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Lampenfieber im Lene-Voigt-Wettbewerb: Die Gaffeeganne 2009 entfleucht nach Dresden

Ralf Julke
Überraschungsgast beim Wettbewerb um die Gaffeeganne: Tom Pauls.
Überraschungsgast beim Wettbewerb um die Gaffeeganne: Tom Pauls.
Foto: Ralf Julke
118 ist nicht wirklich ein schickes Alter für eine Dame. Aber im Grunde ist es bei der 1891 in Leipzig geborenen Helene Wagner egal, welches Jahr man schreibt. Sie bleibt immer fischelante 34 Jährchen alt. So wie in dem Jahr, als sie ihre "Säk'schen Balladen" veröffentlichte.

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Da hieß sie dann Lene Voigt und hatte die Ehe mit Herrn Voigt schon hinter sich. Aber die Herzen der Sachsen hatte sie schon erobert mit Texten, die heute längst zum Standard-Repertoire von sächsischen Kabaretts gehören. Und natürlich zu den Leckerbissen, die einmal im Jahr zu hören sind, wenn die Lene-Voigt-Gesellschaft einlädt zum Wettbewerb um die Gaffeganne.

Der fand am Dienstag, 27. Oktober, zum 12. Mal statt. Schauplatz: das Kabaretttheater Sanftwut in der Mädlerpassage, ein Ort, wo man das Sächsische und die Lene Voigt wert schätzt und gern den Gastgeber gibt für den Vortragswettbewerb. Auch wenn das alles "nur Amateure" sind, die sich da jedes Mal auf die Bühne trauen mit zwei Texten der Leipziger Mundartdichterin. Sie hat ja in Hochdeutsch genauso fleißig gedichtet wie in ihrem geliebten Leipziger Idiom. Nicht zu verwechseln mit anderen obersächsischen Mundarten wie dem Dresdner Dialekt. Wer sein Sächsisch aus dem Fernsehen gelernt hat, verrät sich spätestens hier, wenn sie oder er - vom Lampenfieber geschüttelt, völlig konfus im Kopf und verzweifelt mit Büchern oder Spickzetteln hantierend - beweisen will, das sie oder er diese Texte vortragen kann. Die es in sich haben.

Wolfgang U. Schütte muss die Gewinnerin der "Gaffeeganne 2009" Gitta Steyer auf der Bühne festhalten.
Wolfgang U. Schütte muss die Gewinnerin der "Gaffeeganne 2009" Gitta Steyer auf der Bühne festhalten.
Foto: Ralf Julke

Das vergisst sich leicht, wenn man die Verse und Dialoge gedruckt vor sich hat - da wirken sie lustig, leicht niedlich und unterhaltsam. Das eben, was man so erwartet, wenn man Mundart oder fröhliche Lyrik zum Tag kauft. Und selbst Frau Zietschen und Frau Pietschen merken nicht unbedingt, was die "Leipziger Nachtigall" da mit ihrem kleinen boshaften Monolog auf der Treppe angestellt hat, als sie ihn mit jedem "Sagense" und jedem Augenverdrehen zu Papier brachte.

Das ist das Spannende an jedem "Gaffeeganne"-Wettbewerb: Zu hören, ob die zwölf Mutigen, die sich da vor einem vollen Haus auf die Bühne trauen, den untergründigen Witz begriffen haben, der selbst noch in den kleinsten Voigt-Texten kauert, ganz unscheinbar in ganz beiläufigen Adjektiven oder simplen, naiv wirkenden Festsstellungen.

Durfte vor den "Großen" ihr Können zeigen: Siegerin beim Gagaudebbchen-Wettbewerb 2009 Michelle Beyer.
Durfte vor den "Großen" ihr Können zeigen: Siegerin beim Gagaudebbchen-Wettbewerb 2009 Michelle Beyer.
Foto: Ralf Julke

Pointen, würde man dazu sagen, stünde im Ur-Text groß und deutlich "Pointe" daneben. Steht aber nicht. Und so entfalten diese Texte nicht bei jedem ihre Farbenpracht. Es ist wie beim Wein: Nicht jeder Jahrgang ist gleich gut. Und in diesem Jahr haben sich manche Mutige sehr bemüht - und sind doch gescheitert: am Lampenfieber, am guten Gedächtnis. Kann passieren, erst recht, wenn das Gerücht umgeht, ein geheimnisvoller Gast habe sich angekündigt, werde aber erst nachher auf die Bühne kommen.

