Buchpremiere für Moritz Lampe: Kunsthistoriker erforscht Grabkunst aus der gesprengten Leipziger Universitätskirche
Redaktion
27.05.2009
Moritz Lampe.
Es sind meist diejenigen Dinge, die in den Keller verfrachtet werden, für die man keine Verwendung oder keinen Platz mehr hat. Eines Tages, so meint man, könnte man sie noch mal brauchen. Doch unter der immer dicker werdenden Staubschicht geraten die Habseligkeiten in Vergessenheit – bis irgendwann einer kommt, um den Keller zu entrümpeln.
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Genau genommen war Moritz Lampe so jemand, als er vor zwei Jahren begann, sich mit dem Kunstbestand der 1968 gesprengten Leipziger Universitätskirche zu beschäftigen. Er tat dann das, was Kunsthistoriker ebenso tun, wie Entrümpeler in privaten Kellern: Spuren lesen; anhand vergessener Dinge Rückschlüsse ziehen, wie das Leben in vergangenen Zeiten ausgesehen haben mag.
Das konnte er, weil andere hier bereits aufgeräumt hatten. Moritz Lampe hatte gerade erst sein Studium der Kunstgeschichte in Leipzig begonnen, als Johannes Schaefer den Abstellraum, das Depot der Landeskirche, im Jahr 2002 zum ersten Mal betrat. Damals noch Restaurierungsstudent an der Dresdner Kunsthochschule hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, die Kunstwerke hier zu untersuchen. Ein besonderer Bestand: Fast 35 Jahre lang lagerten versteckt vor der Öffentlichkeit die geretteten Grabdenkmale aus der Leipziger Universitätskirche. An die erste Begehung erinnert Johannes Schaefer sich heute noch gut: „Diese jahrhundertealten Kunstwerke standen einfach so auf dem Boden, nicht mal abgedeckt waren sie. Das war schon ein trauriger Anblick.“
Mit den Worten “Das Ding muss weg“ hatte Walter Ulbricht lapidar die Sprengung der Universitätskirche besiegelt, und jeder Protest dagegen blieb ungehört. Gerade noch rechtzeitig aber hatte eine Handvoll Kunsthistoriker die aus heutiger Sicht spektakuläre Rettung etlicher Exponate organisiert: 56 Objekte, darunter der Hochaltar, wurden auf einen Lastwagen geworfen und weggeschafft. Als in den Morgenstunden des 30. Mai 1968 die Kirche dann Staubwolke wurde, zerstörte man mit ihr nicht nur ein architektonisch bedeutendes Bauwerk aus dem 13. Jahrhundert, sondern auch eine Vielzahl der dort angebrachten Grab- und Gedächtnismale. Doch immerhin: In letzter Minute waren einige Jahrhunderte Leipziger Stadt- und Kunstgeschichte in Sicherheit gebracht worden. Im Reichsgericht und unter der Obhut der Landeskirche konnten die Werke das DDR-Regime überleben, welches eigentlich jede Erinnerung an die Universitätskirche hatte auslöschen wollen.
Moritz Lampe: Zwischen Endzeiterwartung und Repräsentation.
Buchcover
Als Rudolf Hiller von Gaertringen 2002 Leiter der Leipziger Kustodie wurde, hatte er schnell den verbliebenen Kunstbestand der Universitätskirche als Herzensprojekt entdeckt. Denn vor allem war er entsetzt über die stiefmütterliche Behandlung solch wertvoller Kunstwerke: „Dass sie zu Zeiten der DDR aus politischen Gründen kaum gepflegt werden konnten, liegt auf der Hand“, sagt er. „Aber in den zwölf Jahren nach der Wende wäre eine entschlossenere Rettung wünschenswert gewesen.“ Die meisten Objekte hatten zu diesem Zeitpunkt starke Lagerungsschäden davongetragen, etliche waren beschädigt. Es waren zu Beginn vermeintlich banale Kleinigkeiten, mit denen Rudolf Hiller dem Verfall Einhalt gebot, Maßnahmen, die zuvor lange versäumt wurden. So war er es, der die Verlegung der Kunstwerke in ein neues Depot mit guter Klimatisierung in die Wege leitete – 35 Jahre, nachdem die Objekte eingelagert worden waren. Hiller war es auch, der den Kontakt zu den Dresdner Restaurierungsstudenten um Johannes Schaefer herstellte.
