Mein erstes Wave-Gotik-Treffen (5): Stringtanga und Zwischenfälle
Daniel Thalheim & Ghost
01.06.2009
Umbra et Imago “Gebt mir Kraft"
Foto: Philipp Halling
Kulturmarathon Wave Gotik Treffen? Wund gelaufene Füße und müde dreinblickende Festivalbesucher lassen ahnen, welchen Weg manche in den vergangenen drei Tagen zurückgelegt haben. Nahe am Erschöpfungszustand also. Mir ging es ähnlich – also ließ ich den Sonntag mal ruhiger angehen.
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Die große Sause fürs Erste einmal beiseite getan und ab in die Hochkultur. Kirche, Kabarett und Klassik standen auf meinem Programm. Und natürlich die Klassiker wie “Umbra Et Imago“ und “ASP“ – die “Szenegrößen“, wie es heißt.
Den Tag mit einem Gottesdienst eröffnen – wieso nicht? Mal gespannt, wie sich die Kirche der “Grufti-Schäfchen“ annimmt. Szenegottesdienst in der Peterskirche mit Szene-Integrität unter dem Motto “Freiheit. Ein Dialog“. Doch am frühen Nachmittag war nicht viel von “Szene“ zu spüren, eher noch der dicke Kater einer durchzechten Nacht, den manche Besucher müde beim “Gottesdienst“ offenbarten.
Es fiel dann auch nicht weiter schwer zu den unbeholfenen Dichtkünsten des “Predigers“ wie – "Aufsteigen, hinauf in die Lüfte. Choreographie des Kampfes. Stürme des Ungeist, die es zu trotzen gilt ..." – mal einfach schnell einzunicken. Und auch zur Musikperformance von Irrsterne nicht wieder aufzuwachen. Auch nicht beim laut gerufenen “Mama“ eines Kleinkindes während einer unerklärlichen Kunstpause des Redners. Hm, das hatte ich mir schon etwas anders vorgestellt. Ich bekam gleich noch mehr Lust auf meinen 2. Programmpunkt “Vicky Vomit“, der mich im Handumdrehen sicher wieder munter macht.
Und ich sollte Recht behalten. Schon beim Eintreffen in der Sixtina bot sich mir das Bild eines dicht gepackten Innenhofes voll kichernder “Gruftis“. Vicky Vomit witzelte eine eher schüchterne, aber herzliche Performance.
Vicky Vomit vor kichernden Gruftis.
Foto: Philipp Halling
Etwas feinfühliger als gewohnt. Vielleicht fehlte ihm ja auch nur etwas von seiner Musik zum derberen Humor. Musikalische Untermalung gab es zwar trotzdem – aber in Form von EBM, die aus der offenen Hintertür aus der Sixtina schallte. Die begeistere Anhängerschaft hat das nur wenig gestört – fröhlich wurde weitergekichert. Da sage mal einer, “Gruftis“ lachen nicht gerne ... Irgendwie scheinen sich die kleineren Events zu echten Liebhaberstücken zu entwickeln, wohingegen die großen Konzerte wegen ihrer unpersönlichen Machart manchmal an Glanz verlieren.
Die untere Hälfte besser nicht ...
Foto: Philipp Halling
Weiter ging's zur Parkbühne, wo ich einen Blick auf die “kanadische Industrial-Axt“ MDM (Modern Digital Militia ) werfen wollte. Doch vorher fiel mein Blick auf einen schauerlich geschminkten Matrosen. Aber eher nicht der Schminke wegen, denn ein Matrose im Stringtanga, der völlig unbeirrt über die Wiese stolpert, war mir bis dato noch nicht begegnet. Wie die “normalen“ Sonntags-Spaziergänger – die sich trotz oder gerade wegen des WGT in den Clara-Zetkin-Park aufgemacht hatten – darauf reagiert haben, kann sich sicher jeder lebhaft vorstellen – Weltglotztag.
Nach diesem erheiternden Zwischenfall traf ich in der mittelmäßig besuchten Parkbühne wieder auf “ordnugnsgemäß“ gekleidete Menschen, die sich von den Anti-Kriegs-Hymnen von “MDM“ berieseln ließen, den angeblich neuen Helden des Industrial-Rock. So richtig mitreißend war das Konzert nicht – war auch nicht was wirklich Neues – und die Fans sparten sich möglicherweise ihre Kraft für KMFDM auf, denn die haben neben anderen diesen Sound erst geprägt.
Am frühen Abend begab ich mit auf eine Zeitreise in die Krypta des Völkerschlachtdenkmals direkt zu Mozart ins 18. Jahrhundert. Eine Unmenge an Gästen traf sich hier, um den Darbietungen des Gewandhausorchesters zu lauschen. “Grufti“ goes Klassik. Hier kamen nun endlich die Rüschen und schweren Samt-Rauscheröcke zum Einsatz. Mit Antonio Salieris “Kyrie“ fand das Gewandhausorchester auch einen liebevollen Einstieg.
Andächtiges Lauschen zum Requiem.
