Mein erstes Wave-Gotik-Treffen (4): Adolfs Gebiss und Stukas im Visier
Daniel Thalheim & Ghost
31.05.2009
Dr. Mark Benecke – eine außergewöhnliche Person.
Foto: Philipp Halling
Der Samstag sollte obskur beginnen – diesmal nicht mit Musik, sondern einer Lesung. Das hält das WGT nämlich auch für seine Besucher bereit. Meine erste sollte die von Dr. Mark Benecke sein und ich machte mich gespannt auf den Weg.
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Riesenandrang vor dem Werk II – ein klares Indiz, dass dieser Herr Benecke in der Szene schwer beliebt sein muss. Etwa 500 Leute drängten sich in die bestuhlte Halle A und noch mehr mussten sich wieder trollen, weil kein einziges Plätzchen mehr frei war.
Der Kriminalbiologe erfreut sich großer Beliebtheit.
Foto: Philipp Halling
Doch was hat es eigentlich auf sich mit Dr. Mark Benecke? Nun, er ist Kriminalbiologe – und alle hier Versammelten waren gekommen um von ihm zu hören, wie man anhand der Analyse von auf Leichen befindlichen Insekten und Maden die Liegezeit eines solchen Körpers bestimmen kann. Darüber hinaus kennt er sich auch mit Blutspuren und allerlei anderen ermittlungsrelevanten Fachthemen aus, was ihn zu einem geschätzten und viel beschäftigten Mitarbeiter der Polizei, sowie gefragten Unidozenten im In- und Ausland macht.
Benecke hat nicht nur einen außergewöhnlichen Beruf, er ist auch als Person außergewöhnlich. Gleich zur Begrüßung offenbarte er lässig seinem Publikum: “Ich habe als Kind kein Fußball gespielt, ich habe mich mit Biologie beschäftigt – ich war ein Nerd. Ihr seid wahrscheinlich auch alle Nerds, denn sonst wärt ihr ja nicht hier. Gelächter allerseits. Und dann hieß es “Augen auf und Fotoapparate weg!“, denn das was der Schnellsprecher nun in einer selbst gemachten Slideshow präsentieren sollte, besteht aus authentischen Bildern von echten Kriminalfällen.
Doch zunächst ließ Benecke die Besucher entscheiden, welchen Vortrag sie gerne hören würden. Die Wahl fiel auf “Hitlers Zähne“. Die gespannten Hörer erfuhren, dass er der einzige Forensiker ist, der Hitlers Zähne und Schädelfragment untersuchen durfte. Zur Feststellung seiner Todesursache. Mit unterhaltsamen Bildern und Bemerkungen zu russischen “Sicherheitsmaßnahmen“ im Moskauer Staatsarchiv kam Benecke zum Schluss, dass sich der ehemalige “Führer“ vergiftet und erschossen habe. Und da es zu Hitlers Zähnen gar nicht so viel zu erzählen gab, lockerte Benecke seinen Vortrag mit kleinen witzigen Anekdoten über den russischen Alltag auf.
Mit tänzelnder Leichtigkeit und bester Erklär-Bär-Manier ging er dann noch auf den Beruf des Forensikers ein – fern von Ermittlungsmethoden aus TV oder Kino. Eine junge Frau aus dem Publikum warf ein, dass sie das sehr interessiere und vielleicht auch zu ihrem Beruf machen will. Es war dann äußert faszinierend zu hören, was man von Insekten und Maden alles erfahren kann, dass Leichen als reine Spurenträger zu betrachten sind und was Massenmörder so zu ihrem Tun veranlasst. Alles unterlegt mit “aussagekräftigem“ Bildmaterial. Ich war froh, dass Bilder nicht riechen und mein Frühstück da blieb wo es war. Und vermutete stark, dass sich die junge Frau nach diesem Vortrag ganz bestimmt umentschieden hat.
Draconion spielten vor restlos begeisterten Fans.
