Richard Wagner in seiner Vaterstadt: Ein Kranz und blumige Reden zum 126. Todestag
Karsten Pietsch
18.02.2009
Wagner-Ehrung.
Foto: Karsten Pietsch
An diesem Tag hat das Richard-Wagner-Denkmal Charme, wie es dasteht, am Schwanenteich vor der völlig zweckfreien Opernterrasse. Versteckt, so dass bei Stadtrundfahrten Gästeführer nur erklären können: hinter den Sträuchern schaut Richard über den Teich.
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Sockel und Büste, rundum Rasen, Kiesgehwege. Dass die Augen der Plastik dabei am Opernhaus vorbei schauen in Richtung des Geburtshauses am Brühl, ist Nebensache. Dort, am früheren Blechbüchse genannten Kaufhaus gibt es eine Gedenktafel und eine Werbeplane “Richard ist Leipziger“.
Abends nach der Todestagskranzniederlegung musizierten Wagner-Stipendiaten im Kammermusiksaal der Hochschule für Musik und Theater “Felix Mendelssohn Bartholdy“. Wagner und Mendelssohn? Heute geht das in Frieden.
Rund 50 Leute sind zum Freitagnachmittag 14:00 Uhr erschienen, Vertreter der Stadtratsfraktionen, der Vorsitzende des Kulturausschusses, auch Thomaskantor Georg Christoph Biller, selbst Ehrenmitglied der Wagner-Gesellschaft 2013.
Thomas Krakow bei der Wagner-Ehrung am letzten Freitag.
Foto: Karsten Pietsch
Es könnten die Casting-Kandidaten dabei sein, die im “Ring des Nibelungen“ in Leipzigs Opernhaus im Festjahr 2013 singen und musizieren sollten. Richard Wagner hatte es nicht immer leicht in seiner Geburtsstadt, die erste komplette Aufführung des “Rings“ außerhalb von Bayreuth soll ihn wieder mit ihr versöhnt haben.
„Über kaum einen Komponisten sei so viel geschrieben worden“, betont Thomas Krakow, an der Wagner-Büste frei sprechend, studierter Afrika- und Orientwissenschaftler, in der Stadtverwaltung tätig in Sachen internationale Beziehungen, im Leipziger Wagner-Verband zum Vorsitzenden gewählt und in Funktionen auch international.
„Was ehren wir eigentlich?“ fragt Prof. Helmut Loos, Musikwissenschaftler der Universität, er hält ein zusammengefaltetes Textblatt in der Hand, lässt Wagners private und künstlerische Beziehungen Revue passieren, erinnernd dass Richards Vater Schauspieler gewesen sei. Nun steht die Vaterschaft seit Richards Zeiten zwischen zwei Kandidaten unter Zweifel, es scheint auch niemand wirklich echtes Interesse an DNA-Spuren-Aufklärungen á la Weimars Schiller zu haben. Nicht einmal die Erben vom Grünen Hügel in Bayreuth, die ließen sich vor ein paar Jahren gern nach Müglenz bei Wurzen zu Kirche und Kantorenhaus des Wagner-Großvaters einladen und brachten Geld von einer Benefizvorstellung für Dach und Fenster der Kirche mit. Wagner und die Wagnerianer. Prof. Helmut Loos erinnerte an Anna Held, die in Leipzig auf den Tag genau vor 100 Jahren den ersten Wagnerverein deutscher Frauen gegründet hat.
Dr. Georg Girardet, Kulturbürgermeister, als Rentner noch immer Amt, weil man die Nachfolgerauswahl verspielt hat, nun in Blickrichtung zur Oper, um deren Intendanten und GMD-Posten sagenhaftes Theater gemacht wurde, bis jetzt neben einem Chefkaufmann nur ein Chefregisseur feststehen, der seine früheren Inszenierungen verzinsen lassen will. Fern ist der Gedanke aus dem Wagner-Verband, das Haus in “Richard-Wagner-Oper“ umzubenennen.
Hier gibt es eine zur Premiere vor 12 (!) Jahren mit zahlreichen Buh-Rufen bedachte und in mannigfaltigen Besetzungen aufgeführte “Tristan und Isolde“-Inszenierung mit Ruderboot, von dem Alt-Wagnerianer nach vielen gesehenen modernen Regieeinfällen in diversen Theatern begeistert waren, und Kostümen aus drei Epochen, was ein bisschen die Musik illustriert. Und dann gibt’s da neben “Lohengrin“ und “Parsifal“ noch einen “Fliegenden Holländer“, der zur Premiere ominösen Krach auslöste, als ob Großstadtdschungelhäuser en miniature und in Flammen, nackte Frauen, arbeitssicherheitstechnisch ungesunde Arrangements für die Sänger und alberne Einfälle – in weiß gekleidete Chorsänger übergießen sich mit schwarzer Farbe – nicht schon oft genug gesehen worden wären.
126. Todestag: Ein Kranz für Richard Wagner.
Foto: Karsten Pietsch
Er sei von einer fränkischen Zeitung interviewt worden, sagt Girardet, die goutiert habe, Leipzig sei in den Vorbereitungen für 2013 weiter als Bayreuth. Kleiner Lacher bei ihm selbst und den Zuhörern. Denn Umgestaltung des Richard-Wagner-Platzes, Initiative für ein neues Denkmal, Schaffung einer Gedenkstätte oder eines Museums möglicherweise mitten im Konsumtempel, wie auch die Festspiele der Wagner-Gesellschaft sind alles nur Absichten der Leipziger Enthusiasten, nicht Plan und Finanzen der Stadtverwaltung. Im Hinblick auf Leben, Werk und Rezeption Wagners sei es auch möglich, eine nicht gelungene Inszenierung hinzunehmen, weil der Regisseur versagt, postuliert der Kulturbürgermeister. Wie es auch im Detail legitim sei, dass in der gerade erst eröffneten Ausstellung über Felix Mendelssohn Bartholdy im Stadtgeschichtlichen Museum Wagner eben nur als Mendelssohn-Feind vorkommt. Mendelssohn und Wagner widmet der Richard-Wagner-Verband bereits einen Abend mit Vortrag und Diskussion am 18. Februar in der Stadtbibliothek.
Just am Wagner-Todestag war in der Presse zu lesen, dass die drei Leipziger Wagner-Vereine nun miteinander kooperieren wollen, eine Meldung aus den Vorstandskreisen, die sogar Mitglieder der Verbände sehr überrascht haben soll. Zwar liefen die Initiativen bisher mit unterschiedlichen Zielen meistens friedlich nebeneinander her, das Ziel – Pro Wagner – einte sie denn doch. Wenn auch die Wagner-Gesellschaft 2013 unter Vorsitz von David Timm, im Hauptberuf Universitätsmusikdirektor, mit der erklärten Absicht, nur regelmäßig Festspiele abzuhalten, unmissverständlich Plattform für künstlerische Vorstände war, was immerhin beachtliche Blüten trieb, wie den konzertanten “Fliegenden Holländer“ im Reichsgericht.
Und das, wäre anzufügen, ganz ohne juristische Bewertungen von Handlung, Akteuren und Tatbeständen.
Wenn eines Tages eine Leipziger Notenspur den Weg von Gedenkstätte zu Gedenkstätte weisen wird, sind alle Großkopferten gleich. Niemand sagt dann noch, dass unter den Komponisten über Wagner die meisten Bücher geschrieben worden sind.
„Hoffen wir, dass die Schleifen des Kranzes, wenigstens die erste Nacht überdauern“, ängstigt sich Thomas Krakow, „voriges Jahr war das nicht so, es muss da Sammler geben!“
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