OSTLichter 2011: Interview mit Rita Werner vom Leipziger Kulturamt
Daniel Thalheim
06.10.2011
Familiär: Tanzfest beim OSTLichter 2011.
Bild: Jens Straube / QM Leipziger Osten
Sie arbeitet in der Abteilung Kulturförderung des Leipziger Kulturamts. Rita Werner kann darüber Auskunft geben, wie das OSTLichter-Festival entstand und wie es kulturell im Leipziger Osten bestellt ist. Und es tut sich eine ganze Menge zur Zeit. Rita Werner wirft einen grellen Scheinwerferkegel auf die Gegend um die Eisenbahnstraße.
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Frau Werner, alle "Welt" schaut, was Kultur und Veranstaltungen angeht stets in die Südvorstadt oder in den Leipziger Westen: Welche bleibenden kulturellen Entwicklungen und Strukturen sind im Leipziger Osten eigentlich in den vergangenen Jahren entstanden und gewachsen?
Hier stellt sich natürlich die Gegenfrage: Warum ist das so? Das hat in erster Linie mit Strukturen zu tun, die um die „Wendezeit“ vorhanden waren oder entstanden sind. Beispielsweise gingen die Vereine Haus Steinstraße e.V., Nato e.V. und Projektverein e.V. (Conne Island) aus Initiativen an den ehemals kommunal betriebenen Kultureinrichtungen hervor, auch die Bevölkerungsstruktur war eine andere als im Leipziger Osten und Leipziger Westen.
Die Entwicklung im Leipziger Westen ist einigen glücklichen Umständen zu verdanken: der damals mutigen Entscheidung des Vereins für Theatererkundungen e.V. sich in der Karl-Heine-Straße (Schaubühne im Lindenfels) anzusiedeln, der Expo 2000 mit Jahrtausendfeld, den EU-Förderprogrammen URBAN II und EFRE, den bachliegenden Industriebauten und der zunehmenden „Platznot“ verbunden mit immer weniger werdenden „Freiräumen“ im Leipziger Süden.
Auch im Leipziger Osten hat man mit den Förderprogrammen „Soziale Stadt“ und EFRE in den letzten Jahren viel erreichen können. Leider spiegelt sich das hauptsächlich in der Verbesserung der baulichen Infrastruktur wieder. Im Gegensatz zum Leipziger Westen verfügt der Osten insbesondere im Umfeld der Eisenbahnstraße über keine größeren Gebäude (Fabrikgebäude o.ä.) die unabhängig bzw. außerhalb der Wohnbebauung zu einem kulturellen bzw. sozialen Stadtteilzentrum entwickelt werden könnten.
Die ganz Kleinen sind auch mit dabei: OSTLichter 2011.
Bild: Jens Straube / QM Leipziger Osten
Was wurde stattdessen unternommen?
Es war hier angesagt, die vielen kleinen Schritte zu gehen und viele kleine Bausteine zusammenzuführen: Der erste Baustein war, dass angrenzend an den Leipziger Osten in Reudnitz-Thonberg seit Mitte der 1990er Jahre das soziokulturelle Zentrum Mühlstraße e.V. eine erfolgreiche Stadtteilkulturarbeit entwickelt hatte und bereit war, zusätzlich zum Betrieb des Hauses die Entwicklungen im Leipziger Osten zu unterstützen. Dem Verein ist es in den vergangenen Jahren außerdem gelungen, den neu gestalteten „Lene-Voigt-Park“ zu einem Ort für temporäre naturnahe Kulturveranstaltungen zu entwickeln (mit eigener kleiner Bühne) P.S. traditionell finden hier im Rahmen der OSTLichter das „Internationale Tanzfest“ und das Nachtlichterfest 16. Oktober statt.
Der zweite Baustein war der gezielte Umzug des Kinder- und Jugendkulturzentrums O.S.K.A.R. in den Leipziger Osten. Der dritte Baustein war eine Reaktion auf das Defizit „Fehlen (sozio-)kultureller Angebote und Einrichtungen“. Durch das Kulturamt wurde gemeinsam mit im kulturellen und sozialen Bereich tätigen Vereinen das erste Konzept für die heutigen OSTLichter entwickelt, damals noch unter dem Namen OSTEntdeckungen – Kult(o)ur Leipziger Osten. Zu diesem Zeitpunkt (2002) gab es im Leipziger Osten bereits ein erfolgreich arbeitendes Netzwerk von Vereinen und Einrichtungen. Möglich wurde die Durchführung durch anteilige Fördermittel aus dem EU-Programm EFRE und Eigenmitteln des Kulturamtes. Mit Auslaufen der Fördermittel im Jahr 2007 hat das Kulturamt die Entscheidung getroffen, die OSTLichter allein weiter zu finanzieren, allerdings ist seit dem das Gesamtbudget stark eingeschränkt - 50 Prozent weniger.
