Zahn um Zahn: Neues Wollenberg-Projekt ex.ces hat ‘ne Scheibe
Ralf Julke
05.07.2005

Jens Paul Wollenberg.
Er ist nicht tot zu kriegen. Er steht immer wieder auf. Er ist wie sein großes Vorbild Francois Villon - ein Widerborstiger, Unangepasster. Wollenberg eben, 52 Jahre alt, Liedermacher, Autor, Maler. In den letzten Jahren war er mit den wilden Texten der Franzosen praktisch in der Stötteritzer Margerite zu Hause. Der Mann braucht eigentlich keine Kapelle, um sein Publikum zum Zittern zu bringen. Er holt sich trotzdem immer wieder eine dazu. Für sein neuestes Projekt die Gruppe Chelesta.
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Zweijähriger berufsbe-
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Eine Kultband, würden manche sagen, eine vierköpfige Truppe, die mit Akkordeon, Tuba, Schlagzeug, Trompete, Posaune und Piano Musik macht, die fast alles berührt von Rock bis Folk, von Klezmer bis Blues, irgendwo den „17 Hippies“ verwandt. Vielleicht, weil auch unter den Musikern die Suche wieder im Gang ist nach dem Eigenen, Unverwechselbaren, der alles mitreißenden Musik. Mit dem Chansonnier Wollenberg dazu bekommt das Ganze noch einen hintersinnigen Grund, etwas Teuflisches fast. Da reiten die Fünf hemmungslos in wilde Lieder hinein.
Kein Wunder, das sich das als Fünferbande „ex.ces“ nennt. Da wird Polka getanzt, da lodert der Tango. Und da feiert natürlich der 1431 geborene Francois Villon alias Francois de Montcorbier seine Auferstehung. Wer, wenn nicht Jens-Paul Wollenberg sollte die Balladen des Früh-Gescheiterten besser, abgründiger darbieten? 1455 erschlug Villon im Streit einen Priester. Dashat sein Leben geprägt, ihn zum Verbannten gemacht, zum Dichter und zum Sänger jener Balladen, die als „Das große Testament“ bekannt wurde. Schnoddrige, lebenslustige, ungezierte Texte von einem, der den Rest seines Lebens immer im Schatten der Galgen lebt und der seine bissigen Verse schreibt gegen eine bigotte, wohlfahrende Gesellschaft, die nicht die seine ist.
Wollenberg hat keinen Priester erschlagen, aber der einstige Briefträger hat früh begonnen, gegen einen Staat anzubrummeln, der das Observieren zur Bürgertugend gemacht hatte. Anpassen, gar brav seine Scheinchen machen für die erlaubten Auftritte in Klubs und Festivals wollte Wollenberg nie. „Leute, die mich einluden, hab ich immer gefunden“, sagt er. Den abgründigen, hintersinnigen Auftritt hat er derweil immer mehr zu seinem Markenzeichen gemacht. Und als ihm die anhaltinische Provinz zu eng wurde, ging er nach Leipzig. In der Südvorstadt fühlt er sich seit 17 Jahren pudelwohl. Wer da am Bordstein sein Bierchen trinkt, sieht den Sänger zuweilen auf einem alten Diamant-Fahrrad vorüberradeln.
1992 veröffentlichte Wollenberg seine erste CD „Razzia im Paradies“ - da steckt schon alles drin, die ganze Bissigkeit, die ganze ironische Weltbetrachtung des Unangepassten, der er zwangsläufig blieb auch dann, als es in den Klubs immer mehr darum ging, mit Muggen auch noch Umsatz zu machen. So groß ist seine Fan-Gemeinde dann doch nicht. Logisch. Mit Mainstream hat das, was er macht, wirklich nichts zu tun. Zuweilen ahnt man tatsächlich noch seine Anfange, wie er als postalischer Boote über die Landschaften gefahren sein muss, die Nase im Wind, die Mütze im Nacken - und mit knarziger Stimme Lieder brüllend, die er bei Villon gefunden hat. Angepasst an die nicht ganz so mörderische Gegenwart. Aber mit Inbrunst.
Über diese Zeit schrieb er vor ein paar Jahren. Das ist nachzulesen in seinem Buch „Die Geschichte vom einsamen Selb. Politischer Sachbericht eines globalisierten Landbriefträgers“, erschienen im Fünf Finger Ferlag. Jetzt hat er mit Chelesta alias ex.ces endlich wieder eine CD eingespielt: „Zahn um Zahn“, wieder mit drei Balladen frei nach Villon, teilweise so hymnisch vertont, dass man aufspringen und mitbrüllen möchte und dann gleich noch die Marseillaise hinterschicken will. Das hat Wucht. Das ist nicht nur hingerockt, das hat Seele.
Und dass der knarzige Sänger auch romantisch kann, zeigt er mit dem Aragon-Text „Als angebrochen war die Zeit“, beinah so lyrisch zelebriert wie „Ich hab’ mich in dein rotes Haar verliebt“. Die Scheibe wurde beim Berliner Label Raumer Records eingespielt. Am Donnerstag, 7. Juli, um 21 Uhr feiert ex.ces Record-Release-Party zur Scheibe in der Moritzbastei.
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