefühl haben, in einem Seminar zu sein", sagt der Hausherr. Sie sollen in richtig gemütlicher Atmosphäre nachdenken dürfen über die Dinge, die sie bewegen. Über Wahrheit und Glück, Freundschaft und Liebe, über Extremismus, Nationalismus und Glauben, Politik, Familie und den ganzen Rest. Ilg hört zu, fragt nach, bringt Einwände, hilft einfach dabei, die Dinge auch mal von der anderen Seite anzuschauen, richtig drüber nachzudenken. Das traut sich ja nicht jeder mit sich allein. Da tut ein Philosoph gut, der einem hilft, Allgemeinplätze zu demontieren, Argumente zu prüfen, Allseitsbekanntes mit kritischen Blick wahrzunehmen.
"Die Themen sind so vielfältig wie meine Besucher", sagt der Philosoph, der für einen Theater-Informationsdienst auch nach als Fachredakteur tätig ist. Radfahren und Fotografieren sind seine Hobbys. Und die Philosophie-Praxis ist sein Idealismus. "Die Leute kommen ja mit Fragen oder Problemen, die sie beschäftigen, die ihnen auf den Nägeln brennen", sagt er. "Wenn ich ihnen helfen kann, den Wirrwarr zu ordnen, Klarheit in ihre Gedanken zu bringen, dann habe ich schon viel erreicht."
Und wenn sich seine Besucher mit ähnlichen Problemfeldern herumschlagen, dann lädt er sie auch zu Diskussionsrunden ein. Da kann man dann länger und tiefer drüber nachdenken, was die Menschen bewegt. Für gewöhnlich dauert ein Gespräch nur eine Stunde. Mehr überfordert auch viele Leute, die das Nachdenken so nicht gewohnt sind. Die Schule vermittelt es ja auch nicht, serviert die Philosophen wie Fertiggerichte: Wärm's dir auf und iss es. Punkt. Dabei ist das Bedürfnis zum Philosophieren ein Urbedürfnis der Menschen. Wer es sich erfüllen will, ist auf der Couch von Jens Ilg ganz gut aufgehoben.
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