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Wovon Leipziger träumen: Eine Zeitreise mit Showmoderator Ralf Donis "In Leipzig geht noch richtig was"

Daniel Thalheim
Ralf Donis
Ralf Donis
Foto: Daniel Thalheim
Die Südbrause am Connewitzer Kreuz füllt sich. Donis sitzt am Tisch in der Raucherlounge und bestellt sich ein Bier. Der Showmoderator kann auf eine bewegte Zeit zurück blicken. In seiner Geschichte spiegelt sich ein Mensch, der seinen Traum schon seit über 20 Jahren lebt. Die L-IZ drückte im Gespräch einfach auf "Aufnahme".

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Kippen und Bier

"Gestern... war schön, war gut. Zumal es eine ziemlich abgedrehte Vorstellung gewesen ist. Irgendwie waren alle geigelig drauf. Ich hatte jemanden als Talkgast dabei, der gar nichts mit Musik zu tun hatte", sagt Ralf Donis mit rauer Stimme am Tag nach seiner November-Talkshow. Der ehemalige Sänger von Love is colder than death und Think about mutation steckt sich eine Zigarette an und weiß, dass er der Mann ist, der in seinen Moderationen den Zufall galoppieren lassen muss. "Ich bereite mich nie zu Tode vor." Dann wird's gut, weiß er. Für seine Talkshow am 27. Dezember sah er viermal "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" zur Vorbereitung. In der Ilse's Erika am Connewitzer Kreuz moderiert er regelmäßig die Latenight. Zwischendurch, davor, danach ist er bei vielen anderen Veranstaltungen die Rampensau. Und so taucht er beim 2011er "Die Art"-Jubiläumskonzert, bei Schwarwels Ausflug ins Horrorgenre mit "Herr Alptraum" und beim "Großen Preis von Leipzig" auf. Donis ist längst selbst ein Stück Leipzig.

Baumstümpfe und Die Art

"Die Nummer mit Die Art war witzig", erinnert sich Donis. "Zunächst fragte mich die Band, ob ich die Show moderieren kann. Ob ich nicht Lust hätte, ein Stück zu singen, kam später. Für mich war sofort klar, dass ich den 'Die Art'-Klassiker 'Chrome' singen werde. Das Lied nahm mich von Anfang an mit. Es ist einfach cool umgesetzt. Ich dachte, es nie wieder live von ihnen hören zu können. Seit vielen Jahren ist es nicht mehr im Programm gewesen."

Donis holt aus, wie es dazu kam, Makarios zum Spielen des Songs zu überreden. Die Art war 2009 in der Ilse's Erika bei einem Innenhof-Konzert, das Donis ebenfalls moderierte. "Vor der Zugabe sagte ich zu Makarios, 'Jetzt mal Chrome!'. Er nur so, 'Ja, ja... ist klar'. Das nur so als Rückblende. Als ich mir mein Stück für die Jubiläumsshow aussuchen durfte, stand für mich 'Chrome' fest. Ich sagte zu Makarios 'Da müsst ihr wohl noch mal in den Proberaum'." Donis lacht. "Das Lied selbst zu singen, war auch kein Routinejob für mich. Das ging sehr tief."

Der Showmoderator zündet sich die nächste Zigarette an "Die Atmo war so geil im UT. Schon alleine die Location! Da kann nichts wirklich schlecht sein. Und es war keine Altherrenshow, wie man es vielleicht erwartet hätte." Dann wird Donis nachdenklich, wovon träumte der Musiker und Musikfan als junger Mann.

Bei der Frage, was er immer sein wollte, entgegnet Donis: "Ich hatte immer eine Bühnensituation vor Augen. Eigentlich schon als Kind als ich mit meinen Eltern ins FDGB-Heim nach Thüringen gefahren bin. Damals hatte ich schon Baumstümpfe heran gerollt und mir ein Drumset nachgebaut. Aus dem ganzen Material bastelte ich eine ganze Backline." Donis lacht laut und fügt hinzu. "Alle, die dabei waren, mussten dem 'Konzert' beiwohnen."

