Mit spitzem Stift: Der etwas andere Leipziger Kulturblog "Illufabrik"
Ralf Julke
06.07.2009
Die Drei von der Illufabrik: Josephine Mark, Simone Fass und Ebru Agca.
Foto: Ralf Julke
Wer wissen will, wie ein Leipziger Badewannenrennen funktioniert, besucht am besten nicht die Website eines Sanitärstudios, sondern macht sich auf den Weg in die Illufabrik, die digitale Werkstatt dreier Leipziger Grafikerinnen mit jugendlichem Bewegungsdrang.
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Sie heißen Simone Fass, Josephine Mark und Ebrua Agca. Simone und Ebru haben an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) studiert, die hohe Zeichenkunst gelernt in der Illustratorenklasse - und zwar gerade in der spannenden Übergangszeit von Prof. Volker Pfüller zu Prof. Thomas Müller. So am Rande haben sich beide dann kennen gelernt, ein bisschen über das Diplom hinausgedacht und im Mai 2008 die Illufabrik gegründet. Oder besser: programmiert. Sozusagen als Werbeplattform für die eigenen Arbeiten. Denn an der HGB werden ja jede Menge talentierter junger Leute ausgebildet, aber um an wichtige Aufträge - sei es bei Buchillustration, Plakatgrafik oder Agenturaufträgen - heranzukommen, muss man ein bisschen bekannt werden und eine ordentliche Präsentation stets bei der Hand haben. Oder besser: im Netz. Doch schon der Anfang steuerte weit über eine hübsche Bewerbungsmappe hinaus, wurde zu einem kleinen Blog, in dem die beiden Grafikerinnen nicht nur ihre Arbeiten zeigten, sondern auch noch aktuell wurden.
In Leipzigs Kulturwelt unterwegs: Josephine Mark, Simone Fass und Ebru Agca.
Foto: Ralf Julke
Mit Stift und Zeichenblock zogen sie los und bannten das, was sie in Leipzig erlebten, auf Papier. Sie spazierten zur PopUp in Ilses Erika und zu Strawinskys "Feuervogel" in die Oper, besuchten das Grassi-Museum oder brachten Bilder von einer Fete de la Musique in Frankreich mit. Das war dann schon im Juni. Da stieß Josephine Mark zu den beiden, studierte Kulturpädagogin, die während des Studiums für sich eine kleine Weichenstellung vornahm: Das Kunstmachen lag ihr mehr als das Kulturvermitteln. Gar noch an Leute, denen man erst einmal erklären muss, was Kunst und Kultur eigentlich ist.
Seitdem füllt sich das Lager der Illufabrik. Und das mit echten Fundstücken, wie sie auch die Zeitung eher selten bereit hält. So nebenbei - beim Eisverkaufen auf der Sachsenbrücke - fängt die Eisverkäuferin Simone Fass mit flinkem Stift den Musiker ein, der die prasselnden Sommertage mal mit Gitarre, mal mit Akkordeon oder Keyboard musikalisch aufmischt: Leander Taumer - jetzt ist er mit kleinen, fröhlichen Bildern in der Illufabrik verewigt.
Die Website der Illufabrik - mit Drache.
Screenshot: LIZ
Ganz unaufwändig, wie die drei jungen Damen bestätigen. "Das haben wir alles in Wordpress gemacht", erzählt Simone. War ganz einfach. "Haben es ganz auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten." Aus dem Blog wurde ein kleines Kulturtagebuch, in dem auch diverse Leipziger Kulturveranstalter gern blättern. Denn hier gibt es keine Verrisse, sondern das, was sich auch Musiker, Schauspieler und Regisseure so oft wünschen: Einen bildhaften Eindruck vom Erlebten. Und nicht nur Künstler freuen sich. Auch der Leipziger Auwaldförster, etwa wenn Simone im März losgeht und die Leipziger bei der Bärlauchernte abzeichnet.
Und dass Josephine im April den Froschtauchern beim Reinigen des Karl-Heine-Kanals zusah, wird den Verein Wasserstadt Leipzig besonders gefreut haben.
"Das ist auch das, was mich besonders fasziniert", sagt Ebru, "den Leuten zuschauen und das Leben beobachten."
In die Chocolaterie zum Naschen gegangen ist dann doch Simone. Und die erste Bootfahrt auf dem Kanal im Mai 2009 hat Josephine festgehalten. Die Motive aus Schleußig und Plagwitz sind nicht ganz zufällig: Alle drei wohnen dort. "Es hat uns alle ganz zufällig da hinverschlagen", sagt Ebru. Ganz zufällig ins derzeit künstlerisch quirligste Quartier der Stadt? - "Ja", sagen alle drei. Finden aber trotzdem toll, wie sich die Welt rechts und links von Weißer Elster und Karl-Heine-Kanal seit 2000 verändert hat.
Ebru ist im Mai lieber in den Zoo gegangen und hat den Zebrafisch beim Falschfliegen erwischt. Sie taucht im Blog derzeit etwas seltener auf. "Kann sein, dass es mich demnächst nach Berlin verschlägt", sagt sie. Man merkt, dass ihr der Abschied von Leipzig schwer fallen wird.
Während Josephine erstaunlich oft kleine Backstage-Geschichten aus der Moritzbastei liefert. "Ich arbeite da", verrät sie. "Da kriegt man so manches mit." Unter anderem, dass Kängurus auf Schnitzelbrötchen stehen. Oder dass Schiller ein echter Aufreger für Arbeitslose ist.
Dass sie mit dem Zeichenstift dann doch mehr einfängt als das erfolgreiche Schiller-Stück, verraten ihre Bilder. Sie brauchen im Grunde keinen Kommentar. Und es ist nicht wirklich ein Zufall, dass die Drei sich ein ganz besonderes Wappentier zugelegt haben: den Drachen. Den haben sie als „Lockvogel“ für ihre erste Ausstellung 2008 im Westwerk entworfen. "Weil wir eben ein Wappentier brauchten", sagt Simone. "Es sollte auch ein bisschen unser Anliegen tragen: Der Drache überfliegt Leipzig. Oder: Der Drache ist schnell vor Ort."
So ähnlich hat sich das wohl auch Hans Reimann gedacht, als er 1919 in Leipzig die satirische Zeitschrift "Der Drache" gründete. Und es passt natürlich zu dem, was die Illufabrik hübsch unregelmäßig und immer wieder mit ein bisschen Humor und Ironie fabriziert.
Im "Noch besser Leben" stellen die drei bis zum 31. August einmal mehr ihre "echten" Arbeiten aus. Und die Sache mit dem kleinen, etwas anderen Online-Kulturmagazin für Leipzig wollen sie noch ein Stück weiter treiben. Dazu sprechen sie gerade mit weiteren Mitzeichnerinnen und - natürlich - auch -zeichnern. Bei Veranstaltern sind sie gern gesehen. Man sieht ja, wie sie aus den abendlich hingeworfenen Skizzen am Ende einen Beitrag machen, in dem die Atmosphäre der Veranstaltung sichtbar wird. Fast möchte man das Publikum murmeln hören, das Klirren der Gläser oder das Brummeln der Künstler hinter der Bühne: "Jetzt hat sie mich aber durchschaut."
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