Tanners Interview ... mit Anita Hennig: Die Anerkennung der Exklusion widerstrebt mir
Volly Tanner
22.09.2011
Anita Hennig.
Bild: QM Leipziger Westen
Oft genug grölen Menschen wütend auf Straßen herum. Gern lauthals, gern pauschal beschimpfend. Faszinierend oft genommenes Ziel der undifferenzierten Äußerungen sind die „da oben“, die „in den Ämtern“ oder gern auch „die Anderen“. Nur die Zielstellung des Verbalgeschützes scheint undurchdacht. Schließlich gibt es Menschen, die Fragen beantworten können, denen, die auch Fragen stellen.
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Und helfen, wo Hilfe angefragt wird. Ein Grund mehr nach ihnen zu suchen. Frau Dr. phil. Anita Hennig leitet den Job-Point Leipziger Westen in der Karl Heine Straße 54 und ist am Samstag, zum Westpaket, auch vor dem Laden anzutreffen.
Am Samstag ist auf der Karl Heine Straße – dort, wo auch der Job-Point in der Nummer 54 ansässig ist – "Westpaket". Hat sich denn das Job-Point-Team dafür etwas ausgedacht?
Der Job-Point geht zu diesem Anlass mit seinen Angeboten aus dem Stadteilladen heraus, auf die Straße. Während die Erwachsenen sich die Stellenangebote von Unternehmen aus dem Leipziger Westen ansehen und sich über die anderen Angebote des Job-Points informieren, können sich die kleinen Besucher unseres Standes bei Fanny Fischer, Mitarbeiterin des Job-Points, mit Schminke ein interessantes Gesicht machen lassen.
Was machen Sie eigentlich genau im Job-Point Leipziger Westen. Wer ist die Klientel und wie können Sie helfen?
Die Unternehmen aus dem Leipziger Westen, aber natürlich auch Unternehmen aus dem gesamten Stadtgebiet haben die Möglichkeit, ihre Stellenangebote, Angebote für Minijobs, Aushilfsarbeiten und Praktika kostenfrei im Job-Point bekannt zu geben. Die Stellenangebote werden bei uns im Schaufenster und im Eingangsbereich des Stadtteilladens ausgehängt. Sie bleiben dort, bis der Stellenanbieter uns sagt, es hat sich erledigt, die Stelle ist besetzt. Wir fragen bei den Stellenanbietern diesbezüglich auch regelmäßig nach. Wir wollen den unmittelbaren Kontakt von Stellenanbietern und Arbeitssuchenden ermöglichen. Die Stellenangebote stehen nicht nur den Arbeit-Suchenden zur Verfügung, sondern allen Besuchern im Stadtteilladen.
Dr. phil. Anita Hennig leitet den Job-Point Leipziger Westen.
Bild: QM Leipziger Westen
Wir denken mit unserem Angebot auch an jene, die keinen Anspruch auf einen Vermittlungsgutschein haben und auch an die Neuleipziger im Leipziger Westen, die sich rund um die Stellensuche informieren möchten oder, wenn ihr Internetzugang noch nicht funktioniert oder sie keinen haben, können sie unsere technische Infrastruktur nutzen. Damit sind wir beim zweiten Teil der Angebote des Job-Points.
Wie sieht das genau aus?
Der Stellenmarkt hat sich in das Internet verlagert, das betrifft auch die Stellenangebote für einfache Tätigkeiten und Minijobs. Die Stellenanbieter erwarten heutzutage, dass Bewerbungen Online oder per E-Mail realisiert werden. Gemeinhin herrscht die Auffassung, heutzutage hat doch jeder Internet und E-Mail und geht sicher mit dem Computer um. Dem ist aber nicht so. Gerade auch ein großer Teil der Langzeitarbeitslosen verfügt privat nicht über diese technischen Möglichkeiten und auch noch nicht über Erfahrungen im Umgang mit den neuen Medien bei der Stellensuche und Bewerbung.
Wir helfen also unentgeldlich dort, wo`s klemmt - entweder mit der Technik, aber vor allem auch beim Schreiben des Lebenslaufes, beim Verfassen der Bewerbungsschreiben, der Online- und E-Mail-Bewerbungen und natürlich auch bei der Stellensuche auf Internetportalen.
