"Jeder, der auf einer Demo war, hat schon mal eine von den Bullen reingekriegt": Die Berliner Polit-Rapper Schlagzeiln im Interview
Patrick Limbach
25.03.2010
Schlagzeiln Berlin
Foto: Patrick Limbach
Schlagzeiln sind aktuell eine der angesagtesten linken HipHop-Crews. Vergangenen Oktober brachten die vier Berliner ihr zweites Album "Der Complex" auf dem Markt. Die Rapper Kobito und Refpolk sprachen am vergangenen Samstag anlässlich ihres Gigs im AJZ Bunte Platte mit L-IZ-Redakteur Patrick Limbach über ihre Musik, ihre politischen Standpunkte und ihren Umgang mit Repression.
Anzeige
Wie ist das Projekt "Schlagzeiln" entstanden?
Kobito: Wir haben uns getroffen. Das war glaube ich 2006. Davor waren wir unterwegs als "Kobimob" – das waren ich und MisterMo. Wir hatten schon vorher Musik gemacht und uns irgendwie zusammengeschlossen. Dann trafen wir über ein Konzert von Lea-Won aus München auf Refpolk, und haben uns dann entschieden, zusammen was zu machen.
Wir haben dann ein Album unter dem Namen Kobimob und Refpolk rausgebracht. "Anderthalbalbum" heißt das. Das ist eine Rarität und wird bei Ebay zu horrenden Preisen (nicht) verkauft. So ist das alles dann zusammengewachsen. Schlagzeiln gibt's seit Ende 2006. Anfangs noch mit einem anderen DJ, und ab "Berliner Melange" mit DJ KaiKani.
Lasst uns über eure Texte sprechen, die bekanntermaßen sehr gesellschaftskritisch sind. Wie schaut euer politisches Selbstverständnis aus?
Refpolk: Am einfachsten wäre es, das ausgrenzend, negativ zu definieren: Der Anspruch an unsere Texte ist, dass wir keinen Sexismus reproduzieren, keine Homophobie usw. Wir werfen einen herrschaftskritischen Blick auf die Gesellschaft. Wir gucken, wie diese Gesellschaft strukturiert ist, ohne uns da selbst auszunehmen.
Schlagzeiln bei ihrem Auftritt live im Leipziger AJZ Bunte Platte
Foto: Patrick Limbach
Welche politischen Botschaften möchtet ihr mit eurer Musik transportieren?
Kobito: Kommt ein bisschen darauf an, was für ein Song das ist. Ich denke, das unterscheidet sich schon sehr. Wenn es jetzt z. B. sowas ist wie "Rosen", dann ist das ja klar. Die Message davon unterscheidet sich vielleicht sehr vom nächsten Song, der wie "Köpi bleibt" auf Freiräume gerichtet ist.
Insofern kann man das nicht so richtig sagen, worauf sich das fokussiert. Also es gibt keine große Message, keine ganz klare Stoßrichtung, sondern einfach Sachen die einen interessieren und die einen beschäftigen.
Also habt ihr verschiedene Botschaften?
Kobito: Ja klar.
Welche wären das zum Beispiel?
Kobito: Es gibt zum Beispiel einen Freiraum-Fokus. Refpolk hat seinen Song über den Knast, der sich klar gegen Repression wendet. Dem "Rosen"-Track finde ich immer ein bisschen schwierig unterzubrechen. "Deutschland ist ein Athlet" ist auch so ein Ding, wo man sagen kann, es geht gegen eine Leistungs bzw. Siegermentalität.
Refpolk: Verbunden mit Nationalismus und Faschismus. Was uns wichtig ist, ist, dass durch unseren Song unser Standpunkt sichtbar wird. Das ist natürlich nicht bei jedem Track gegeben, also "Deutschland ist ein Athlet" ist ja ein sehr ironischer Track aber die Kritik in "Nur Angst, kein Respekt" an Repression und Staatsgewalt hat ihren Ausgangspunkt in einem Erlebnis von mir. Eine Grundintention von uns ist, dass wir hinter dem sichtbar werden, was wir sagen.
"Eine Grundintention von uns ist, dass wir hinter dem sichtbar werden, was wir sagen." (Schlagzeiln)
Foto: Patrick Limbach
In eurem Track "Nur Angst, kein Respekt" schildert ihr einen Fall, in dem linke Aktivisten nach dem G8-Gipfel bei einer Kundgebung für einen der dort Festgenommenen selbst für eine Woche im Gefängnis landen. Beruht die Story auf einer wahren Begebenheit?
Refpolk: Ja, das hab ich so erlebt.
Was hattest du empfunden, während du das erlebt hast? Wie stellte sich diese Situation für dich dar?
