Tanners Interview mit Stephanie Gundelach: Damit die Menschen mal wieder eine Verschnaufpause bekommen
Volly Tanner
25.10.2011
Weg vom Wegwerfen, hin zum Bewahren und Umwidmen: Stephanie Gundelach.
Bild: Volly Tanner
Klamotten selbst gemacht. Leipzig hat im internationalem "Handmade-Netzwerk" dawanda.com mittlerweile alle Städte überholt. Und so ist Leipzig eben auch angenehmes Pflaster für Menschen, die eben nicht nur konsumieren wollen. Stephanie Gundelach ist genau so eine. Tiffi nennen sie die, die sie mögen.
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Weg vom Wegwerfen, hin zum Bewahren und Umwidmen. Vielleicht eine Lösung im immer schneller produzierenden und destruktiven Kapitalismus? Etwas Besinnung? Etwas Atemholen? Volly Tanner jedenfalls fragt nach und Tiffi antwortet ausgiebig.
Vor Kurzem hast Du im Leipziger Westen ein Projekt mit ungarischen Kunstschaffenden angeschoben. Um was gings denn da?
Die Künstlergruppe „Labirinthus“ aus Pécs hat schon einige Projekte im Rahmen von sozialer Umstrukturierung, Platzveränderung und Recycling mit Bewohnern in sozialschwachen Gegenden in Pécs gemacht. Hier sollte es ein interkulturelles Projekt mit Leipziger Kunstschaffenden zum Erfahrungsaustausch sein. Außerdem wollten wir den Bewohnern aus der näheren Umgebung und unseren Gästen zeigen, dass es möglich ist, mit wenigen Dingen etwas Künstlerisches im öffentlichen Raum zu schaffen. Leider hat der Austausch nicht so wirklich geklappt, wir haben das Projekt alleine gemacht. Dabei war es uns wichtig, so wenig wie möglich an Materialien neu zu kaufen, sondern in den Stadtteilen nach gebrauchten Dingen zu suchen, die wir für Installationen und eine Performance verwendet haben.
Du hast ein Praktikum bei der Rehabilitationswerksatt “Retextil” in Pécs/Ungarn abgeleistet, bist Erasmuskoordinatorin am Kunstpädagogischen Institut Leipzig. Dazu bist Du auch die Ansprechpartnerin Deutschland für die Stiftung ReTextil. Hab ich was vergessen? Was bringt Dich dazu, Dich so zu engagieren?
Die Möglichkeit für Studierende, während der Uni ins Ausland zu gehen, finde ich wichtig und relativ unkompliziert, um neue Menschen, andere Kulturen kennenzulernen und sich auszutauschen. Dabei können sich ganz neue Perspektiven ergeben, wie auch bei mir. Ich habe in Ungarn schöne kulturelle Projekte, eine neue Sichtweise auf die Möglichkeiten des Recyclings, der Handwerkskunst und die Beschäftigung mit sozial benachteiligten Menschen kennen gelernt. Meine Begeisterung geht eben über die Rückkehr nach Leipzig hinaus, so dass ich meine Erfahrungen anderen mitteilen und nahe bringen möchte. Außerdem kann ich Retextil unterstützen, indem ich Kooperationen und Projekte organisiere und aufbaue, um das ungarische Projekt und die Idee der Beschäftigung, Handarbeit und Gemeinschaft bekannter zu machen. Dadurch habe ich auch die Möglichkeit, meine Freunde aus Pécs mehrmals im Jahr zu treffen.
Stephanie "Tiffi" Gundelach.
Bild: Volly Tanner
Wie wird Euer Konzept wahrgenommen? Fühlst Du Dich nicht öfter wie Don Quijote - und die Windmühlen, die Markennamen tragen, schreien Dir ins Gesicht?
Manchmal ist es schwierig einem völlig Fremden den komplexen Organismus von Retextil umfassend zu erklären. Zeige ich dann aber Produkte oder Fotos, ist die Begeisterung meist groß und viele finden die Projektidee sehr gut. Ich habe ein Handarbeitsbuch über Retextil gemacht mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen zu verschiedenen Techniken und Produkten. So kann ich jetzt noch genauer das Projekt vorstellen und muss nicht mehr mit Händen und Füßen alles erklären. Hoffentlich gibt es dieses Buch bald auch auf dem ungarischen und deutschen Markt. Trotzdem wird Retextil von einigen noch als Utopie aufgefasst und die Idee der Vereinigung von Neuverwendung, Handarbeit, Kunst, Beschäftigung und Kenntnisweitergabe nicht immer ernst genommen. Außerdem könnten die Kaufpreise der handgemachten Produkte als Widerspruch zu den nichtkapitalistischen Zwecken des Projektes gesehen werden. Aber das ist ja leider häufig so bei selbst gemachten Produkten, die nicht in Massen hergestellt werden.
