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Wiederentdeckung eines genialen Leipzigers: Erste Ausstellung für Adam Friedrich Oeser seit 109 Jahren

Ralf Julke
Entwurf fürs Gellertdenkmal.
Entwurf fürs Gellertdenkmal.
Es wurde Zeit. Es ist 109 Jahre her, dass in Leipzig letztmalig eine Ausstellung mit Bildern von Adam Friedrich Oeser gezeigt wurde. Oeser? Da müssen selbst Leipziger grübeln. Wer war das? Goethes Zeichenlehrer. Na gut. Der Schöpfer der Bilder in der Nikolaischule. Wer achtet darauf? Gründer der Zeichenakademie. Genie? Pionier? Ein begnadeter Lehrer? - Eine Ausstellung holt den Beinah-Vergessenen aus den Verliesen der Bilderkammer.

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Natürlich ist Richard Hüttel schuld, der Leiter der Grafischen Sammlung im Museum der bildenden Künste. Er hat die Ausstellung kuratiert, die gestern abend zeremoniell eröffnet wurde. Drei Räume und ein Kubus auf der ersten Etage im Bilderklotz, eine Kabinettausstellung, die ihre Grenzen sprengt. Und die ahnen lässt, was der 1717 in Pressburg (Bratislava) Geborene anrichtete, als er 1759 nach Leipzig kam.

Adam Friedrich Oeser. Gemälde von Anton Graff. Foto: MdbK
Adam Friedrich Oeser. Gemälde von Anton Graff. Foto: MdbK
Da hat der Mann schon eine halbe Karriere hinter sich. Hat mit sieben Jahren das Hand- und Naschwerk eines Zuckerbäckers gelernt, ging mit 13 an die Kunstakademie in Wien, mit 18 gewann er seinen ersten Preis, mit 22 malte er für die Oper und die Hofkirche in Dresden. "Ein Autodidakt", sagt Richard Hüttel. Ein Autodidakt, der wie kein anderer Künstler seiner Zeit den provinziellen Kunskanon des deutschen Barock aufbricht, umbricht, umkrempelt.

Und sich einen Namen macht in ganz Europa, spätestens, als er 1764 zum Direktor der ZMAA ernannt wird, der "Zeichnungs-Mahlerey und Architectur-Academie". Das Jahr sollte man wohl kennen in der Leipziger Wächterstraße: 2014 feiert deswegen die heutige Hochschule für Grafik und Buchkunst ihren 250. Gründungstag. Das hat schon was. Auch wenn Leipzig damit nicht die erste Kunstakademie in deutschen Landen bekam, aber die erste, die so einen Direktor hatte, der von Anfang an die Kunst in den Dienst der Wirtschaft stellte.

Nicht gnadenlos. Sonst hätte Goethe, der 1766/1768 lieber bei Oeser zeichnen lernte als die trockenen Paragraphen im Jura-Studium, anders über seinen Lehrer berichtet, als er es tat. Und auch wenn heute nicht mehr jeder Goethe liest, weil das Schulwissen als Presswurst in preiswerten Lernhelfern zu haben ist - in seinen "Propyläen" nennt Goethe seinen Lehrer einen "der begabtesten Menschen unseres Jahrhunderts". Damit meint er - noch - das 18. Jahrhundert. Geyser war 1799 gestorben, hatte Dutzende Schüler ausgebildet, die in der deutschen Klassik berühmt und geehrt waren.

Und: Er hatte der Klassik in der deutschen Kunst zum Durchbruch verholfen - in enger Freundschaft zum gleichaltrigen Johann Joachim Winckelmann. Genau jenem Winckelmann, der in Europa die klassische Altertumsforschung in Gang setzte und dorthin reiste, "wo die Zitronen blühen", um selbst zu sehen, was noch zu finden war von Roms großem Glanz. Wer hat wen angeregt? Hüttel sagt: "Oeser den Winckelmann". Oeser sei auch der eigentliche Anstifter gewesen für die Idee, den Innenraum der Nikolaikirche 1784 klassizistisch umzubauen - zu einem Theaterraum mit hohen, kanellierten Säulen und den unverwechselbaren Palmblättern.

Hüttel erklärt einen restaurierten Oeser.
Hüttel erklärt einen restaurierten Oeser.
"Nicht der brave Stadtbaumeister Dauthe", sagt Hüttel, der geradezu schwärmt von den Spuren, die in Oesers Grafiken zu finden sind und einen Künstler verraten, der zumindest der Zunft seiner Landsleute um 30 Jahre voraus war. Ein echter Klassiker. Der auch den Leipziger Buchdruck revolutionierte, indem er die professionelle Kupferstecherei der Noch-längst-nicht-Buchstadt auf das Niveau der Zeit hob. Das Tempo gaben London und Paris an.

