Wovon Leipziger träumen: Michael Mahne "Jeden Tag ein bisschen mehr"
Daniel Thalheim
26.12.2011
Michael Mahne: ... jedwedes Elitedenken ist für ihn weit weg - er träumt von einem Leipzig, dass weiterhin von der SPD oder links davon regiert wird. Vor allem aber: "Dass sie offen bleibt für die Jugend.
Foto: Privat
Als Unternehmensberater kam er nach der Wende in die Messestadt. Über 20 Jahre danach ist nicht nur viel geschehen, auch er hat sich gewandelt. Michael Mahne betreibt die Alte Damenhandschuhfabrik im Leipziger Westen. Mit und in diesem Club erlebte er einiges in Großzschocher. Was hat den Mann nach Leipzig getrieben und vor allem hier verankern lassen? Kann er noch träumen?
Anzeige
"Als 'europäisches Mischlingskind' und Kind der damals ersten Generation 'Gastarbeiter' in der BRD lässt mich da auf manches zurückblicken", resümiert Michael Mahne über sein Dasein in Leipzig und verteilt gleich einen Seitenhieb auf einen aktuellen Bericht über rassistische Formulierungen in sächsischen Ermittlungsakten.
Inzwischen änderte sich sein Blick auf Politik und Menschen. Dabei kann ihm schon ein wenig Hohn und Spott ob der heutigen Politikerriege über die Lippen springen. "Es regt mich auf, dass wir eine Bundesregierung haben, die keine Politik mehr macht, sondern sich nur noch von einem Machterhalt zum nächsten hangelt." Vor zwanzig Jahren strotzte Mahne noch vor Hoffnung und Zuversicht.
"Ich bin 1990 ohne Vorbehalte in die Ex-DDR gekommen, weil ich damals noch einer Unternehmensberatung angehörte. Geködert mit 7er BMW, Bosch, Handy und anderen tollen 'Was-bin-ich-Symbolen, dachte ich erst einmal: Der Osten ist ein Land für "Newcomer'. Ich hab frühzeitig versucht, für mich und meine kleine Familie - mein Sohn ist ein 'typisches' Ost-West-Produkt' - meinen Weg zu finden und meine Existenz aufzubauen. Fehler hab ich gemacht, weil ich damals zu sehr den Erfolg in der Arbeit und vielleicht weniger im Gefühl meiner Frau gesucht habe."
Einst als Unternehmensberater nach Leipzig gekommen - heute Clubbetreiber Michael Mahne
Foto: Privat
Heute ist Mahne in Leipzig angekommen, ein Teil der Stadt geworden. Nach Statussymbolen jagt er nicht mehr. Inzwischen versteht er, dass ein gutes Netzwerk auch trägt. "Inzwischen bin ich 20 Jahre in dieser Stadt. Angefangen als 'Nicht-Netzwerker' bin ich jetzt ziemlich gut vernetzt, habe die Stadt, deren Umfeld, die 'Szene' schätzen und lieben gelernt. Meine besten Freunde sind teilweise "alte Ossis'. Politische Diskussionen führen wir mit Respekt, aber mit klaren Sätzen."
Dabei kann sich Mahne nur noch wundern, dass es immer noch Leute gibt, die mit dem alten "Ost-West-Schubladendenken" herumlaufen. "Ich entschuldige das mit den damals bestehenden Grenzen in den Köpfen der Eltern. Oder manchmal auch mit Naivität ..."
Mit Träumen hörte Mahne also nicht auf, aber der Schuss Realität in der Schule des Lebens fiel über die Jahre kräftiger aus. "Träume werden geträumt - Leben sieht dagegen oftmals anders aus. Irgendwie muss man sich arrangieren. Die Grenze ist das eigene Rückgrat, das man sich nicht verbiegen lassen sollte, sonst bricht es", so seine eigene Erfahrung. Woran die Wirbelsäulen brechen könnten, weiß er nur zu genau. Die Stadt Leipzig würde sich auf Prestigeprojekte zurückziehen: City-Tunnel, Kindergärten, Vereine. Mahne weiter: "Ich sehe es als gefährlich an, wenn sich die Kommune immer weiter aus sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Problemen zurückzieht. Das schafft nur Nährboden für eine politsche Kaste, die das für sich zu nutzen weiß."