Und so war es im Grunde diesmal eine klare Sache für Gitta Steyer, die schon 2003 einmal antrat zum Wettbewerb um die "Gaffeeganne", doch damals dem Ur-Talent Uwe Rohland unterlag. Und was verbindet beide? - Beide sind heute Beisitzer im Vorstand der Gesellschaft. Gitta Steyer ist sogar schon seit Gründung 1995 dabei, fand zur Lene eher auf die untypische Weise - denn das Hobby der Diplom-Geodätin ist eigentlich das literarische Schreiben. Eine Mitschreibende gab ihr den Tipp, sich auch einmal mit Lene Voigt zu beschäftigen. Und so landete sie in diesem unermüdlichen Häuflein um Wolfgang U. Schütte, Gabriele Trillhase und den Vorsitzenden Wolfgang Voigt, das sich um das Erbe der 1962 in Leipzig gestorbenen Dichterin bemüht. Ihr Lebensweg verschlug sie jüngst erst nach Dresden. Aber sie traute sich noch einmal, erklärte dem Publikum, was das mit dem "Riesenschbielzeich" auf sich hat. Und sie erklärte sich auf offener Bühne solidarisch mit Lene: "Mein Liebster ist ein Vagabund", eines jener nur auf den ersten Blick burschikos erscheinenden Gedichte, in denen die Dichterin aus einer Tragik noch ein fröhliches "Na und?!" macht.

Gewinnerin der Ehrengaffeeganne, Bärbel Steinert, und die Gewinnerin der Gaffeeganne 2009,  Gitta Steyer.
Gewinnerin der Ehrengaffeeganne, Bärbel Steinert, und die Gewinnerin der Gaffeeganne 2009, Gitta Steyer.
Foto: Ralf Julke

Da wunderte es am Ende nicht, dass nicht nur die fünfköpfige Jury der 55jährigen Vermesungsspezialistin die "Gaffeeganne 2009" zuerkannte, sondern auch das Publikum mehrheitlich votierte: den Publikumsteller bekommt sie auch noch. Da konnte sie sich beschweren wie sie wollte: "Aber ich muss doch mit dem Zug wieder nach Dresden!" Sie musste Kanne, Teller, Urkunde und Kaffeepäckchen annehmen.

Verliehen wurde diesmal auch wieder die "Ehrengaffeeganne", die die Lene-Voigt-Gesellschaft der mehrmaligen Wettbewerbsteilnehmerin Bärbel Steinert zuerkannte. Damit wird ihre Fleißarbeit im Dienste von Lene Voigt und sächsischer Mundart im Kabarett "De fischelande Gaffeedanten" gewürdigt.

Das Beruhigende beim großen Rendezvous auf der Bühne war: Da wussen schon alle, wer der geheimnisvolle Gast des Abends war. Tom Pauls ist vor seinem Leipzig-Auftritt im Academixer-Keller extra einen Tag früher nach Leipzig gekommen und hat seiner Lene-Voigt-Gesellschaft einen echten Pauls-Auftritt geschenkt. Denn er ist ja schon längst Mitglied der Gesellschaft. Und Lene-Voigt-Texte kann er zelebrieren wie kaum ein anderer. Und er tat es, führte einfach mal vor, wie aus dem kleinen Goethe-Plagiat "De Fresche" ein Mini-Kabarett-Stück mit einem Teich voller echter Frösche wird, wie eine auf nordische Abwege geratene Topfpalme lieber freiwillig aus dem Leben scheidet oder sich ein Fischbesitzer augenscheinlich beim tiefen Nachdenken über seinen Goldfisch selbst in einen Fisch verwandelt.

Das ist dann die ganz hohe Kunst, Lene Voigts Texte in etwas zu verwandeln, was einen ganzen Saal zum Bersten bringt. Nicht eben nur, weil das alles so witzig ist. Sondern weil sich so mancher in diesem tiefen Lebenswitz wiedererkennt.

Bleibt also der Wunsch, dass sich alle, die sich im nächsten Jahr zur "Gaffeeganne" auf die Bühne trauen, wieder tief hineinknien in diese Texte, hineinkriechen, wie man in seinen Lieblingspullover hineinkriecht. Ohne Buch und Ablesezettel. Denn wer den Witz in diesen Texten verstanden hat, der braucht keine Merkhilfe mehr. Wenn er dann auch noch den Leipziger Dialekt drauf hat, dann ist schon fast alles gewonnen.



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