Comeback in Bronze: Die Heimkehr der "Unzeitgemäßen Zeitgenossen"
Ralf Julke
10.11.2009
Unzeitgemäße Zeitgenossen.
Morgen, morgen kehren sie zurück: Drei Jahre waren Bernd Göbels "Unzeitgemäße Zeitgenossen" aus dem Leipziger Stadtbild verschwunden. Am morgigen Mittwoch, 11. November, kehrt die Plastik des Hallenser Künstlers Bernd Göbel an ihren alten Standort zurück.
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Das teilt das Kulturamt der Stadt mit. Ab 9 Uhr wird die Bronzegießerei Noack die Plastik wieder an ihren alten Standort in der Grimmaischen Straße montieren. Im Sommer 2006 war der Abbau der Plastik im Rahmen der Baumaßnahme Neugestaltung und Sanierung Campus Universität Leipzig notwendig geworden. Parallel war die Grimmaische Straße umgebaut worden. Nach Fertigstellung des neuen "Café Felsche" am Eingang der Grimmaischen Straße ist endlich wieder genug Platzfreiheit, um die fünf Gestalten dorthin zu stellen, wo sie 1990 aufgestellt worden waren.
Bernd Göbels Skulptur "Unzeitgemäße Zeitgenossen" in der Grimmaischen Straße.
Foto: Ralf Julke
Geschaffen wurden sie von Bernd Göbel in der Zeit von 1986 bis 1989, Professor der Bildhauerei an der Hochschule Burg Giebichenstein in Halle, aber bekannt für seinen tiefen Humor und die liebevolle Ironie in all seinen Arbeiten. Mit denen er nicht nur seinen Hallensern eine Reihe von Skulpturen beschert hat, die in Halle niemand mehr aus dem Stadtbild wegdenken mag - mit den "Unzeitgemäßen Zeitgenossen" hat er auch Leipzig eine Plastik geschenkt, die auf diese Stadt passt wie die Faust aufs Auge, wie der Deckel auf den Topf, wie das Kücken ins Ei.
Hier standen sie alle fünf nackt in sichtbarer Höhe, diese seltsamen Gestalten mit dem vergoldeten Holzhammer, dem güldenen Lorbeerkranz fürs erfolgreiche Sprengen oder den goldenen Zeichen der Intensiv-Horcherei - Nase und Ohr in Gold. Als Göbel 1990 Leipzig diese Skulptur vermachte, da war es wie ein nachbarschaftliches Augenzwinkern: Diese Typen haben unsere Stadt heimgesucht - und bei euch haben sie auch gewütet. Natürlich prinzipientreu. Deswegen steht ja auch dem Bronzebalken, auf dem die Fünf balancieren, für jeden lesbar: "Selbstverständlich darf man einem Prinzip ein Leben opfern, doch nur das eigene. R. H."
Morgen wieder an Ort und Stelle: Unzeitgemäße Zeitgenossen.
Foto: Ralf Julke
Die Skulptur hat auch noch einen weiteren Titel: "Beginn eine Reihe". Sie lässt sich also weiterlesen. Über den lorbeerbekränzten Stadtgestalter mit seiner Spreng-Apparatur hinaus, der natürlich an dieser Stelle, wenige Schritte vom einstigen Standort der Paulinerkirche, gold-richtig steht. Da sind noch andere Männlein und Weiblein vorstellbar, die aus Prinzip Dinge tun - egal, was und wem es schadet. Und es lässt sich fortschreiben über die eine, gerade abgewirtschaftete Prinzipien-Gesellschaft über die nächste bis in eine Zukunft, in der das Wissen um menschliche Fehlbarkeit vielleicht so weit bekannt ist, dass Menschen auch in verantwortlichen Ämtern anfangen, vorsichtiger zu handeln.
Hier fände - rein theoretisch - so mancher Basta!-Politiker, Genehmiger, Ablehner, Sachzwängler und Held der Gegenwart seinen Platz. Vielleicht schenkt ja der 1942 geborene Bildhauer Leipzig noch eine Fortsetzung - als Freiheits- und Einheitsdenkmal, mal ohne all das falsche Pathos, mit dem sich am 9. November wieder allerlei wichtige Menschen selbst gefeiert haben.
Die "Unzeitgemäßen Zeitgenossen" sind zwar zu allen Zeiten sehr unzeitgemäß - aber irgendwie unsterblich. So scheint's. Liebenswert eher nie. Anders als die fünf, die Bernd Göbel geschaffen hat. Ein frivol-frecher Hingucker auf einer Straße, in der ein paar seltsame Gebirgslandschaften den Weg verstellen. Aber wahrscheinlich saßen die Fünf mit in der Jury, als der Wettbewerb zur Neugestaltung der Grimmaischen Straße stattfand. Ganz zeitgemäß.
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