Deswegen ist für Mahne jedwedes Elitedenken weit weg - er träumt von einem Leipzig, dass weiterhin von der SPD oder links davon regiert wird. Vor allem aber: "Dass sie offen bleibt für die Jugend. Dass in der Verwaltung die alten Zöpfe abgeschnitten werden müssen. Dass zu viele selbstherrliche Beamte da immer noch ihr Unwesen treiben. Widerspruch aus den eigenen Reihen? Fehlanzeige!" In diesen Worten schwingt ein wenig Enttäuschung mit, was der berufliche Nachtmensch damit bekräftigt, indem er sagt: "Es wird nur gesichert, ohne echte Veränderungen einzugehen. Jeder ist sich selbst der Nächste - und jeder hat 'Recht'. Veränderungen kommen immer zu langsam. Doch nur der stete Tropfen höhlt den Stein."
Michael Mahne wünscht sich ein Leipzig, das weniger mit plakativen Sprüchen über "Bachstadt", "Messestadt", "Kulturstadt", "Buchstadt" in Erscheinung tritt, sondern seine besten Tugenden zur Schau stellt. Bildung und Toleranz. Immerhin ist Leipzig die Stadt der Friedlichen Revolution. Hier nahmen Bürgerbeteiligung und Regimekritik ihren Anfang. Für Mahne sollte das immer wieder vor Augen geführt werden, anstatt sich die selben vom Streusand der Politik verkleben zu lassen.
"Zumindest in Italien und in Griechenland sind alte Zöpfe ab. In Frankreich wohl auch bald. Naja ... und in diesem Land hoffentlich auch bald ... Jeden Tag ein bisschen mehr ...", sagt Michael Mahne und wendet sich wieder seinem Betrieb in Großzschocher zu. Die in Eigenregie aufgebaute "Alte Damenhandschuhfabrik" heißt der kulturelle Baustein, mit dem Mahne Leipzig zu bereichern versucht.
Die Lebenshilfe Leipzig organisiert vom 8. bis 10. Juni zum zweiten Mal ein Geschwisterseminar mit der renommierten Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide (Bremen/Geschwisterkinder.de) und ihrem Team. Dieses wendet sich an die Eltern und Geschwisterkinder in Familien mit behinderten Kindern und findet in der Jugendherberge in Dahlen bei Leipzig statt. mehr…
Den 29. Mai kann, wer Lust hat, sich über diese seltsame Stadt am sächsischen Westrand ein paar Gedanken zu machen, vormerken im Kalender. Es ist ein Dienstag. Und die Stadt lädt ein in die Kongresshalle, konkret in den Händelsaal. Ab 19 Uhr darf man rein und schon mal die Fühler ausstrecken, 19.30 Uhr beginnt die Auftaktveranstaltung für ein Leipziger Zukunftsprojekt. Motto: Leipzig weiter denken. mehr…
Am 24. Mai um 15 Uhr lädt der Garten Annalinde mit Kaffee und Kuchen herzlich zur Eröffnung seiner Gartensaison ein. Seit Juni 2011 gibt es den mobilen Nutzgarten auf der Freifläche hinter der Bibliothek Plagwitz. Neben Kohl und Kartoffeln in Säcken werden dort Radieschen, Salat und Tomaten zusammen mit einer Vielzahl weiterer, teils alter Kultursorten in mobilen Hochbeeten angebaut. mehr…
Das nächste Monatlich Gespräch über Wissenschaft findet am Mittwoch, 23. Mai, um 19:30 Uhr im Haus des Buches (Gerichtsweg 23) statt. Moderiert wird es von Bettina Kremberg und Ulrich Johannes Schneider. Im Mittelpunkt steht Martin Seel, der über "111 Tugenden. 111 Laster" spricht. mehr…
Die Königin der Instrumente, die Orgel, ist zu Pfingsten in der Kirche Zuckelhausen, Zuckelhausener Ring, zu entdecken und zu hören. Am Sonnabend, dem 26. Mai 2012, erläutert Orgelbauer Stefan Pilz bei einer Orgelführung um 10 Uhr die Funktionsweise der Johann-Gottlob-Mende-Orgel (1822). mehr…
Mitteldeutschland befindet sich mitten in der Luther-Dekade. 2012 ist das Jahr der Musik. 2017 jährt sich Luthers Thesenanschlag zum 500. Mal. Und die Evangelische Verlagsanstalt hat ein Heft-Projekt gestartet, das im Mai 2011 mit Nürnberg startete und den Verlag auf Jahre beschäftigen wird: Orte der Reformation. Das wichtigste Heft liegt jetzt mit "Wittenberg" vor. mehr…