Refpolk: Weil ich das in dem Track ganz gut auf dem Punkt gebracht hab, ist es für mich jetzt schwierig, darüber hinausgehend das Ganze nochmal zu schildern. Der Ablauf ist in dem Song ja fast minutiös beschrieben.
Also gibt der Song genau das wieder, was wirklich passiert ist. Das ist keine abstrahierte Situation, die darin geschildert wird?
Refpolk: Nein, das ist nicht überspitzt. Ich hab den Text eine Woche später geschrieben, um ihn zu rappen.
Politisch, links und in Berlin zu Hause: Schlagzeiln
Foto: Patrick Limbach
Du hast also die Musik benutzt, um deine persönlichen Erfahrungen mit Repression zu verarbeiten?
Refpolk: Ja, der Song ist eine Mischung aus Verarbeitung, Ausdruck und einer bewussten Message.
(zu Kobito): Hast du schon vergleichbare Erfahrungen gemacht?
Kobito: Ich würde sie nicht vergleichen, weil ich denke, dass jeder, der Demos besucht und sich politisch einsetzt für Sachen, sowas erfährt – Bullengewalt klar, aber ich war noch nie in 'ner Wanne (Anm.: Polizeibus, P. L.) und hatte meine Hände auf'm Rücken. Ich denke, jeder, der auf einer Demo war, hat schon mal eine von den Bullen reingekriegt oder irgendwie sowas in die Richtung.
Seid ihr über eure Musik hinaus politisch aktiv?
Refpolk: Das ist eine Frage der Definition. Ich bin zum Beispiel in keiner Gruppierung oder Struktur drinne, aber ich denke, dass sich sowas auch in alltäglichem Engagement sich niederschlägt. Insofern würde ich sagen, ja. Aber es ist auch schon schwierig, dass jetzt zu sagen, denn was heißt schon "politisch? Ist es politisch, wenn man hinguckt, wenn was passiert und ist es "politisch" wenn man einschreitet, wenn was passiert? Dann würde ich sagen, ja.
Termine von Schlagzeiln (SGZ)
10. Apr 2010, DJ KaiKani @ Scharni, Berlin
23. Apr 2010, SGZ @ Flora, Hamburg
30. Apr 2010, SGZ @ Boxhagener Platz, Berlin
03. Jun 2010, SGZ @ Twisted Chords Tour (Mit Pyro One), tba
04. Jun 2010, SGZ @ Twisted Chords Tour (Mit Pyro One), tba
05. Jun 2010, SGZ @ Twisted Chords Tour (Mit Pyro One), tba
16. Jun 2010, SGZ auf Tour, Gießen
17. Jun 2010, SGZ auf Tour, Mannheim
31. Dez 2010, Bookinganfragen an post[at]schlagzeiln.de
(Bewerbungen um diesen Silvesterauftritt sind möglich)
In „Voland & Quists Literatursalon“ im Horns Erben (Arndtstraße 33) tritt am Freitag, 10. Februar, ab 20 Uhr die Dresdner Lesebühne Sax Royal auf. Sax Royal sind der Kolumnist, Blogger und Moderator Michael Bittner, der Poetry-Slam-Bühnenheld Julius Fischer („Ich will wie meine Katze riechen“), der Lyriker und Prosaist Roman Israel, der Erzähler, Cartoonist und E-Orgel-Alleinunterhalter Max Rademann sowie Stefan Seyfarth. mehr…
„Anders wachsen – Eine sächsische christliche Initiative gegen die Ideologie des Wirtschaftswachstums“ lautet das Thema eines Vortrags- und Gesprächsabends am Freitag, 10. Februar. Die Veranstaltung im Pfarrhaus der Gnadenkirche Leipzig-Wahren, Rittergutsstraße 2, beginnt um 20 Uhr. mehr…
Die Selbsthilfegruppe für Kinderlose sucht neue Mitstreiter zum regelmäßigen Erfahrungsaustausch. Nächster Treff ist am kommenden Mittwoch, 8. Februar, um 19 Uhr im Soziokulturellen Zentrum „Die Villa“ (Beratungsraum 3. Etage, Lessingstraße 7), teilt das Gesundheitsamt mit. mehr…
Ganz unbekannt ist Anne Dorn als Lyrikerin nicht. Aber trotzdem feiert die 1925 in Wachau bei Dresden Geborene mit 86 eine Premiere: Erstmals erscheinen ihre Gedichte in einem eigenen Band - und das noch als Nummer 1 der Reihe "Neue Lyrik", die im Poetenladen erscheint. Ein Auftakt in Quittegelb. mehr…
Die Fördermittelvergabe durch den schwarz-gelb regierten Freistaat orientiere sich offenbar weniger an den tatsächlichen Problemlagen als an Parteipräferenzen, meint Ilse Lauter. Eine solche Einschätzung lege die jüngste Analyse der Dresdner Vergabepraxis für die Jahre 2007 bis 2010 nahe, nach der Leipzig insgesamt 600 Millionen Euro weniger Mittel erhalten hat als die Landeshauptstadt. mehr…