Mit Retextil habt ihr bei richtig vielen Kunstmessen, Modenschauen und Festivals teilgenommen. Auch Preise gab es. Ist Handmade die neue Coolness? Oder ist es gar ein Lösungsansatz, der retten kann?
Ich mag den Begriff „cool“ nicht so sehr... Ich denke eher, dass das Konzept eine Notwendigkeit in der Wegwerfgesellschaft aufzeigt, einen Ansporn für Wiederverwendung von Materialien geben kann. Und DIY ist ja tatsächlich in den letzten Jahren sehr beliebt und auch nötig geworden. Ich kenne einige Menschen und Projekte, die gebrauchten oder ungewöhnlichen Materialien eine neue Bedeutung geben. Einiges kann als Kram, Hippie- und Bastelzeugs angesehen werden, anderes wird als hochwertiger Schmuck und nützliche Alltagsdinge verkauft. Da diese Gegenstände meist handgemachte Unikate sind, ist der Preis teilweise sehr hoch und nur „coole“ Menschen können sich diese Dinge leisten. Und ich bin auf Partys oder Veranstaltungen immer wieder begeistert, welche schönen Dekos aus „Müll“ gemacht werden. Je bekannter und öffentlicher diese Projekte werden, um so leichter ist es vielleicht, die Ideen und Kenntnisse weiter zu geben und so das Bewusstsein für Umweltschutz zu fördern und sie zu Normalität werden zu lassen. Im Allgemeinen sieht man ja schon das Bedürfnis zum Klima-, Tier- und Naturschutz, indem immer mehr bio und regenerativ angeboten wird. Nur sollte dies alles zugänglicher für Jeden werden.
Wie lebst Du aber selber, Tiffi? Regenerative Energien, Bauernhof – oder wie muss man sich Dein ganz privates Universum vorstellen?
Der Bauernhof ist es noch nicht, dennoch ist bei uns der Trend von Umweltstrom schon in die Wohnung eingezogen. Aus finanziellen Gründen kann ich mir aber auch nicht alles leisten, was zu Umweltschutz dazu gehören kann. Ich sammle und lagere viele Dinge, die andere schon längst weggeschmissen hätten. Ich trage Klamotten von Mama oder nähe selber welche. Ich kaufe mir wenige Dinge neu und meistens sind es Werkzeuge oder Zubehöre für meine Bastelei. Langsam wird es Zeit, mir mehr Raum zu besorgen, um all meine Vorhaben und Ideen ausprobieren, in die Tat umsetzen und mein Sammelsurium an gebrauchten Materialien erweitern zu können. Und trotzdem gibt es einige nützliche Dinge, die ich nur neu kaufen will...
Was liegt aber nun als nächstes an hier in Deutschland? Wie geht es weiter?
Ich habe eben meinen Master angefangen um nebenbei meine Selbstständigkeit planen zu können. Das Konzept dazu erweitert sich ständig, trotzdem muss ich wohl erst einmal im Kleinen anfangen. Kurz gesagt soll es sich dabei um einen Ort handeln, in dem es sich auch um Recycling, Workshops, Beschäftigung, Kunst, Ausprobieren und Ungarn dreht. Ich möchte gerne einen guten Austausch und eine Zusammenarbeit mit verschiedenen Projekten aus Pécs, Budapest und anderen Städten in Ungarn aufbauen, länderübergreifende kulturelle und soziale Projekte veranstalten. In ein paar Jahren wäre es natürlich toll, auch hier in Leipzig eine Werkstatt mit dem Konzept von Retextil zu eröffnen.
Was wünscht Du Dir von Deiner Zukunft? Wie willst Du in 30 Jahren leben? Wie soll die Welt bis dahin bewegt werden und wie soll sie sich dann drehen?
Ich wünsche mir, dass ich mein Projekt erfolgreich umsetzen kann ohne großartig an bürokratischen Hürden hängen bleiben zu müssen und hoffe dabei auf die Unterstützung von anderen Menschen, die eine kleine Utopie mit mir teilen möchten. Es wäre schön, diesen Konsumzwang irgendwann unterbrechen zu können, damit die Menschen auch mal wieder zu einer Verschnaufpause kommen können. Vor allem ist mir in den letzten Jahren der Austausch wichtig geworden, vielleicht mit einer nostalgischen Besinnung verbunden.
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