Tanners Interview ... mit Manfred Maurenbrecher: Aus seelischen Diätgründen mit dem Erfinden aufhören - das habe ich nie gewollt!
Volly Tanner
05.10.2011
Manfred Maurenbrecher.
Bild: www.maurenbrecher.com
Wenn es einen wirklich gesamtdeutschen Poeten gibt, dann ist dies Manfred Maurenbrecher. Er schrieb für Herman van Veen, Ulla Meinecke, Reinhard Mey und Konstantin Wecker, ist Dauerreisender durch die (auch) ostdeutsche Diaspora und singt und spielt Lieder von den Menschen, die hier leben, lieben und lachen.
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Das klingt nach ganz großen Namen, wie Leonard Cohen oder Tom Waits, ist aber immer Maurenbrecher, ein Mauernzerbrechender. Und er ist wieder auf dem Weg - auf eine Leipziger Bühne. Denn nun hat er erstmals, nach über 30 Jahren Bühnengeschehen, eine Live-Solo-CD im Ranzen und freut sich aufs Betasten der Tasten in der Moritzbastei.
Schließlich brauchts nicht mehr für gute Lieder, ein Klavier, eine Stimme und Worte und Töne - und einen wie Manfred Maurenbrecher eben. Tanner rief ihn kurz zwischen den Shows an, damit er schonmal etwas erzählen kann, vor seinem Gig am 11. Oktober in der Ratstonne der MB.
Hallo Manfred. Deine erste Live-Solo-CD heißt "Wallbreaker" - hat es solange für diesen Wortwitz gedauert? Oder schwang der schon immer mit?
So bin ich vor Urzeiten mal auf der Schule genannt worden, später mein Sohn im 1.Semester. Jetzt dachte ich: Zeit für ein internationales Jahr.
Am 11. Oktober bist Du mit der neuen Scheibe in der Moritzbastei zu Gast. Was erwartet das Publikum?
Einige von den Reisegeschichten, die auf der CD sind, aber auch ganz Neues.Ein paar verrückte Erzählungen. Im Moment spiel ich außerdem sehr viel Klavier und freu mich jedesmal, wenn statt eines Keyboards ein echtes Instrument zur Verfügung steht. Das wird am 11.10. so sein, also wird der Abend wohl musikalisch und wild sein.
Lugt nächste Woche durch Schlüsselloch der MB - Manfred Maurenbrecher.
Bild: www.maurenbrecher.com
Deine Lieder sind für viele Menschen mittlerweile zu Freunden geworden. Du selber bist Teil vieler Leben. Gibt es noch genug Geschichten zu erzählen?
Ja. Wobei ich grad Lieder schreibe, die mehr Bilder aneinanderbinden als Geschichten zu reimen. Die Geschichten erzähl ich grad lieber. Übrigens freut mich das sehr, wenn meine Lieder, wie Du sagst, Freunde geworden sind.
Im November kann man Dich beim Benefiz für die Kinderhilfe Afghanistan, zusammen mit Julia Neigel, Krumbiegel, The But, Re.Vision und Anderen, erleben. Was sagst Du zur derzeitigen Lage im Kriegsgebiet?
Afghanistan war vor dem Einmarsch der Sowiettruppen ein lebendiges, eigenständiges freies Land, ich weiß das von einer Ethnologin, mit der ich in den 70gern befreundet war, die dort halb lebte. All die Besatzungen haben das Land verdorben und nach unten gezwungen. Ich fürchte, keine fremde Hilfe kann da nützen, es sei denn, sie wäre ganz leise und freundschaftlich. Ich bezweifle, dass Militärhilfe jemals so sein könnte.
Solo und Live bist Du Fels, kantig, ungeschliffen und weise. Mehr Cohen und Waits als Jungspund-DSDS. Wo siehst Du Dich aber selber im hiesigen Musikmarkt?
Ich hab mich schon 1981, als ich anfing regelmäßig aufzutreten, als Unikum gesehen, das da nicht ganz reinpasst. Daran hat sich wenig geändert. Manchmal denk ich, dass das vielleicht allen so geht, die es so lange auf der Bühne hält.
1970 - das Jahr meiner Geburt - ist das Jahr Deiner ersten Songs, laut Selbstauskunft. Das beeindruckt schon allein durch Dein Durchhaltevermögen. Was treibt Dich an? Warum machst Du immer weiter? Du könntest doch auch angeln gehen...
Nein, ich kann nicht angeln. Aber ein bisschen fauler werd ich schon.
Was bleibt? Ich meine, schaue ich auf die riesige Produktion von Musik heutzutage und auf die irrsinnigen Verluste auf den inneren Festplatten der Menschen - was bleibt von all den Liedern und Büchern ganz zum Schluss?
Keine Ahnung. Das Machen ist das Tolle. Aus seelischen Diätgründen mit dem Erfinden aufhören, das hab ich nie gewollt. Aber alles öffentlich machen, muss vielleicht auf Dauer nicht sein. Trotzdem: Was bleibt, frag ich eigentlich nur, wenn ich richtig schlecht drauf bin. Meistens denke ich: Verluste und Neugewonnenes gleichen sich aus, auch in der Menschen - und Menschheitsentwicklung. Wenn es ganz aussichtslos scheint, kommt ein Umschwung, mit dem keiner rechnen wollte. Meint z.B. Pete Seeger, mit dem ich darüber mal sprach.
Danke, bester Manfred, für das warmherzige Gespräch.
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