Ein Kessel ganz anders: Donis mit seinen Gästen auf Zeitreise
Daniel Thalheim
24.01.2010

Mike Hartung (Love Is Colder Than Death) und Moderator Donis bei einer Reise in die Vergangenheit
Foto: Andy Fischer
Es ist richtig voll in der Skala an diesem 23. Januar. Eine ganz besondere Zeitreise steht an. In Teile der eigenen Identität für manche Zuschauer, in ein fernes Land für Andere. Die Unterhaltsshow der „Anderen“ sieht einen Moderator Ralf Donis, Gäste auf der roten Ledercouch, ein Sprit-Labor, unzüchtige Die Art-Lieder und Süßigkeiten aus der DDR-Chemieküche vor.
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Vorab: Der Abend vergeht wie im Fluge. Ein schwarz aufgebürsteter Prinz namens Sebastian Krumbiegel klimpert Die Art-Interpretationen im Foyer der Skala, während die Zuschauer in dicken Mänteln aus dem kalten Abend hereinstolpern. Donis erklärt gleich zum Anfang, warum der Titel dieses Abends „Ein Kessel Anderes: Die ultimative Die Art-Chart Show“ heißt. Hier geht es um die Verknüpfung der beliebten DDR-Unterhaltungsshow „Ein Kessel Buntes“ und den Titel, den Funktionäre aufstrebenden Punkrock-Bands damals gaben: „Die anderen Bands“.
Für die Nichtkenner im Saal klärt sich in den kommenden Stunden der Geschichtsnebel. Ralf Donis und seine Gäste waren vor zwanzig Jahren miteinander verknüpft, verbandelt und befreundet. Und sie sind es jetzt. Im übergroßen Moderatorenthron sitzend, kramt der gut aufgelegte und Hallorenkugeln werfende Donis Kärtchen haltend in tiefsten Mottenkisten. Und entstaubt dabei verbal die berühmte DDR-Langeweile mit feuchtfröhlichen Abenteuern rund um den exklusiven Tanzclub Eden. Dieser entpuppt sich neben illegalen Wohnzimmerkneipen schnell als Dreh- und Angelpunkt der damaligen Leipziger Szene.

Die Art unplugged mit den größten Liedern als "Showact"
Foto: Andy Fischer
Mit „Donis' Sprit Labor“ stellt der locker flockig quasselnde Moderator und Musiker die drei schlimmsten alkoholischen Todsünden auf. Wüste Erinnerungen werden beim stöhnenden und teils von Ekel gewürgten Publikum wach. Natürlich nur diejenigen, die älter als 35 sind. Donis erklärt auch, warum man damals so viel trank. Man wollte so schnell wie möglich sterben, angesichts der vielfältigen Aussichten auf Selbstverwirklichung in Armee, Partei und Rentnerheim im „anderen“ deutschen Staat.
Zwischendurch spielen die Leipziger Rockhelden „Die Art“ uneingestöpselt ihre größten Hits. Die Show rollt, improvisiert, routiniert und dabei auf eine herzliche Art, wie es wohl nur bei wirklich guten Klassentreffen funktioniert.
So schwimmen bald alle Gäste in einem Gebräu aus Sekt-Bier, dem beliebten Eden-Getränk. Nur die coolen „Umsonstreinkommer“ tranken damals Bier pur, wenn sie es bekamen. „Grüne Wiese“ in verschiedenen Härtestufen und „Halb und Halb“ werden neben Sägemehl-Knusperflocken, Schlager-Süsstafel und Rote-Beete-Saft aufgetischt. So schwadronieren auch Donis' Gäste Maik Hartung (Love Is Colder Than Death), Opossum (Zündspule-DJ, "HipHop in der DDR"), Raban Ruddigkeit (Ur-Messitsch) und Schwarwel (Messitsch, Schweinevogel) bei Wasser, Wodka und Ur-Krostitzer über den Geschmack von Sternburg-Bier, Rote Beete, Frisuren und das Lesen von „Messitsch“-Artikeln.

Donis und Schwarwel in der Giftküche von Gestern
Foto: Andy Fischer
Das damals berühmte Kulturmagazin aus dem Leipziger Underground hat nicht überlebt. Dafür bleibt aber die Erinnerung, wie auch an die bis heute erfolgreichste Leipziger Gruppe „Think About Mutation“ wach. Spätestens hier und mit der immer noch überzeugenden Dead Can Dance-Memorial-Gruppe „Love Is Colder Than Death“ wird klar, dass Donis als ehemaliger Sänger und Texter von „Think About Mutation“ und „Love Is Colder Than Death“ wohl am meisten über die damalige Zeit erzählen kann und seine Gäste das freundliche assistierende Spalier stellen. Und sie tun es sichtlich gern und amüsiert.
Mit DJ Opossum scratcht Donis seine Lieblingsplatte mit DDR-Hip Hop-Stücken mit einem antiken Plasteplattenspieler kaputt. Der schwarz gekleidete Moderator erinnert sich an in die brummende Hip Hop-Szene der späten DDR mit dem Rap-Zitat: „Das ist kein Witz, wir sind aus Chemnitz“. Mit Erlebnissen ähnlicher Art kämpfen die auf der kleinen Couch gezwängten Protagonisten mit anhaltendem Lachen über die damals berüchtigten Einstufungskonzerte. Die damaligen „Experten“ waren taub, blind und verknöcherte Methusalems. So dass es unerklärlich ist, wie das Fachurteil über die Musik und Texte einer Band entstehen konnten.
Sebastian Krumbiegel haut wenig später aufgeregt den Die Art-Hit „Das Schiff“ in die Tasten. Weil er sonst keine Gelegenheit zum Reden hat, wirft er in die Runde, dass er mit den „Herzbuben“ damals auch auf dem selben FDJ-Festival wie Die Art gespielt hat. Sonst ist der Prinzensänger nur dabei, statt mitten drin. Krumbiegel kann damit leben und macht seine Klavierarbeit ordentlich. Das Publikum weiß das zu honorieren.
Lediglich Eiko Mertens war krankheitsbedingt in dieser Runde der Anderen nicht anwesend. Der Clubbetreiber hat viele Tanztempel ins Leben gerufen, wie die Distillery und Zündspule.
Eines wird an diesem Abend an den Reaktionen im Publikum und auf der Bühne klar. Es gibt so etwas, wie dieses „anders“ sein. Eine ganz eigene Identifikation einer doch nicht untergegangenen Generation DDR-Geborener, die auch nach Jahren noch wärmt und trägt. Vielleicht so etwas, wie eine wirklich innere Heimat, frei von diesem unerträglichen sonstigen Folkloregebimmel.
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