Der Lindenauer an sich: Michael Schweßinger über Leben, Leipzig und Brötchen backen
Daniel Thalheim
20.01.2012
Michael Schweßinger.
Foto: Daniel Thalheim
Was kann ein zugereister Leipziger schon über Leipziger sagen? Viel. Mit dem interessierten Blick eines Volkskundlers und eines Schriftstellers betrachtet Michael Schweßinger seit vielen Jahren das Verhalten der Großstadtmenschen. Er hielt seine Beobachtungen in Büchern wie "Der Lindenauer an sich...“ fest. Im Interview erzählt Schweßinger ausnahmsweise über sich.
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Woher kommst du und warum bist du in Leipzig gestrandet?
Ich komme aus der Fränkischen Schweiz und ursprünglich kam ich nach Leipzig, um hier Afrikanistik und Ethnologie zu studieren.
Zurückblickend die richtige Entscheidung?
Nun, mit Entscheidungen ist das so eine Sache. Das ist wie mit vielen Türen, die dir zur Auswahl stehen. Du gehst durch eine, die dir sympathisch erscheint und entdeckst viele Menschen und Dinge. Manchmal hat man sicher das Gefühl: „Man, wäre es nicht besser gewesen, wenn man eine andere Tür geöffnet hätte?“
Und?
Ich denke, das ist normal und es ist natürlich auch nicht möglich zu sagen, was passiert wäre, wenn man eine andere Tür genommen hätte, auf der nicht Leipzig geschrieben stand. Man könnte da nur spekulieren. Aber ich denke nicht in diesen hypothetischen Kategorien. Egal was man im Leben anstellt, die Hauptsache ist doch, dass man losgeht und nicht sein Leben vor irgendwelchen Türen verbringt, aus Angst es könnte die Falsche sein, die man aufstößt.
Backt auch mit Literatur seine Brötchen: Michael Schweßinger.
Foto: Daniel Thalheim
Da war Leipzig scheinbar die richtige Tür...
In jedem Fall war es 2002 eine bewusste Entscheidung für Leipzig, das ich zuvor ja nur vom WGT her kannte. Ich war verliebt in diese Ambivalenz aus Verfall und Dynamik. Disneyland des Unperfekten, schrieb die FAZ doch mal. Das trifft es ganz gut, obwohl Leipzig gegenwärtig zunehmend zu Ersterem tendiert und das Unperfekte mehr und mehr verdrängt wird.
Und wie sieht das Bild von Leipzig aus deiner Sicht jetzt aus?
Sicherlich ist das ein Jammern auf hohem Niveau, wenn man andere Städte in dieser Größenordnung betrachtet, aber diese Dynamik ist erkennbar und ich denke, dass Leipzig sich da gerade säubert. Ich meine da gar nicht dieses Einkaufsmonster am Brühl, sondern die Veränderungen im Umgang mit den Subkulturen. Man wirbt zwar groß mit Kreativwirtschaft, aber wenn man dann beispielsweise sieht, wie mit alternativen Clubs hier im Westen der Stadt umgegangen wird, dann kommt man doch zu einem anderen Resumée. Was eine Stadt lebenswert macht, ist ja meines Erachtens nicht die dreizehnte H&M-Filiale, sondern Menschen, die ihr schöpferisches Potential entfalten und andere daran teilhaben lassen.
Ist es schwierig für dich gewesen, hier Fuß zu fassen?
Im Grunde eigentlich nicht, obwohl ich auch oft mit der Stadt gerungen habe. Gerade was die Brot- und Bierqualität angeht. Da war ich immer auf Kriegsfuß mit Leipzig und war oftmals auf die Importe aus Franken angewiesen.
Und jetzt?
Nun, ich hatte gleich nachdem ich das Studium an den Nagel gehängt hatte, angefangen wieder in meinem ursprünglichen Beruf als Bäcker zu arbeiten, kam also nie in eine Situation in der ich „außen vor“ war. Dazu habe ich natürlich über unseren Verlag Edition PaperONE und die Lesebühnen viele Kontakte zu Künstlern und Autoren, so, dass ich mich da nicht beklagen kann. Also es gab nie den Punkt, wo ich sagen musste, ich wäre in einem Stadium der Isolation.
Wenn du auf die Leipziger schaust - in deinen Büchern kommen sie vor - was stellst du fest?
"Der Lindenauer an sich...“, begann ja mein erstes Buch über Leipzig. Ich wäre heute nicht mehr so vermessen zu sagen "Der Leipziger an sich...“, aber, um es in der Sprache von damals zu sagen, von der Mentalität würde ich schon meinen, dass es sich bei den Leipzigern um einen sehr toleranten Volksstamm handelt.
