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Lene-Voigt-Ausgabe komplett: Verleger Peter Hinke startet am 11. November gleich die nächste Werkausgabe

Ralf Julke
Peter Hinke mit den sechs Lene-Voigt-Bänden.
Peter Hinke mit den sechs Lene-Voigt-Bänden.
Foto: Ralf Julke
Die sechsbändige Werkausgabe für die Leipziger Dichterin Lene Voigt (1891 - 1962) ist komplett. Nicht nur Verleger Peter Hinke, der das Projekt vor 15 Jahren gemeinsam mit der Lene Voigt Gesellschaft startete, ist erleichtert: sechs handliche Bände in dunklem Blau - so kompakt gab es die Texte der Leipziger Nachtigall nie zu lesen.

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Auf was sich die drei Herausgeber Monica und Wolfgang U. Schütte und Gabriele Trillhaase, der Verleger und die vielen Helfer damals einließen, wussten sie selbst. Konnten sie nicht wissen. Sechs Bände, sechs Jahre, so ungefähr rechneten sie. Und rechneten nicht damit, dass spätestens ab Band 3 die Überraschungen anfangen würden. Texte tauchten auf, wo sie niemand vermutet hatte. Die Suche in alten Zeitungsarchiven gestaltete sich überraschend ergiebig. Die erste Buchveröffentlichung der Dichterin tauchte auf, noch unter ihrem Mädchennamen Wagner veröffentlicht.

Erst schob man ein bisschen. Nicht alles Nachgelassene passte in Band 3, "Wird man erst einmal gedruckt ...". Vielleicht hätte es ja in Band 5 gepasst - hätte sich da nicht auf einmal das Meer der Fundstücke in Zeitungen und Magazinen geöffnet. Band 5 wurde der dickste aller Bände, noch dicker als Band 4 "In Sachsen gewachsen". So wurden Texte verschoben und Erscheinungstage. Und am Ende wurde gar die Reißleine gezogen: Mit "Fernes Erinnern" erschien jetzt ein Band mit all den Lene-Voigt-Texten, die praktisch nach ihrem Veröffentlichungsverbot erschienen. Ein Band für sich, der eine Zeit beleuchtet, die Kenner der Voigtschen Texten vorher so nicht kannten. Ein erhellender Band.

Die zuvor als Band 6 geplante Biografie wird nun 2012 erscheinen. Separat, außerhalb der Werkausgabe. Das Jahr steht fest. Das Material ist gesammelt, jetzt stecken die Herausgeber in der redaktionellen Bearbeitung. Sicher ist: Er wird Vielen viel Neues erzählen über das Leben der Leipzigerin. Und es werden Lücken bleiben. Denn wer so wie Lene Voigt das halbe Leben immerfort am Umziehen war, der hat keinen großen Nachlass anwachsen lassen. Da und dort bei Freunden und Bekannten hinterlassene Texte, einiges aus dem Nachlass von Wolfgang Voigt, einiges aus der Mappe "LENE". Das war's fast.

Peter Hinke: Die Lene-Voigt-Werkausgabe ist komplett.
Peter Hinke: Die Lene-Voigt-Werkausgabe ist komplett.
Foto: Ralf Julke

"Aber als dann die Bände erschienen, haben sich viele Leute, die Lene Voigt noch kannten, an uns gewandt", erzählt Peter Hinke. "Ein Glücksfall. Viel später hätten wir die Ausgabe gar nicht machen dürfen." Denn natürlich sterben auch irgendwann all jene weg, die in ihren jungen Jahren die Dichterin noch kennen gelernt hatten. Manches davon wird sich in der Biographie wiederfinden. Und danach werden alle, die mitgearbeitet haben, sich wie Sisyphos fühlen. Nur: Dieser Stein rollt dann den Berg nicht mehr runter. Der bleibt oben. Und wirkt, so hofft Peter Hinke.

Denn das Anliegen der Lene-Voigt-Gesellschaft ist ja nicht nur die Erschließung des Werks der Lene Voigt. Es geht auch um das Lebendigerhalten der sächsischen Mundart und das (Wieder-)Verbreiten dieser Texte, die von 1936 bis 1984 praktisch auf dem Index standen. Bei Rowohlt im Westen erschienen die berühmten Bücher von Lene Voigt immer wieder. Nur in Leipzig, ihrer Heimatstadt, war Lene Voigt - von mutigen Kabarettisten einmal abgesehen - praktisch nicht präsent. Das hat auch Lücken hinterlassen. Lücken, die auch andere Mundartdichter betreffen. Längst ist nicht alles wieder aufgelegt und greifbar.