In Verfassungsschutzberichten landen nicht nur die wirklich staatsgefährdenden Organisationen. Oft beobachten die Schlapphüte auch Parteien und Vereine, von denen sie die Gefährdung nur vermuten. Manchmal über Jahrzehnte ohne Ergebnis. Da ist es schon erstaunlich, dass die Bundesregierung allein diese Beobachtungen zum Vorwand nehmen will, Vereinen ihre Gemeinnützigkeit abzuerkennen. mehr…
Am 2. Juni beginnt in Leipzig die Automesse AMI. Der Zweijahresturnus, den die Automobilbranche ausgehandelt hat für den Leipziger Branchentreff, zeigt Früchte: Die Aussteller zerreißen sich nicht mehr zwischen den Messen. Die Ausstellerzahl in Leipzig steigt. Das Messetrio aus AMI, AMICOM und AMITEC verzeichnet ein zweistelliges Flächenwachstum von über 10 Prozent. mehr…
Die Reihe "Recht auf Stadt" erlebt am 31. Mai eine weitere Auflage. Die zweite Veranstaltung, diesmal im Werk 2, dreht sich dabei rings um Fragen moderner Stadtentwicklung und die Rolle aller Beteiligten dabei. Diesmal unter dem Motto: "Kapitalanlage - Von Investoren-UFOs und Stadtteilzentren". mehr…
Flotte Sprüche, schwarze Business-Anzüge, dunkle Sonnebrillen. Die "Men in Black" sind nach zehn Jahren Leinwandabstinenz zurück. Im dritten Teil des SciFi-Franchise reist Will Smith ins Jahr 1969, um seinem Partner Tommy Lee Jones das Leben und die Menschheit vor einer vernichtenden Alien-Invasion zu retten. mehr…
Mit dem Sieg bei Fortuna Chemnitz hat der 1. FC Lok sein Saisonziel erreicht, steigt als Sechster in die neue Regionalliga auf. Geplant war alles ein wenig anders. Eigentlich sollte es der dritte Platz werden, eigentlich sollten die Neuzugänge einschlagen und von einem Trainerwechsel war vor der Saison auch nicht die Rede. Ein Saisonrückblick. mehr…
„Mut zu machen, dass wir Zeichen gegen Willkür und Gewalt setzen können“. Das ist für die in Berlin lebende Filmemacherin Karin Kaper die Botschaft ihres Filmes „Aber das Leben geht weiter“. Es geht um die - authentische - Vertreibungsgeschichte der Familien Queißer und Zukowscy, die in einem Bauernhof bei Görlitz aufeinander treffen. Ein L-IZ-Interview. mehr…
Das Fazit der "Frankfurter Rundschau" war am Ende eindeutig: Was da am Wochenende in Frankfurt zu erleben war, war ein Sieg für die Blockupy-Bewegung. Die Stadt Frankfurt selbst blamierte sich mit ihrem martialischen Großaufgebot an Polizei gründlich, mit ihrer Argumentation gegen vermeintliche "Linksextremisten" sowieso. Ein weiterer Versuch, die berechtigte Kritik der Demonstranten an der Erpressungspolitik gegenüber Griechenland zu diskreditieren. mehr…
Der Schatten über Leipzigs Verwaltung wird größer: Der Sonderprüfbericht über die sogenannten herrenlosen Häuser zeigt deutlich, welches Fehlverhalten im Rechtsamt seit über 15 Jahren alltägliche Praxis war. Getreu nach dem Motto „Mein Name ist Hase und ich weiß von nichts“ weist die Verwaltungsspitze aber die Vorwürfe von sich, bereits durch frühere Berichte den Missstand erkannt haben zu können. Aber das ist ja auch logisch, wenn die Berichte ungelesen beiseite gelegt werden. mehr…
Es passte natürlich. Am einen Ende der Straße erklärte Baubürgermeister Martin zur Nedden den wissbegierigen Journalisten, warum die Stadt jetzt auffällige Piktogramme neben die Blindenleitstreifen in der Grimmaischen Straße malen lässt - und 100 Meter weiter stand ein Blumentransporter drauf und ein DHL-Auto parkte mal kurz. Es geht wohl nicht wirklich um die Leitstreifen im Pflaster. Es geht wohl mehr um die tägliche Gedankenlosigkeit der Eiligen. mehr…