Ralf Donis auf einer Zeitreise durch seinen eigenen Traum.
Ralf Donis auf einer Zeitreise durch seinen eigenen Traum.
Foto: Daniel Thalheim

Musikalische Sozialisation

Bevor Donis in Bands spielte und selber Musik machte, hörte er viel Radio. Seine Begeisterung für Musik entdeckte er früh. "Das Band-Ding war das, was ich ursprünglich wollte. Durch Umwege kam ich zu meiner jetzigen Berufung. Früher war es so, dass ich zwischen den Stücken mehr Spaß hatte. In den letzten Jahren bei ((tam)) war das wirklich so, dass die Ansagen genauso lange gedauert haben wie die Stücke selbst. Keiner war genervt! Da merkte ich, dass das auch eine Passion von mir ist. Definitiv!"

Was Donis nie wollte, war ein begrenztes Umfeld, wo er sich allein wohl fühlt. "Ich wollte schon immer eine bekannte Person sein. Ich brauche die Menschen um mich herum. Ich bin kein Mega-V.I.P. Der Status, den ich jetzt habe, ist so schön. Damit komme ich gut klar." Vor zwanzig Jahren war Donis bereits 23 Jahre alt. Seine musikalische Sozialisation begann schon viel früher - in der Mitte der Achtziger mit Hip Hop und Rap. "Breakdance machte ich damals. Der Film 'Beat Street' beeinflusste sehr viele Leute. Er wurde auch in der DDR gezeigt, weil Harry Belafonte ihn produzierte, der in der DDR ein gerne gesehener Gast war. Das war auch die Zeit als Tanzfilme generell geil waren - wie 'Fame'. Heute gibt es nichts Authentisches mehr."

Musik wie die von Grandmaster Flash, Sugar Hill Gang und Africa Bambaataa lief alles bei DT 64 "Duett", erinnert sich Donis und nippt am Bier. "Diese Musik hat es mir angetan. Das Radio sozialisierte mich wie viele andere musikalisch. Erst später kam ich zu Wave und Punk. Ich hörte damals viel RIAS 2, und zwar die Sendung 'Zeitgeist' mit Burkhard Rausch. Da liefen die Independent-Charts. Da erlebte ich ab Mitte der Achtziger Musik, bei der ich dachte 'Das kann doch nicht sein. Das kommt von einem anderen Planeten. Dead can dance, Cocteau Twins, Alien Sex Fiend... ' Das war spannend!"

Schnell entwickelte sich um diese Art von Musik in Leipzig ein kleiner Kreis von Liebhabern, mit denen sich Donis traf und austauschte. "Wir haben die Charts regelrecht ausgewertet!" Natürlich wurden Kassettenrecorderaufnahmen gemacht, man traf sich im "Eden" und langsam begannen die ersten, mit einem gewissen Dresscode aufzufallen. Aus dieser Liebe zu dieser Art von Musik entstand eine Kinderzimmerband, wie es Donis lachend ausdrückt. "Wir haben uns damals die 'Cleaned Windows' genannt. Ich habe behauptet, Schlagzeug spielen zu können. Die Hi-Hat war an einem Besenstiel montiert und ich konnte alles andere als Schlagzeug spielen. Es gibt ein Tape, das das beweist. Das halte ich aber bei mir zu Hause unter Verschluss. Es ist grauenhaft. Gott sei Dank kam es niemals zu einem Live-Auftritt."

Du steigst nach diesen 18 Monaten aus dem Zug aus und hast den Scheiß hinter dir gelassen und auf einmal war niemand mehr hier ...
Du steigst nach diesen 18 Monaten aus dem Zug aus und hast den Scheiß hinter dir gelassen und auf einmal war niemand mehr hier ...
Foto: Daniel Thalheim
Wende und Bühnenerfahrung

Schon damals begann der heutige Musikjournalist mit Elektronik zu experimentieren, bis die NVA dazwischen funkte. "1988 wurde ich gezogen. Ich gehörte zum letzten Jahrgang, der die vollen anderthalb Jahre ableisten durfte. Ende Oktober 1989 wurde ich aus dem Wehrdienst entlassen. Du steigst nach diesen 18 Monaten aus dem Zug aus und hast den Scheiß hinter dir gelassen und auf einmal war niemand mehr hier." Donis lacht. Doch viele seiner Freunde sind damals über Ungarn aus der DDR flohen. "Ich saß dann hier und sagte mir 'Ja,... toll'. Das war sehr hart, aber der Großteil derer, die nach drüben machten, hielten das Abenteuer nicht lange durch. Der Besuch der anderen Welt war für die meisten doch nicht so erfolgreich." Langsam fand man sich wieder zur Musik zusammen. "So traf ich Maik Hartung und Sven Mertens."