Foto: Philipp Halling
Dann stand Mozarts Requiem an und jeder verharrte in Andacht zu den Klängen des weltberühmten Wiener Komponisten. Weil man vom oberen Rondell nicht viel sehen konnte, schlossen viele ihre Augen und meditierten, oder saßen auf dem Boden im Kreis und genossen sichtlich die Musik. Da erstarrte auch der “Lestat“-gleiche Vampir zur monumentalen Sitzstatue, oder es seufzten innerlich die unzähligen Burgfräuleins an der Brüstung der Krypta. Jemand sagte zu mir, dass dieses Klassikevent neben den Theaterstücken im Schauspielhaus die wahren Höhepunkte seien. Alles andere sei Pop und Kommerz. Sehenswert zwar, aber ohne richtige Tragweite. Man höre und staune.
Mit einem Mozart der ganz anderen Art ging meine Planung weiter. Seit Jahren ist “Umbra et Imago“ ein Teil dieser langen Szenegeschichte, also durch die Historie fast frei von Kritisierbarkeit. Gut zu wissen, denn es gibt ja bekanntlicherweise keine "schlechte Presse". Die Agrahalle war jedenfalls voll – von der Schülerin bis zum 55-jährigen Papa war alles vertreten. Die Herren in der Überzahl. Dass "Mozart" in den letzten Jahren wohl nicht auf dem WGT dabei gewesen ist, erfuhr ich relativ zügig. Mozart, als römischer Nero in Rüstung und Federbuschhelm über die Bühne polternd ließ sein Publikum wissen, dass “wenn man seine Gruppe nicht einlädt, sie dann auch nicht kommt“. Klingt logisch. Dann schmetterte er seine Parolen wie “Gott will es“ und “Gebt mir Kraft“ heraus und die Fans brüllten mit. Kraft wird er auch brauchen, denn er versprach “künftig mehr Rad zu fahren, weil er ‘zu fett‘ geworden sei“. Sympathisch selbstreflektierend.
Viel Musik gab's bisher noch nicht. Dafür kleine Schmipftiraden über unser Konsumverhalten, gierige Banker und die verrückte Welt. “Die Gothics sind nicht die Verrückten“ und “Gott ist Sex. Der liebe Herrgott hat ja dafür gesorgt, dass das schon passt“, postuliert Mozart weiter. Warum die Kirche und vor allem “Benedetto“ den Spaß an der Freude verderben will, versteht er einfach nicht. Ich befand mich mitten in einer Mischung aus Monolog und Konzert.
Seit Jahren ist “Umbra et Imago“ ein Teil der langen Szenegeschichte.
Foto: Philipp Halling
Was es aber für den geneigten Fan noch unbedingt zu wissen gab – ein neues Album wird derzeit zusammengeschraubt und kommt Ende des Jahres heraus. Jubel im Fanblock. Kräftig gegen Kommerz wettern und anschließend eifrig den “Kaufbefehl“ für die eigene CD auszusprechen, scheint für Mozart nicht im geringsten im Widerspruch zu stehen. Er geht ja arbeiten. Sagt er.
Umbra et Imago – Lord Helmchen im Einsatz.
Foto: Philipp Halling
Die nicht jugendfreie Bühnenshow lasse ich an dieser Stelle unter den Tisch fallen. Ich könnte sowieso nur wenig darüber berichten, da mir zwei riesige schwarze Ballons, die über dem Publikum schwebten, die Sicht versperrten. Mehr dagegen hatte im Anschluss mein Fotograf aus dem Fotograben der Bühne zu berichten, in denselben Mozart just vor seinem Auftritt gefallen war und ohne Hilfe der anwesenden Journalisten wohl auch erst mal geblieben wäre. Ich vermute mal, es lag an der schweren Rüstung. Oder so.
Einen Zwischenfall konnte auch ASP in der nun restlos gefüllten Halle – mittlerweile war es heiß wie in der Hölle – verzeichnen. Das Intro begann und lief und lief – vom charismatischen Frontmann keine Spur. Der ließ sich nämlich auf die Bühne klatschen und erschien erst als der Saal so richtig toste und legte los. Blöd nur, dass so gar nichts von ihm zu hören war – das geht mit ausgeschaltetem Mikro auch wahrlich schlecht. Aber selbst danach rutschten ihm die Texte drucklos und etwas unbeseelt von der Zunge. Ich schätze, das war einfach nicht sein Tag, denn er kann es auf jeden Fall besser.
Restlos erschöpft und klitschnass geschwitzt verließ ich den Ort des Geschehens und musste leider den dritten Altherren-Klassiker Peter Murphy von “Bauhaus“ sausen lassen. Nichts ging mehr. Leider verpasste ich auch schon “Die Form“ und Steven Severin (ex- “Siouxie And The Banshees“) wegen anderer Auftritte. Sehr schade. So wird mein Blick auf das WGT nur ein halber bleiben.
Mehr vom halbem Blick und dem letzten Tag gibt’s morgen. An dieser Stelle.
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