"Erotik ist subjektiv": Bildermacher Corwin von Kuhwede im L-IZ-Interview
Daniel Thalheim
26.11.2010
Corwin von Kuhwede: "Erotik ... kann ein Wort sein, ein Blick, eine Geste, eine bestimmte Mimik, eine Stimme, ein Lied, ein Gedanke.."
Bild: Corwin von Kuhwede
Er ist als Bildermacher nicht nur in Leipzig bekannt. Seine erotischen Fotos sprechen eine sinnliche und persönliche Sprache. Mit Augenmaß lichtet er nicht nur Frauen ab, er erzählt auch Geschichten in seinen Bildern. 2011 möchte Corwin von Kuhwede mit der Ars Erotica von sich Reden machen - ein Verein für erotische Kunst, der neben seinen filmischen Schaffen erste Konturen annimmt. Kuhwede spricht im L-IZ-Interview über seine Projekte.
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Corwin, was ist Ars Erotica?
Der ars erotica e.V. ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein zur Förderung der erotischen Künste. Wir sind ein Zusammenschluss verschiedener Kunstschaffender, die unter anderem in der erotischen Kunst tätig sind. Unser Ziel ist es die erotischen Künste etwas mehr in die Öffentlichkeit zu tragen und ihre Bedeutung klar zu machen. Wir wollen Aufklärungsarbeit in Sachen Erotik und Sexualität leisten und den Unterschied zwischen Erotik und Sex sowie erotischer Kunst und Pornographie verdeutlichen.
Für Erotik interessiert sich jeder, doch in der Öffentlichkeit wird die erotische Kunst eher stiefmütterlich behandelt. Es gibt wenige erotische Ausstellungen oder Veranstaltungen, wenn dann nur hinter verschlossener Tür. Bei vielen Fotowettbewerben ist das Thema Akt von vornherein meist schon ausgeschlossen, so dass Künstler in dieser Richtung es schwerer haben sich öffentlich zu präsentieren als, sage ich mal, der Naturfotograf. Ich selbst bemerke das immer wieder bei Ausstellungen. Die meisten Veranstalter sagen: Herr Kuhwede, Ihre erotischen Werke finde ich wirklich toll, aber für unsere Einrichtung würden wir uns eher wünschen, die nicht-erotischen Sachen auszustellen.
Irgendwie will offiziell keiner etwas mit Erotik zu tun haben. Die Doppelmoral in unserer Gesellschaft ist schon sehr groß. Wir denken wir leben in einem sexuell aufgeschlossenen Land, aber eigentlich sind wir mit der Erotik nur ein Stück weit vom Mittelalter entfernt. Sex wird auf der einen Seite propagiert, aber auf der anderen tabuisiert. So erlangt jeder ein schlechtes Gewissen für die natürlichste Sache der Welt - die Erotik. Eine wunderbare Art und Weise die Menschen zu manipulieren.
Kuhwede mit neuen Projekten auf Kurs: Ars Erotica e.V. und Kurzfilme erweitern das Spektrum des Leipziger Bildermachers.
Bild: Matthias Binner
Was ist Erotik?
Erotik ist subjektiv und für jeden Menschen etwas anderes. Grundlegend kann man sagen, ist Erotik das was wir in einer Situation fühlen oder wie wir eine Situation wahrnehmen. Das kann ein Wort sein, ein Blick, eine Geste, eine bestimmte Mimik, eine Stimme, ein Lied, ein Gedanke. In allem kann sich Erotik verbergen. So richtig klar kann sicher niemand sagen was es ist. Diese Frage ist so schwer zu beantworten wie die nach der Liebe. Für den Einen ist es eine chemische Reaktion, für den Zweiten ist es ein Gefühl und für den nächsten bleibt es eben ein Mystherium.
Gibt es viele Künstler, die mit Erotik arbeiten?
Ich glaube an der Erotik kommt niemand vorbei. Die Einen arbeiten damit, die anderen denken vielleicht nur daran. Aber zumindest zeigt uns die Geschichte, dass es erotische Malereien bzw. Aktdarstellungen des menschlichen Körpers schon seit Urzeiten gibt. Selbst in den alten Höhlenmalereien findet man solche Gebilde. Und schaut mich sich heute einmal im Internet um, dann dreht sich in unserer Welt bei sehr vielen Künstlern alles um Erotik.