Mit Maik Hartung experimentierte Donis weiter und schuf "elektronische Soundscapes", wie Donis den Stil umschreibt während er eine Kippe im Aschenbecher ausdrückt. "1991 hatte Maik einen Auftritt in Lindenau. Sven kam von einer Reise aus Äthiopien nicht rechtzeitig zurück. Maik spielte eine halbe Stunde allein. So wurde ich gefragt, ob ich nicht einspringen könnte. Das war mein erster musikalischer Bühnenauftritt überhaupt! Die Leute drehten beim Tanzen durch, rissen dabei die Kabel aus den Geräten. Da merkte ich, dass ich performen kann."

Aus diesem Auftritt entstand langsam aber sicher der erste Schritt in Richtung der Band Love is colder than death. "Der Name ist ein wunderbarer B-Seiten-Song von Erasure. Es geht nicht um den gleichnamigen Film von Rainer Werner Fassbinder. Unsere Band war wirklich interessant, weil zwei Bands in einer waren. Im Prinzip waren es zwei autarke Pole, die nebeneinander existierten und live intelligent miteinander verquickt wurden." Sehr schnell gründete sich 1992 Think about mutation. "Schon bei den ersten Proben merkten wir bei TAM, dass dies nicht nur ein kurzzeitiges Projekt ist, sondern eine echte Band."

Ganz schnell entwickelte sich für Donis so eine Situation mit zwei Bands, die beide einen Plattenvertrag besaßen. Bald reichte die Zeit für eine Arbeit nicht mehr - sein musikalisches Engagement wurde für den Sänger mehr, als eine Urlaubsbeschäftigung. DJ-Auftritte kamen hinzu und erste Schritte als Musikjournalist. Während Maik Hartung zu diesem Zeitpunkt begann mit der Co-Sängerin ein Album produzieren, wandte sich Donis mehr und mehr Think about mutation zu.

Think about mutation und der Weg zum Moderator

In der Schlussphase von Think about mutation ging's experimentell zur Sache. "Virus" war für Donis eine richtig gute Pop-Platte. Die erste beim Plattenlabel "Motor". "High Life" mit dem Coverstück "Two Tribes" hingegen floppte. "Wir wollten mit den aktuellen Sounds der Zeit arbeiten. Das war ein Konglomerat aus den Metalvorlieben der Langhaarfraktion. Steffen Gräfe und ich waren eher die Pop/Elektronik-Fraktion. Joey wurde auch schnell zum Ober-Raver. Im Dancefloor-Sektor arbeiteten wir immer mit den aktuellsten Sounds. Bei 'Virus' waren das eben Drum'n'Bass und Soundloops. Vorher gab's eher die Rock- und Metalkante. Man kann natürlich heute sagen, dass wir damals doof waren. das waren wir damals aber nicht. Wir waren einfach so. Im Proberaum gab es oft Diskussionen, was wir machen. Vieles klang nach Erfolg, aber das war uns zu einfach."

Für Donis hat Leipzig eine Szene, auf die die Stadt stolz sein kann. (Donis als Moderator bei der Buchvorstellung von Schwarwels "Herr Alptraum")
Für Donis hat Leipzig eine Szene, auf die die Stadt stolz sein kann. (Donis als Moderator bei der Buchvorstellung von Schwarwels "Herr Alptraum")
Foto: Daniel Thalheim
Schon auf "Hellraver" arbeitete die Band lieber mit Break-Beat-Einflüssen. "The rewinding seeds" für Sänger Donis der Song, der alles das, was die 1990 gegründete britische Musikgruppe Apollo Four Forty später ausmachte, vorweg nahm. Aber mit "High Life" ging der Traum bei "Motor" auch schon wieder dem Ende entgegen. "Wenn man die damaligen Plattenverkäufe von der Scheibe heute hätte, wären wir fein raus. Damals ist aber an Einnahmen nicht im Ansatz das rum gekommen, was "Motor" in unsere letzten beiden Platten reingesteckt hatte." Da halfen auch die guten Rahmenbedingungen gerade für "High Life" nicht viel. "Two tribes" wurde als Soundtrack für die SAT-1-Fußballsendung "ran" verwendet, ebenso bei einem Computerspiel. Das Stück lief bei MTV rauf und runter. Und kein Geringerer als Faith-No-More-Bassist Billy Gould produzierte die Scheibe.