Foto: Philipp Halling
Nach diesem unterhaltsam makaberen Einstieg eilte ich los zum Kohlrabizirkus um mich zum vereinbarten Interview mit Martin Axenrot von der schwedischen Metal-Band “Opeth“ zu treffen. Der Tourmanager erwartete mich auch schon und alles war vorbereitet. So, blieb nur noch das Gehirn von deutsch auf englisch umzuswitchen und loszufragen. Das Interview gestaltete sich richtig angenehm und Axenrot stellte sich als natürlicher und unkomplizierter Zeitgenosse heraus. Er verriet, dass er wegen dem am Abend bevorstehenden Konzert schrecklich aufgeregt ist eigentlich am ganzen Leib schlottert. Sich aber auch total darauf freut. Man ahnt es schon – genau wie ich. Denn “Opeth“ zählt auch zu meinen Lieblingsbands und es war mir eine besondere Freude wenigstens ein Band-Mitglied kennenzulernen. Das Interview wird nach meinem WGT-Marathon auf der L-IZ zu lesen sein.
Auf dem Weg zu Feindflug?
Foto: Philipp Halling
Und da ich schon mal vor Ort war – am Spätnachmittag sorgten “Megaherz“ im Kohlrabizirkus für eine richtig volle Halle in der überraschenderweise fast jede Szeneklientel vertreten war. EBM-Fan neben Metal-Fan und romantisch anmutenden Damen aus dem 19. Jahrhundert. Wunderbar.
Einen erfolgreichen Auftritt hatten im Anschluss auch “Draconian“ am frühen Abend. Ihr intelligent und gefühlvoll vorgetragener Doom Metal mit opernhaften Gesangsleistungen der Sängerin Lisa Johansson waren sehr stimmungsvoll und augenscheinlich auch sehr beliebt. Klar erkennbar an den himmelhoch jauchzenden Publikumsreaktionen. Am Ende der Vorstellung wollte man sich gar nicht von “Draconian“ trennen und es wurden tatsächlich kleine Abschiedstränen auf der Bühne vergossen.
Meine nächste Station führte in feindliches Gebiet zu der umstrittenen Gruppe “Feindflug“ und ich nahm in der Agra die “Stukas mal ins Visier“. Uniformen, Trommeln und ein Frontmann, der nicht singt – was sich mit zugeklebtem Mund auch nicht hätte bewerkstelligen lassen. Gewürzt mit Wortfetzen und Bildern aus Zeiten des 2. Weltkriegs wurde zu kalten, maschinellen Klängen getrommelt, was das Zeug hält. Tanzbarer Rhythmus, wo die Menge mit muss. Was sie auch ausgiebig tat – Mundschutz-Tanzen bis der Arzt kommt. Aber der kam nicht. Dafür die Security. Denn das WGT ist gut organisiert und hat ein waches Auge auf Unerwünschtes. Für drei Personen fing die Party jedenfalls erst gar nicht an.
Feindflug trommelt zum Tanz.
Foto: Philipp Halling
Für mich ging es weiter auf dem Mitternachtsspezial mit “Current 93“, die aus der Szene gar nicht mehr wegzudenken, aber auch nicht ganz unumstritten sind. Hier bot sich ein anderes Bild – “Verkleidungen“ aller Art waren vertreten. “Current“ bretterten ihre rockigen Neo-Folk-Lieder ins Publikum und das lauschte auch zur späten Stunde ganz aufmerksam dem charismatischen Sänger. Da man die Musik von “Current“ wirklich mögen muss, verließ ich die Agra in Richtung meines persönlichen Höhepunktes. Des Abends, versteht sich.
Der Höhepunkt meines Abends – Opeth
Foto: Philipp Halling
Zurück im Kohlrabizirkus musste ich mich erst noch einmal in Geduld üben. Meine Gedanken wanderten noch einmal zum Opeth-Schlagzeuger Martin Axenrot und seinem gleich bevorstehenden Auftritt. Seine Aufregung dürfte mittlerweile den Siedepunkt erreicht haben. Und dann ging es endlich los. “Opeth“ spielten letztendlich nur sieben Lieder, aber jedes war mindestens zehn Minuten lang. Darunter die Klassiker “Closer“ und “The Leper Affinity“, die neben ihrer düsteren Aura auch Hoffnung ausstrahlen und natürlich nicht fehlen durften. “Opeth“ schafften es an diesem Abend einen großen Spannungsbogen aus neuen und älteren Stücken aufzubauen, auch wenn sich mancher etwas ganz altes aus der Bandgeschichte gewünscht hätte. (Ob man an meiner Beschreibung wohl den auferlegten “Schwelg-Verbot“ bemerkt?)
Rundum zufrieden konnte ich nun den Heimweg antreten und mein, randvoll mit Eindrücken gefülltes Haupt zur Ruhe betten. Morgen mehr. An dieser Stelle.
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