Der Mensch ist für die Künstler schon immer das faszinierendste Motiv gewesen. Der Mensch kann so viele verschiedene Facetten an sich haben, kann liebevoll, bösartig, zärtlich, brutal, schön oder hässlich sein. Der Mensch plfanzt sich durch sich selber weg und wir alle sind durch die Erotik oder wenigstens durch den Sex entstanden. Der Sex ist der Anfang von allem Leben. Und da wo wir am Anfang herkamen, dorthin werden wir vielleicht am Ende auch wieder einkehren. Und da dies so ein spannendes und nie zu beantwortendes Thema ist, liegt es nahe, dass sich die Künstler damit seit jeher beschäftigen.
Pornographisch wird's doch, wenn man Leute durch die Geschlechtsteile bis zum Hals gucken kann, sagt man gemeinhin...
Das würde dann auch die medizinischen Dokumentationen einschließen, wenn man nach dieser Definition geht. Ich denke der Unterschied zwischen Porno und Erotik liegt nicht unbedingt dort was man sieht, sondern wie man es darstellt und was man mit dem Gezeigten erreichen möchte. Der Ziel eines Pornos ist es beim Betrachter sexuelle Erregung hervorzurufen. Das Ziel von Kunst ist dies in den wenigstens Fällen. Ich glaube die Künstler der möchten nicht den Schoß des Betrachters erreichen, sondern das Herz oder den Verstand. Und dabei liegt für mich auch der wesentliche Unterschied. Sicher ist es oft schwer eine eindeutige Grenze zu ziehen, aber das ist ja auch das Interesse an der Kunst. Die Grenzen ständig neu in Frage zu stellen.
Was wird als nächstes und als erstes passieren?
Als erstes steht natürlich voran den Verein erst einmal in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Das machen wir sowohl durch unsere Webseite www.verein-erotische-kunst.de, sowie über die große Erotikplattform Joyclub, die auch offizieller Partner sind und natürlich über die Öffentlichkeitsarbeit. Zuerst wollen wir viele Künstler erreichen, die sich in der erotischen Kunst zu Hause fühlen und sich gemeinsam mit uns engagieren wollen. Ebenso benötigen wir natürlich tatkräftige Unterstützung seitens der Behörden und der Wirtschaft, denn ohne eine gewisse finanzielle Unterstützung und die richtigen Kontakte ist heute nicht viel möglich. Eine erste Veranstaltung "Sündhaft - ein erotischer Abend zwischen Wort und Bild" haben wir bereits in der Kinobar Prager Frühling organisiert. Für das nächste Jahr ist auch schon eine große Veranstaltung zum Thema erotischer Kunst in Leipzig geplant.
Aber da ich ungern über unfertige Sachen rede, muss das erst einmal reichen.
"Ich mag stets neue Herausforderungen und mochte mich im Leben noch nie auf etwas bestimmtes festlegen", erzählt Kuhwede über Filmemachen.
Bild: Matthias Binner
Du hattest auch Filme gemacht, ... wie ist es da gelaufen?
Der erste Film ist - wie soll es anders sein - ein erotischer Kurzfilm geworden, der am 29.10. im Prager Frühling seine Premiere hatte. Die Veranstaltung war ausverkauft. Der Film war ein 2 Mann bzw. 1 Mann - 1 Frau Projekt. Ich habe selbst gedreht, geschnitten und vertont.
Der zweite Film, den wir gerade gedreht haben ist eine Slapstick-Komödie. Protagonist ist der Frontmann Preston (Stefan Klöbzig) von Tom Twist. Christian von Aster, der ja auch kein unbekannter mehr ist, hat in diesem Film ebenso eine Rolle bekommen, die wie für ihn gemacht ist. Den ständig redenden Chef, der unter Strom steht. Hier hatte ich schon ein kleines Team von ungefähr 25 Menschen. Alles war ein No-Budget Projekt und jeder der Beteiligten hatte aus Spaß an der Sache mitgemacht. Wir haben bisher schon 4 Tage gedreht und 1 Tag haben wir noch vor uns bevor alles in den Schnitt geht. Die Jungs von Tom Twist werden auch die komplette Nachvertonung des Films übernehmen und einen eigenen Filmsoundtrack komponieren. Man darf gespannt sein.