Außerdem können wir bei der Suche nach passenden Qualifizierungsangeboten weiterhelfen. Auch bei sozialen Problemen kann man sich im Job-Point Rat holen. Wir informieren über die einschlägigen Beratungsangebote in der Stadt. Aber auch unser Kooperationspartner - das Zentrum für Integration e.V. (ZfI) - steht jeden Dienstag Vormittag bei uns vor Ort in vielen sozialen Fragen den Bürgern mit Rat und Tat zur Verfügung.
Wie muss ich mir den Hintergrund des Job-Points vorstellen? Wer finanziert Ihre Arbeit eigentlich? Private Arbeitsvermittler gibt’s ja zuhauf – aber Ihr Job-Point ist da ja doch etwas anders.
Der Job-Point Leipziger Westen ist ein Projekt der Stadt Leipzig im Rahmen des EFRE-Stadtentwicklungsprogramms Leipzig-Lindenau/Plagwitz. Und daher kommt bis November diesen Jahres auch das Geld für den Job-Point - aus dem EFRE-Fond und der Kofinanzierung der Stadt. Das Jobcenter hilft mit Personal für die Öffentlichkeitsarbeit über Beschäftigungsmaßnahmen. Die sozialen Problemlagen verteilen sich ja im Stadtgebiet nicht gleichmäßig, sondern sie konzentrieren sich in einigen Stadtteilen. Auch im Leipziger Westen liegen die Indikatoren für soziale Problemlagen in einigen Ortsteilen deutlich über dem Durchschnitt der Stadt. Die Idee des Job-Points Leipziger Westens ist, nah dran und mit Unterstützungsangeboten vor Ort zu sein.
Wenn Sie die derzeitige Arbeitsmarktsituation sehen – und dann Konzepte, wie zum Beispiel das „Bedingungslose Grundeinkommen“ durchdenken – wären das Lösungen? Glauben Sie, dass das System so veränderbar ist, dass die Menschen irgendwann würdig und selbstbestimmt leben können?
Erwerbsarbeit ist nun einmal für die Menschen, die nichts weiter besitzen als ihre Arbeitskraft, die einzige Möglichkeit der gesellschaftlichen Integration und die einzige Chance für ein Leben in der Mitte der Gesellschaft. Es kommt daher m. E. darauf an, die liegen gelassenen Tätigkeitsfelder für Erwerbsarbeit zu erschließen. Es ist ja nicht endgültig ausgemacht, dass Arbeit nur dann gesellschaftlich sinnvoll ist, wenn sie Profit abwirft.
Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen käme man auf kurze Sicht zwar billiger weg, aber es ist dann der Preis für die Überflüssigen, die Anerkennung der Exklusion. Und das widerstrebt mir. Zur zweiten Frage: Das "System", so wie ich es verstehe, ist ein globales und für ein würdiges und selbstbestimmtes Leben "der" Menschen müsste es so stark verändert werden, dass es wohl ein anderes System würde. Aber da es nationale Modifikationen gibt, könnte man ja für den Anfang ernsthaft nach den Ursachen für die anderswo erfolgreichere Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik z.B. der nordeuropäischen Länder und nach Transfermöglichkeiten fragen.
Und Sie selber, Frau Dr. Hennig – wie sind Sie zur Leiterin des Job-Points geworden?
Träger des Projektes ist die ZAROF.GmbH. Da das Projekt in meine Arbeits- und Interessenschwerpunkte fiel, habe ich am Konzept mitgearbeitet und mich um die Stelle beworben, und es hat geklappt. Aber "Leiterin" hört sich so schwerwiegend an. Wir sind im Kern zu zweit und bekommen punktuell Hilfe durch zwei Mitarbeiter/innen einer AGH-MAE Maßnahme.
Möchten Sie den Leipzigern, den Menschen an sich, unseren Lesern – etwas ins Stammbuch schreiben? Hier hätten Sie die Möglichkeit dazu:
Herr Tanner, ein paar Moleküle Weisheit haben sich bei mir schon gebildet, also schreibe ich grundsätzlich nicht in Stammbücher.
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