Ein Jahr lang also sortierte Schaefer Einzelteile der eingelagerten Objekte, verglich sie mit historischen Fotografien, ordnete Bruchstücke und Fragmente einander zu. Und am Ende war klar: Ein Großteil der Kunstwerke wird erhalten bleiben. Schaefer restaurierte dann auch als Erster eines der Exponate, das Epitaph des Leipziger Rechtsgelehrten Heinrich Heideck, der 1603 verstarb. Es ist mit einer Höhe von fünf Metern ein besonders eindrucksvolles Gedächtnismal, das man 1968 für den Transport in seine Bauteile zerlegt hatte. Der Zustand, in dem Johannes Schaefer es fand, war allerdings verheerend: Der Holzträger war gebrochen und von Würmern zerfressen, so manches Element in Einzelteile zerfallen. Insgesamt anderthalb Jahre hat Schaefer an der Restaurierung dieses besonderen Werkes gearbeitet, bis es im Herbst 2007 endlich fertig gestellt war.
Moritz Lampe.
Foto: Plöttner Verlag
Auch Moritz Lampe war sofort fasziniert von der kunsthistorischen Bedeutung dieses Epitaphs. An einem Nachmittag vor rund vier Jahren saß er mit Johannes Schaefer bei Pflaumenkuchen unter der Kastanie im Garten von Schaefers Atelier in Altenburg, wo dieser bereits daran arbeitete, die eindrucksvollen Reliefs wiederherzustellen. Lampe, 1980 in Westdeutschland geboren und aufgewachsen, lebt seit 2001 in Leipzig. Die spektakuläre Rettung der Grabkunst aus der Universitätskirche und deren aufwändige Restaurierung beschäftigte ihn seither – so sehr, dass er sich diesem Thema mit seinem ersten Buch widmet, welches fast auf den Tag genau 41 Jahre nach der Sprengung erscheint. Im Mittelpunkt steht auch hier das Epitaph des Heinrich Heideck, anhand dessen er ein beeindruckendes Panorama der Leipziger Stadt-, Sozial- und Kunstgeschichte zeichnet.
Das Leben im Keller ist für das Heideck-Epitaph nun übrigens vorbei: Wenn der Neubau der Paulineraula fertig gestellt ist, soll das Gedächtnismal dort aufgehängt werden. Denn auch dies ist Teil der Geschichte um ganz gewöhnliche Abstellkeller: In fast jedem von ihnen lagern Schätze im Wartezustand, bis es wieder irgendwo einen Platz für sie gibt. Es muss sich nur jemand die Mühe machen, danach zu suchen.
Zur Buchpremiere:
Moritz Lampe: “Zwischen Endzeiterwartung und Repräsentation – Das Epitaph des Heinrich Heideck (1570 - 1603) aus der Leipziger Universitätskirche St. Pauli“, Plöttner Verlag Leipzig 2009, 16,90 Euro.
Moritz Lampe, geboren 1980 in Bonn, lebt seit 2001 in Leipzig. Hier und in Rom studierte er Kunstgeschichte, Buchwissenschaften und Soziologie. Gegenwärtig arbeitet er zu Fragen des künstlerischen Selbstausdrucks in Kunst und Kunsttheorie der Frühen Neuzeit.
Gemeinsam mit dem Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig stellt der Plöttner Verlag am Donnerstag, 28. Mai, ab 19:30 Uhr im Pilot (Bosestraße/Ecke Gottschedstraße) die neue Publikation “Zwischen Endzeiterwartung und Repräsentation – Das Epitaph des Heinrich Heideck (1570–1603) aus der Leipziger Universitätskirche St. Pauli“ vor.
Zur Buchpremiere sprechen Michael Faber (designierter Kulturbürgermeister der Stadt Leipzig), Franz Häuser (Rektor der Universität Leipzig), Frank Zöllner (Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig) und Rudolf Hiller von Gaertringen (Kustos der Universität Leipzig). Der Autor selbst ist natürlich auch anwesend.
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