Wie wird der Film heißen?
Der vorläufige Arbeitstitel ist "bin mal kurz weg". Im Inhalt des Films geht es um einen jungen Mann namens Lu, der während seiner ersten Verabredung mit einer Frau "mal kurz auf die Toilette muss". Kaum das er diesen Satz sagt, beginnt seine Odyssee auf der Suche nach einer Toilette: Entweder bieten die Toiletten einen erbärmlichen Anblick, oder an der Toilettentür hängt ein Schild mit dem Vermerk, dass die Toilette gesperrt ist, oder es wird "für das Geschäft" ein Obolus erwartet, der jedem normalen Menschenverstand spottet. Auf Lu`s beschwerlicher "Reise" trifft er auf die unterschiedlichsten Menschen und wird in die kuriosesten Situationen geworfen. So wird die "Toilettenodyssee" zu einem skurrilen und unterhaltsamen Erlebnis.
Wie lange dauert die Spielzeit?
Zwischen 15 und 25 Minuten ungefähr..., aus einem Viertage-Dreh ist das schon ordentlich.
Wo steigt die Premiere?
Die Kinobar Prager Frühling ist da natürlich die erste Adresse. Die Betreiberin Miriam Pfeiffer ist wirklich sehr nett und zugänglich und war mit der ersten Premiere sehr zufrieden. Da die Kinobar allerdings auf nur 67 Plätze begrenzt ist, wäre es auch denkbar die Premiere in einem größeren Kino zu veranstalten. Aber soweit bin ich in Gedanken noch lange nicht.
... Vertriebe suchen?
Das vorangige Ziel war es nicht mit dem Film Geld zu verdienen, sondern etwas zu schaffen was Unterhaltung bietet und vielen Menschen die Möglichkeit bot sich einmal kreativ wieder richtig auszutoben. Erst einmal wollen wir den Film nun komplett fertig stellen und ihn bei einer Premiere der Menschheit offenbaren. Was danach kommt, ob nun jemand Interesse hat diesen Film zu vermarkten oder nicht, ist für uns noch Zukunftsmusik. Ich denke wenn man etwas unter dem Aspekt tut, damit Geld zu verdienen, setzt man sich zu sehr unter Druck. Wenn man etwas tut um des Schaffens willens, freut man sich dann umso mehr, wenn am Ende doch dabei der eine oder andere Euro übrig bleibt. Von daher gilt unsere Energie erst einmal der Fertigstellung.
Filme machen scheint eine neue Spielwiese von dir zu sein...
Das Stimmt, das Medium hat mich irgendwie infiziert. Ich mag stets neue Herausforderungen und mochte mich im Leben noch nie auf etwas bestimmtes festlegen. Und gerade mag ich es sehr mit diesem Medium zu experimentieren. Es sind auch weitere Projekte geplant wie Musikvideos für Tom Twist oder Nylonsaiten und Saitenstrümpfe. Auch die nächsten Filmideen schlummern schon in meinem Kopf. Das nächste Mal muss allerdings ein Sponsor dabei sein. einen Film ohne Budget zu drehen ist sehr anstrengend, aber - so wie wir alle bewiesen haben - möglich.
Ist Fotografie nicht dasselbe wie Filmen?
Im Kern geht es um das gleiche: Stimmungen erzeugen und irgendwas vermitteln..., die Wege und Mittel und die Medien sind allerdings anders.
Der Film geht schon ein Stück weiter als das Bild. Hier bewegen sich die Menschen, ich kann mit Schnitten arbeiten und unzählige einzelne Motive sinnvoll oder sinnlos aneinanderreihen. Ich kann mit Ton, Musik und Sprache arbeiten und ganz andere Sinne beim Betrachter ansprechen, die mir beim Medium Foto vorenthalten bleiben. Ein Foto ist ein bleibender Moment, im Film sind es viele Momente, die nur flüchtig sind. Zwar nehme ich dem Betrachter ein Stück weit seiner Fantasie, kann aber auch im Film so gestalterisch eingreifen, und kann meine Botschaft viel gezielter richten, aber auch viele neue Fragen entstehen lassen.
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