Das fiel mir schon 1998 auf, als ich zum ersten Mal beim WGT war und mir dachte: „Man, in Bayern hättest du bei so einer Parade die Polizei, den Verfassungsschutz und die katholische Kirche an der Backe.“ Auch als ich meine Bücher über die Lindenauer schrieb, die ja für viele "Eingeborene“ schon schwer verdaulich waren, hatte ich bis auf wenige Ausnahmen immer gute Diskussionen und eine Klima der Offenheit.
Ich hab mir manchmal gedacht, wie es wohl wäre, wenn ein Sachse nach Nürnberg kommen würde und so ein Buch mitbringen würde. Da möchte ich nicht meine Hand dafür ins Feuer halten, ob das dann so angenommen werden würde. Also, dass man sich wirklich damit auseinandersetzt. Was ich allerdings bei meinen Jobs als Student oder auch jetzt, wo ich das Handwerk aus der Nähe betrachte, kennenlerne, ist ein missratener Verwandter der Toleranz, nämlich die Duldsamkeit.
Oft nicht gerade zum Vorteil, oder?
Diese Dumpinglöhne, quer durch die Bank, dass es da nicht mal kracht, ist mir unverständlich. Da denkt man schon manchmal, dass die Leipziger ihr revolutionäres Potential 1989 aufgebraucht haben. Man muss sich mal vorstellen, dass hier Friseure für weit unter 5 Euro arbeiten oder dass sich Bäcker teilweise mit 6 Euro die Nächte um die Ohren schlagen. Das ruft doch praktisch nach einen Generalstreik und dass das Märchen von den geringeren Kosten für die Lebenshaltung immer noch zieht, ist mir auch ein Rätsel.
Denkst du, dass du dich hier verwirklichen konntest?
Klar, jeden Tag aufs Neue, sonst wäre ich nicht mehr hier. Als Bäcker durch meiner Hände Werk. Menschen erfolgreich davon zu überzeugen, dass es Unterschiede gibt zwischen Discountern und Fachkräften, die ihr Handwerk beherrschen, ist eine sehr erfüllende Aufgabe.
Und als Schriftsteller?
Durch meine Gedanken und Geschichten. Es ist ebenso schön, wenn ein Leser oder Zuhörer bereit ist, sich auf meine Gedankenwelten einzulassen, Und nicht zuletzt als Verleger. Ich freue mich über jedes Buch, dass wir publizieren. Man darf nicht vergessen, sich verwirklichen ist etwas Seltenes und Kostbares. Dahinter steht oftmals harte Arbeit. Wenn ich am Ende einer Nacht ein noch warmes Brot, das ich gebacken habe, in die Hand nehme. Drei Zutaten und doch perfekt.
Kein Schnickschnack. Wenn ich als Autor ein leeres Blatt besiegt habe und sich daraus eine gute Story entwickelt hat, Wenn ich als Verleger sehe, wie sich ein Autor freut, wenn er sein neuerschienenes Buch in den Händen hält. Das sind Momente an denen Wirklichkeit durch den Alltag bricht.
Ist ein Traum für dich in Erfüllung gegangen?
Ich war immer davon überzeugt, von dem was ich mache. Von daher strahlt der Traum bei mir immer in die Welt, die ich mir erschaffe. Ich versuche ihn zu verwirklichen und gebe der gelebten Realität den Vorzug vor einer reinen träumerischen Betrachtung. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Geht eine Tür zu, dann geht eine andere auf, um eine Metapher von weiter oben wieder aufzugreifen.
Siehst Du dich als Verlierer oder Gewinner?
Also da sehe ich mich schon klar auf der Gewinnerseite. Mein Lebenslauf gleicht ja eher einem Flussdelta, voller Untiefen und merkwürdigen Abbiegungen, aber trotz der Brüche bin ich da immer meinen Weg gegangen. Ich bin von der Schule gegangen ohne Abschluss, habe dann meine Lehre gemacht, Abitur nachgeholt und dann Ethnologie und Afrikanistik studiert. Jetzt mache ich meine Meisterprüfung im Bäckerhandwerk. Welche unglaubliche Vielzahl an Möglichkeiten, das Leben in seinen verschiedenen Facetten kennenlernen zu dürfen. Was für ein Luxus an Entfaltungsmöglichkeiten, da sollte man schon dankbar sein, oder?
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