Ein weiterer Baustein war die Stabilisierung und weitere Entwicklung des vorhandenen Netzwerkes aus Vereinen, Einrichtungen und Institutionen, was stark zur Professionalisierung der Arbeit beigetragen hat. Wichtigste Partner für das Kulturamt aber auch für die OSTLichter sind: das soziokulturelle Zentrum Mühlstraße 14 e.V., Kinder- und Jugendkulturzentrums O.S.K.A.R., der Verein Neustädter Markt e.V., das QM Leipziger Osten.
Und ob! Der Verein Neustädter Markt e.V. ist seit vielen Jahren Träger des Projektes „Kunst am Markt“ und bemüht sich in diesem Zusammenhang intensiv um neue Nutzungsmöglichkeiten für das "Pögehaus“. Durch Kooperationen mit dem Institut für Kunstpädagogik der Uni Leipzig und der HGB wurden hier bereits sehr interessante und erfolgreiche Aktionen im Haus durchgeführt, die auch bei Besuchern aus anderen Stadtteilen Leipzigs auf starkes Interesse gestoßen sind. Es besteht nun die Perspektive, einer kulturwirtschaftlichen Nutzung des Hauses. Die im Rahmen der OSTLichter gezeigte Fotoausstellung von Christiane Eisler und Harald Kirschner "Leipziger Osten 1981 und 2011 - vom Arbeiterquartier zum bunten Viertel" wird auf Grund der großen Ressonanz noch bis zum 7.10.2011 verlängert. Wichtige Bausteine waren die Gründung des Vereins Kultur & Intitative Leipziger Osten e.V. (K.I.L.O), als Netzwerkverein für den Stadtteil, der verschiedene Akteure in gemeinsamen Projekten zusammenführt und die Belebung s.g. Wächterhäuser auch durch kulturelle Initiativen und insbesondere junge kreative Menschen. Viele weitere kleinere Bausteine wären zu nennen, zu erwähnen wären die Kneipen und Angebote in Reudnitz wie u.a. das 4rooms, Des Geigers Rätsel, die Szenekneipe Substanz und das Vereinshaus Leipziger Osten in der Dresdner Straße, wobei hier aus meiner Sicht das erkennbare Gesamtkonzept fehlt.
Diese vielen Einzelbausteine kann man sicher nur mühsam zu einem Gesamtbild zusammensetzen, wir versuchen dies im Rahmen der OSTLichter zu tun, allerdings sind bereits begonnene Entwicklungen für die Akteure nur schwer erkennbar, weil die Indikatoren immer andere sind (Zufriedenheit der Bewohner, Bevölkerungsentwicklung...).
Früher tristes Arbeiterviertel und jetzt? - Was hat sich im Leipziger Osten im Laufe der letzten zehn Jahre besonders bemerkbar gemacht, wo ist der Wandel besonders stark zu spüren?
Der Wandel ist ein langer Prozess und ist für die Akteure selbst kaum wahrnehmbar, das diese sich mitten im Prozess befinden. Vielleicht ist der Leipziger Osten ein bunteres Viertel geworden, in dem sich gegenwärtig zunehmend auch „kreative“ Menschen ansiedeln, da hier noch viele Freiräume vorhanden sind. Man hat heute mehr denn je den Eindruck: „Der Osten ist in Bewegung“.
Ist Kultur heutzutage nur mit Kulturförderung machbar - Was bewirkt Kulturförderung?
Kultur- und Gemeinwesenarbeit benötigt insbesondere in Schwerpunkträumen der Stadtentwicklung (siehe SEKo) in der Regel zumindest einer zeitweiligen Unterstützung. Diese muss nicht zwangsläufig finanzieller Art sein. Wichtig ist, die richtige Form für eine „Starthilfe“ zu finden und entstandene Projekte und Strukturen solange zu unterstützen, bis sie sich selbst tragen. Die Formen können vielfältig sein: Projektberatung, -begleitung, Unterstützung der notwendigen Rahmenbedingungen (z.B. Ressourcen), Vermittlung von Kontakten usw.
In Stadtgebieten, in denen eine Vielzahl von Menschen wohnen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, denen aber der (gleichberechtigte) Zugang vor Kultur und Kunst ebenfalls ermöglicht werden soll, wird es über längere Zeit notwendig sein, kulturelle Projekte auch finanziell zu unterstützen bzw. mit finanziellen Mitteln Strukturen zu schaffen, die ihnen diesen Zugang ermöglichen. Kulturförderung kann in diesem Sinne auch steuernd in Entwicklungen eingreifen Auch das „L’Ost – Straßenfest“ wurde von verschiedenen Seiten beraten und war 2010 auch für eine Kulturförderung vorgesehen. Um so erfreulicher ist es, dass dieses Projekt selbstorganisiert auch ohne Zuschuss durchgeführt werden kann.
Welches Signal sendet OSTlichter an Leipzig?
Seht her, das sind wir – bunt und vielfältig, auch wir sind Leipzig.
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