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Comeback fürs Kino im Grassi: Die Welte-Kinoorgel nimmt ihren Donner-Dienst auf

Ralf Julke
Die Orgel wir gestimmt.
Die Orgel wir gestimmt.
Drei Monate hat es gedauert. Drei Monate Basteln, Knobeln und Fummeln, um Leipzigs verrückteste Orgel aufzubauen: die einzige sächsische Kino-Orgel, die in diesen Tagen vor 144 geladenen Gästen feierlich eingeweiht wird. Die Verantstaltung ist geschlossen. Niemand passt mehr hinein in den nagelneuen Vortragssaal des Grassi-Museums, der früher einmal das Grassi-Kino war. Die cineastischen Sensationen kommen wieder. "Versprochen", sagt Dr. Eszter Fontana.


Sie ist die Direktorin des Musikinstrumentenmuseums. Ihr gehört die Kino-Orgel der Firma Michael Welte & Söhne. Oder besser: ihrem Museum. 40 Jahre lang lag das gute Stück "in tausendundein Einzelteil zerlegt" im Magazin. Generationen von Direktoren träumten davon, die Orgel irgendwo irgendwann einmal aufzustellen und ihr wieder Töne zu entlocken. "Vor der Restaurierung des Grassi-Komplexes aber war daran überhaupt nicht zu denken", sagt die Direktorin. "Erst als die Sanierung spruchreif wurde, konnten die Architekten auch die Orgel in ihre Pläne einbauen."

Immerhin ist das gute Stück sieben Meter breit, fünf Meter hoch, über zwei Meter tief. Wer davor steht, sieht das Instrument vor lauter Instrumenten nicht. 576 Pfeifen drängen sich aneinander, Tamburine, kleine Trommeln, Schellen. Ein ganzes Orchestrion, das die Firma Michael Welte & Söhne da 1929 nach zwei Jahren Pusselei beisammen hatte. Das Monstrum kann nicht nur Musik machen wie eine gewöhnliche Orgel. Es kann auch Flöte spielen, Geige und Oboe, Harfe und Saxophon. Es kann auf die Pauke hauen und donnern.

Das Innere.
Das Innere.
Es ist das ultimative Orchester in einem Holzkasten. Und ein Orchester musste es auch ersetzen 1929 in der Hochzeit der Stummfilme. In der Hochzeit der Wirtschaftskrise. Die Musiker gingen stempeln und auch die erfolgeichsten Kinobesitzer kündigtem ihrem Hungerorchester, um sich nicht nur ein Orchestrion hinzustellen, sondern eine echte Kinoorgel. Das Nonplusultra der Musikmaschinen aus jener Zeit, als die Bilder zwar laufen, aber nicht sprechen konnten.

Auch das nagelneue Kino im neuen Grassi-Komplex bekam 1929 eine solche Orgel, benannt nach dem Thomaskantor Karl Straube. Das Stück wurde im Bombenhagel de 2. Weltkrieges vernichtet. Verloren gegangen ist auch die von der Leipziger Firma Hupfeld gebaute Kinoorgel, die noch in den 1950er Jahren im Kino Capitol das Publikum erfreute. "Die wurde seinerzeit Opfer der neuen Breitwand-Technologie", sagt Eszter Fontana. "Man hat sie einfach demontiert und weg damit, hat stattdessen auf die Zukunft der Hammond-Orgel gesetzt."

Ein Glück für das Leipziger Instrumenten-Museum, dass die Erfurter nicht ganz so besessen waren vom Wegschmeißen und ihre alte Kinoorgel in den 1960er Jahren dem Leipziger Museum anboten. Bis 2001 lag das Geschenk im Archiv, Traum aller Museumsdirektoren. Als das Grassi endlich Gestalt annahm, gab Eszter Fontana die Kinoorgel kurzerhand zum Aufmöbeln in die Werkstatt von Jehmlich Orgelbau in Dresden.

Die war schon positiv aufgefallen, als sie 1993 eine Kino-Orgel für das Filmmuseum in Potsdam restaurierte. Eine seltene Kunst, denn viele Kinoorgeln gibt es nicht mehr in Deutschland, 15, wenn man aktuellen Zahlen glauben darf. 13 in Westdeutschland, die in Potsdam und jetzt die Leipziger. Fünf Jahre dauerte die Restaurierung, kostete rund 250.000 Euro. Die Hälfte des Geldes stellten der Bund und die Universität Leipzig zur Verfügung, die andere Hälfte sammelte der Förderkreis des Museums.

Geldgeber und Förderer sind natürlich die Ersten, die das Pfeifen, Fauchen und Donnern der Orgel live erleben dürfen. "Alle anderen", so Eszter Fontana, "müssen sich noch ein klein wenig gedulden." Noch stecken die Orgelbauer der Firma Jehmlich in der Feinabstimmung.

Bis zum 18. November soll alles pefekt sein, soll das Riesending wieder die Glocken läuten, die Castagnetten schlagen und wie ein Schiff tuten können, pfeifen wie eine Lokomotive und pladdern wie ein mächtiger Regen. Was eben so eine Orgel können musste Ender 1920er Jahre, kurz bevor der Tonfilm erfunden wurde und die Kinoorgeln überflüssig machte. Wie die vorher die Kinomusikanten überflüssig gemacht hatten. "Das erinnert einen irgendwie an die Gegenwart", meint die Museumsdirektorin, die noch nicht verraten will, welche Stummfilme man in den ersten Publikumsveranstaltungen mit Kinoorgel erleben wird. "Wir klären gerade die Rechte", sagt sie.

Deswegen wird es vorerst auch nur eine Orgelvorführung im Monat geben. Am 18. November um 18 Uhr eine und die nächste am 16. Dezember. Wer Karten haben will, muss sie vorbestellen oder sich gleich sichern an der Museumskasse im Grassi. Sie kosten 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. An der Abendkasse, so die Direktorin, gäbe es definitiv keine. Es gäbe 144 Sitzplätze und keinen mehr. Das fröhliche Sitzen wie in historischen Kinozeiten auf den Treppenstufen wird es also nicht wieder geben.

Aber sensationelle Filmerlebnisse garantiert, verspricht die Direktorin. Auch mit dem Völkerkundemuseum ist man schon im Gespräch über faszinierende Forscher-Film-Rollen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Stummfilm-Reihe mit der Welte-Kinoorgel könnte eine kleine, sensationelle Reihe werden, einmalig in Mitteldeutschland. Dolby Surround war gestern. Kinoorgel ist morgen.


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