"Man kann sich fragen, woran der Misserfolg gelegen haben könnte. Die Umstände waren eigentlich top!". Donis weiter zum vielleicht schwersten Teil seines Traums: "Wir nahmen bei Gould in San Francisco auf..., alles stimmte. Auf die nur 18.000 verkauften Platten kann man das nicht schieben. Vielleicht lag das irgendwie auch an uns selbst, dass der Sprung in die nächst höhere Liga nicht gelang. Dazu kam auch, dass unser Plattenvertrag nur für zwei Platten lief. Der wurde nicht verlängert. Wir hätten von Null wieder anfangen müssen. Da war bei mir die Kraft raus. Ich stand nicht mehr hundertprozentig hinter all dem. Ich überlegte, dass ((tam)) vielleicht doch nichts für mich war."

Er selbst wusste, dass er polarisierte und kein hervorragender Sänger war und ist – so Donis über Donis. "Ich konnte das durch meine Performance überdecken. Das konnte man in den Neunzigern noch machen, ... aber jetzt. Mittlerweile geht es so dermaßen um Virtuosität." Donis nimmt sich eine neue Zigarette, erzählt, dass es viele Streitereien, viele Treffen und verlorene Nerven auf der Strecke liegen. "Eine Reunion will ich definitiv nicht, weil auch bandintern ein paar unschöne Sachen gelaufen sind, die man so schnell nicht vergisst. Außerdem halte ich von Dingen wie ''Die alten Recken zeigen sich auf der Bühne' ohnehin nicht viel."

Der Moderator

"Ich merke jetzt, dass das mein Ding ist. Die Latenight-Talkrunden gehen wirklich tief. Hier entwickele ich alles allein. Das ist viel Arbeit, aber da fühle ich mich am wohlsten. Ich bin gerne ein Einzelkämpfer", berichtet Donis zu seiner Arbeit als Talkmaster in Ilse's Erika. "Ich spiele gerne Tennis, aber da nicht mal mehr Doppel. Ich will gerne alleine fighten." Ob er auch ein guter Golfspieler sei? Donis lauthals lachend: "Am Handy klappt's gut."

"Mit Leipzig Fernsehen laufen ein paar Gespräche über ein Format", sagt Donis über die kommenden Pläne. Für den Showmaster ein Schritt zu größeren Projekten. Als Szene-Typ ist das für ein kein Widerspruch zur "Indie"-Kultur. "Ich entscheide, ob ein Produkt für mich gut ist oder nicht. Aus welchem Umfeld das kommt, ist nicht entscheidend. Die Unterscheidung was beispielsweise Off- oder Sonstwas-Theater ist, halte ich nicht für sinnvoll. Entweder das Stück ist gut oder nicht. Das ist der Maßstab der Dinge."

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Für Donis hat Leipzig eine Szene, auf die die Stadt stolz sein kann. "Wir haben aber das Problem in Leipzig, dass zu wenig Leute auch das leben wollen. Außerhalb Leipzigs hat das Centraltheater eine Reputation, die der Hammer ist. Hier wird gemotzt. So war das auch in der Musikszene. Die Angst etwas abgeben zu müssen, haben wir gemerkt als wir mit ((tam)) außerhalb Leipzigs bekannter wurde, mit Bloodhound Gang und Depeche Mode auf Tour waren. Vorher war das super. Du kannst 80.000 Benefizveranstaltungen im Zoro spielen, ... alle jubeln. Aber wenn du einen Majorvertrag hast und so weiter, wird nach dem Fehler gesucht."

Ein weiteres Bier, die nächste Zigarette, ein Ausblick auf eine Stadt, die in Donis´s Gefühl so gut mit seiner Kultur dasteht wie nie zuvor. "Außer dem dümmlichen Artikel in der FAZ, sagen alle, dass in Leipzig noch richtig was geht. Das genieße ich wirklich sehr. Eigentlich kann ich überhaupt nicht mehr meckern. Im Moment ist es sehr schön, in so einer Stadt wie Leipzig kulturell umtriebig zu sein und sehr viel machen zu können. Finanziell könnte es immer besser laufen. Das steht bei mir aber nicht an der ersten Stelle. Von daher kann ich sehr zufrieden sein."


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