Es zielt auch nicht auf ein Bestseller-Publikum. Wer zu Voigt-Büchern greift, der weiß, was er sucht. Und was er bekommt. Deswegen gibt es auch kleine Erfolgstitel in der Werkausgabe. "Wir haben die Bücher ganz bewusst nicht nummeriert", sagt Hinke. "Niemand soll sich gezwungen fühlen, alle sechs Bände der Vollständigkeit halber kaufen zu müssen." Manche wollen eben doch das klassisch Unübertreffliche haben - und nur das. Es steckt in den ersten beiden Bänden "Mir Sachsen" und "Ich weeß nich, mir isses so gomisch". Beide Bände liegen schon in der dritten Auflage vor.

Peter Hinke mit den sechs Bänden der Lene-Voigt-Werkausgabe.
Peter Hinke mit den sechs Bänden der Lene-Voigt-Werkausgabe.
Foto: Ralf Julke
Doch da nun alle sechs Bände komplett sind, gibt es vor Weihnachten noch das, was man mit guten Werkausgaben meistens macht: Man entwirft einen eigenen Schuber. Wer seinen Freunden und Bekannten mit einem wirklich echten Leipziger Original ein dickes Geschenk machen möchte, kann den blauen Schuber verschenken. Noch wird dran gearbeitet. "Vor Weihnachten ist er da", sagt Hinke.

Der den Freiraum, der mit dem Ende des Voigt-Projekts entstand, gleich fürs nächste nutzte: Am Freitag, 11. November, feiert der Leipziger Dichter Andreas Reimann nicht nur seinen 65. Geburtstag. Im Haus des Buches wird gleichzeitig der erste Band einer Andreas-Reimann-Werkausgabe vorgestellt. "Die Weisheit des Fleischs" heißt der. Er erschien 1975 in der DDR und hatte ein ähnliches Schicksal wie Thomas Böhmes "Mit der Sanduhr am Gürtel": Er wurde zu einem Bestseller und zu einer Legende. Und er machte den 1946 geborenen Reimann zu einem der wichtigsten Lyriker des Landes. Seine Stimme: bis heute unverwechselbar.

Auf elf Bände ist die Werkausgabe vorerst angelegt. Manches wird eine originalgetreue Wiederauflage von Titeln wie "Die Weisheit des Fleischs" sein. Bei letzterem vermeldet auch Amazon nur: "Derzeit nicht verfügbar." Bald also wieder - in einer neuen, ansprechenden Reihengestaltung. Eigentlich ist es der zweite Band der Werkausgabe. Aber auch bei Reimann wird die Connewitzer Verlagsbuchhandlung auf eine Nummerierung verzichten. Es gilt dasselbe wie bei Lene Voigt: Wer einzelne Titel kauft, soll nicht das Gefühl bekommen, die komplette Sammlung erwerben zu müssen. Wenn sie denn so schnell komplett wird. Denn auch von Andreas Reimann wird eher im Jahresrhythmus je ein neuer Werk-Band erscheinen.

Wer ihn noch nicht kennt, wird mit "Die Weisheit des Fleischs" herausfinden, welche Qualität der Dichter hat, der im bundesdeutschen Feuilleton bislang kaum eine Rolle spielt. Und das Warten auf Band 1 lohnt sich natürlich, denn hier werden seine Gedichte aus den Akten der Stasi auftauchen. 1968 war Reimann verhaftet und wegen staatsgefährdender Hetze zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Seine teilweise unvollendeten Texte kassierte die Stasi ein. Was über 40 Jahre später natürlich spannende Fragen für den Verleger aufwirft: Kommen jetzt die Texte so ins Buch, wie sie die Stasi einkassierte? Viele noch mitten in der Bearbeitung, unfertig. Sind die jetzt gültig? Lässt sie auch der Dichter so stehen?

Wer am 11. November gemeinsam mit Andreas Reimann feiert, kann also sicher sein, dass Verleger und Autor derweil kräftig grübeln über den eigentlich ersten Band des Ganzen, der möglicherweise auch altgediente Feuilletonisten in Süd und West und Nord dazu bringt, sich einmal mit dem kleinen Rebellen aus Leipzig zu beschäftigen.

Andreas Reimann 65, "Die Weisheit des Fleischs", Premiere der Werkausgabe der Connewitzer Verlagsbuchhandlung mit Verleger Peter Hinke, Autor Andreas Reimann, Susanne Grütz & Hubertus Schmidt (Chanson), Hiltrud & Edwin Ilg (Violine) und Moderator Michael Hametner im Haus des Buches am Freitag, 11. November, 19.30 Uhr.


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