Es war Oesers Schule, die vielen Leipziger Neuerscheinungen erst zu dem bahnbrechenden Erfolg verhalfen, der die Stadt und ihre Verleger erst ins Gespräch brachte. Oeser lieferte die Zeichnungen und Leute wie Bause und Geyser setzten die Stiche um. Aber nicht nur diese Art Industrie brachte der Akademiedirektor auf Trab. Er ließ auch Konditoren, Schlosser, Blumenzeichner und Silberschmiede unterrichten an der Akademie, die in der Pleißenburg eingerichtet wurde. "Er war wohl einer der ersten, die erkannten, wie wichtig ein gutes Design für den Absatz eines Produktes ist", sagt Hüttel. Und erinnert beiläufig daran, dass 1763 gerade der siebenjährige Krieg zu Ende gegangen war, das Sachsen verwüstet und geplündert war. Und auch die Wirtschaft zerstört war.

Einen der ersten Wirtschaftsförderer nennt Hüttel den Zeichner, der an seiner Leipziger Akademie wesentlich schlechter bezahlt wurde als etwa der Akademiedirektor in Dresden. Was ihn nicht hinderte, die Leipziger Schule binnen kürzester Frist berühmter zu machen als die Dresdener. Über 350 Grafiken besitzt das Leipziger Bildermuseum. Manches ist noch in der Welt verstreut. Aber auch die kleine Auswahl von 55 Bildern zeigt, wie Oeser den Bilderkanon seiner Zeit aufmischte.

Der sonst eher heutigen Künstlern vorbehaltene Kubus zeigt Oeser-Vorarbeiten für seine Leipziger Projekte - Nikolaikirche, Gellertdenkmal, Gewandhaus. Er hat mehrere Leipziger Bürgerhäuser ausgestaltet und teilweise mit frappierenden Deckengemälden ausgestattet. Davon ging das Meiste schon im vorletzten Jahrhundert verloren. Die Leipziger wissen nicht wirklich immer zu schätzen, was sie besitzen. Von den Oeser-Gemälden im alten, ersten Gewandhaus haben sich ein paar Skizzen erhalten. Wenigstens das.

Erst die genaue Betrachtung zeigt, welche Geschichten Oeser erzählt in seinen Bildern, lauter kleine Anekdoten aus der griechisch-römischen Sagenwelt - mit Zeitbezug. Was doppelte Böden ergibt. Was Richard Hüttel am besten erzählen kann, der im Vorfeld der Ausstellung akribisch die Szenen entschlüsslt hat und vielen Grafiken "ohne Titel" erst einmal einen Namen verpasst hat. Was die Bilder dann erst richtig erzählbar macht. Ein kleines Aha-Erlebnis für alle, denen die deutsche Klassik nach aller Paukerei strohtrocken und langweilig vorkommt. Manche dieser "Klassiker" waren Schelme und echte Satiriker. Auch Oeser.

Fünf seiner Zeichnungen konnten in Vorbereitung der Ausstellung restauriert werden. Den meisten anderen fehlt eine solche Bahandlung noch. "An ihnen ist seit über hundert Jahren, seit sie in unserem Bestand sind, nichts getan worden", so Hüttel, der am 17. Mai auch eine Exkursion nach Weimar anleitet, an den Wirkungsort des wohl berühmtesten Oeser-Schülers.

Es gibt ein anspruchsvolles Begleitprogramm zur Ausstellung, die vom 10. April bis 24. August im Museum der bildenden Künste zu sehen ist.

Es gibt auch einen präsentablen Katalog, natürlich erarbeitet von Richard Hüttel. Darin nachzulesen in kurzen Texten neben großen Bildern die spannendsten der Geschichten, die sich bei Hüttels Spurensuche ergaben. Eine Spurensuche, die auch in die Katharinenstraße 22 führt. Die es heute nicht mehr gibt. An ihrer Stelle ist die Grünflüche direkt vor dem Bildermuseum. Dort stand 1767 das Haus des Kaufmanns und Kunstsammlers Gottfried Winckler, dessen großen Saal Oeser ausmalte. Der Entwurf zum Deckenbild ist in der Ausstellung zu sehen.

"Das Haus", so Hüttel, "hat bislang die Forscher noch gar nicht interessiert." Dabei besaß Winkler seinerzeit wohl eine der größten Kunstsammlungen Europas. Nur ein Teil davon gehört heute zum Bestand der Dresdner Albertina. Goethe hat Wincklers Sammlung ebenfalls noch kennen gelernt. Heute friert dort das Gras im Wind. Otto Werner Förster hat "Wincklers Haus" in seinem kleinen Stadtführer wenigstens eingemalt. Für ein eigenes Porträt hat der Platz dort nicht gereicht. Misstraut den Grünflächen, hätte ein professioneller Spaziergänger wie der Berliner Heinz Knobloch gesagt.

Das Evangelium des Schönen. Zeichnungen von Adam Friedrich Oeser", Museum der bildenden Künste, 10. April bis 24. August 2008

www.mdbk.de



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