„Zum jetzigen Zeitpunkt sind Kürzungen bei der Förderung im Bereich erneuerbare Energien und energieeffizientes Bauen das völlig falsche Signal. Es fehlt ein schlüssiges Gesamtkonzept. Die Energiewende ist so nicht zu schaffen“, erklärt Reinhard Schröter, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Leipzig, vor der Sitzung des Vermittlungsausschusses (8. Februar) zwischen Bund und Ländern zur steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung. mehr…
Das Viertelfinale im europäischen Cupwinners Cup ist für die Handballerinnen des HC Leipzig zum Greifen nah. Im Achtelfinal-Hinspiel am Sonntag gab die Madsen-Sieben ihren mazedonischen Gästen von Metalurg Skopje einen 12-Tore-Rucksack mit auf die Heimreise. Ob der schwer genug ist, wird sich bereits am kommenden Sonntag herausstellen. mehr…
Die beiden sind eigentlich putzig. Mutti macht in Frankreich Wahlkampf und der Kleine kommt sicher auch mal vorbei, wenns 2013 losgeht. Obwohl man kaum glaubt, dass dies etwas nützen sollte. Und natürlich nur wenn er gegen den bösen Sozialisten die Wahl gewinnt. Heute saßen sie traut vereint vor der ZDF-Kamera und erklärten die Welt. mehr…
Martin Scorsese ist Cineasten bekannt für harte Stoffe. Seine Mafia-Trilogie hat längst Kultstatus. Zuletzt tischte er dem Publikum mit "Shutter Island" (2010) einen düsteren Psychothriller auf. Sein Kinderfilm-Debüt "Hugo Cabret" entpuppt sich dagegen als leicht verdauliche Kost höchster Güte. mehr…
Kettcar ist mit "Zwischen den Runden“ zurück. Und wie! Vor allem anders als erwartet. War ihre letzte Scheibe „Sylt“ eine wütende, eher weniger positive Bestandsaufnahme der Gegenwart, so dominieren jetzt die persönlichen, auch ruhigeren Töne. Auf einmal gewinnen die Texte enorm an Bedeutung. Für Radio Mephisto ist die CD schon jetzt das Album der Woche. mehr…
Armin Zarbock ist Schauspieler. Sonst oft in den Leipziger Cammerspielen zu sehen, verschlägt es ihn am 8. Februar ins Horns Erben. Zusammen mit Susanne Bolf und August Geyler erzählt er die Geschichte von Adolf Südknecht und Familie. Mal historisch verbürgt, mal halb wahr, mal völlig erfunden. Armin Zarbock erzählt mehr. mehr…
"Stellplatzbaupflicht - Fluch oder Segen?" heißt eine Veranstaltung im Tapetenwerk am 8. Februar. In der "K3 Werkstatt" im Haus K diskutieren Verkehrsexperten über den Sinn oder Unsinn von Parkplätzen. Die so genannte Stellplatzbaupflicht gehört dazu. Jürgen Kasek, Vorsitzender BUND Regionalgruppe Leipzig, gab der L-IZ im Interview einen Einblick rund um das Auto und seinen Stellraum. mehr…
Dietmar Pellmann rechnet gern. Eigentlich ist der Landtagsabgeordnete der Linken studierter Historiker. Aber mit Zahlen lässt sich Geschichte ganz hübsch illustrieren. Diesmal hat er den Finanzminister nach den sächsischen Staatspensionären gefragt. 4.519 gab es davon zum Stichtag 31. Dezember 2011. Dazu 816 Witwen und Waisen. mehr…
Während Bürgerinitiativen in Frankfurt, München, Berlin und Leipzig verzweifelt darum kämpfen, den Fluglärm über ihren Köpfen eingedämmt zu bekommen, hat die EU-Kommission gerade eine Verordnung auf den Weg gebracht, die Betriebsbeschränkungen an Flughäfen aufheben kann, wenn sie den Wettbewerb einschränken. mehr…
Der Leipziger Südraum vor etwas mehr als 20 Jahren, vom Tagebau verwüstete Mondlandschaften, aufgerissene, erodierte Erde, ungesund silbrig glänzende Seen. Jedem, der einem damals erzählt hätte, dass hier einmal ein florierender Touristikstandort mit kristallklaren Seen und „blühenden Landschaften“ entstehen werden, hätte man den Vogel gezeigt. mehr…