"Als der Südfriedhof mein Wohnzimmer war": Gruftis in der ehemaligen DDR und im Visier der Stasi
Daniel Thalheim
25.05.2012
Brauchen sich heute nicht zu verstecken: Alexander Nym und Alexander Pehlemann.
Foto: Daniel Thalheim
Alexander Nym und Alexander Pehlemann sitzen im Gebäude der ehemaligen Galerie "Eigen + Art" und rühren ihren Kaffee um. Kulturny Dom 31 nennt sich der Ort in Connewitz jetzt. Schauplatz einer neuen NSK-Ausstellung. Beide Kulturmacher wollen am Pfingstsamstag nicht hier sein, sondern im "Museum in der Runden Ecke" mit Gruftis und Nicht-Gruftis einen Blick zurück auf die DDR werfen. Mal als "Wessie", mal als "Ossie". Anlass ist die aktuelle Ausstellung "Als der Südfriedhof mein Wohnzimmer war - Grufti-Szene in der DDR".
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Von "Shins und Guffins" stammelte der Stasi-Greis Erich Mielke 1989 über zwei Subkultur-Szenen, die die DDR-Behörden und ihre Schreibtischtäter nicht verstehen wollten. Wenig später sollte Mielke ein "Ich, ich liebe euch doch alle" stottern und wurde dafür herzlich ausgelacht. Sagte der Chef der Staatssicherheit den Satz, weil er dank reger Innenspionage seine liebenswerten DDR-Bürger ganz gut kannte? Fakt ist, wer aus dem Raster fiel, wurde besonders scharf beäugt. So auch Mielkes "Shins und Guffins".
Aber mit den Begriffen hatte man es in der DDR nicht so, schon seit Beatzeiten, bald auch mit den "Pungern". Hauptsache observieren. Wer auffiel, wurde beschnüffelt. Und manche Leute fielen auf. Rund 600 Anhänger der schwarzen Szene erfassten die Stasi-Mitarbeiter in den Städten Ost-Berlin, Leipzig, Dresden und Karl-Marx-Stadt von 1987 bis 1989. Weil die Jungs und Mädchen mit ihren schwarzen Klamotten und toupierten Haaren so schräg aussahen, wurden sie in die Sonderkartei der "negativ-dekadenten Jugendlichen" erfasst. So kann man es heute im Leipziger Stasi-Museum am Dittrichring in einer aktuellen Ausstellung rund um die Grufti-Szene in der DDR nachlesen. Und die Szene war wie Kenner wissen ziemlich "up to date".
Gruftis wurden in der DDR von der Stasi observiert.
Pehlemann erzählt: "Es ist nicht so, dass wir in der DDR in einer 'splendid isolation' gelebt hätten." Während er sich ein Salamibrötchen vorbereitet schildert er, dass die üblichen Quellen Zeitschriften wie die "Bravo" oder Radiosendungen wie "Parocktikum" vom ehemaligen DDR-Radioprogramm DT64 hießen. "War das die Foto-Love-Story 'Ratte flüchtet nach London', oder so ähnlich?", fragt Nym Pehlemann nach einem Artikel in der "Bravo".
"Ich weiß es nicht so genau", antwortet der "Zonic"-Magazin-Herausgeber. "Auf jeden Fall kamen in dem Beitrag Friedhöfe vor, auf denen sich Jugendliche zwecks schaurigen Zusammenkünften und adoleszenten Absetzungen vom Mainstream trafen und worauf sich die Ausstellung mit den ausgestellten Stasi-Unterlagen teilweise inhaltlich bezieht."
Selbst rohes Fleisch zu essen, wurden den Gothics in der DDR nachgesagt. Nym ergänzt: "Das wurde in den Akten wirklich so erwähnt: Spiritistische Sitzungen auf dem Friedhof. Heute würde man das unter dem Schlagwort 'Jugendokkultismus' zusammenfassen, worunter auch Pendeln und Esoteriksitzungen fallen würden. Banale jugendliche Experimente, aber gruselig eingestuft, weil das nachts auf dem Friedhof stattfand. Die haben sich einfach einen Thrill verschafft, vermute ich."
Für Pehlemann damals wie heute auch ein Zeichen jugendliche Aufbegehrens gegen die Erwachsenenwelt. Dazu gehörten auch schräge Klamotten. Aber wer dazu gehören wollte, musste individuell sein, fügt er hinzu. Aber angesichts der miesen Färbemittel für Klamotten war am Ende doch alles Grau in Grau - die vermeintliche Standardfärbung des DDR-Alltags.
Wie kam es aber zur kleinen Liaison zum WGT-Wochenende? Laut Nym traten die Mitarbeiter des Museums in der Runden Ecke angesichts des Erfolgs des Wave Gotik Treffens an den Plöttner Verlag heran. Kulturwissenschaftler Nym wurde von den Ausstellungsmachern im Rahmen des 21. Wave Gotik Treffens eingeladen, aus seinem Wälzer "Schillerndes Dunkel" zu lesen. Das 2010 erschienene Buch beschäftigt sich mit zwei Artikeln mit der DDR-Grufti-Szene. Zur Veranstaltung holte sich Nym einen Mann, der die damalige Szene ganz gut kannte. Alexander Pehlemann saß als gebürtiger Mecklenburger und Zeitzeuge zwar im "Tal der Ahnungslosen", wie er meinte. Aber die einschlägigen Zugänge zur Musik übers Radio und Szene-Kontakte besaß auch er.
Für ihn und Pehlemann ist die Ausstellung "Als der Südfriedhof mein Wohnzimmer war" an sich schon etwas Besonderes, weil die Unterlagen sonst nur dann gezeigt werden, wenn jemand einen Forschungsauftrag besitzt. Aus den Vermerken der Stasi-Mitarbeiter geht laut Nym hervor, dass die Gruftis nur in den Jahren zwischen 1987 und 1989 erfasst wurden. "Damals war in der BRD die New-Wave- und Gothic-Kultur schon weitestgehend verwaist. Erst nach der Wende nahm die schwarze Szene Dimensionen an, die wir heute noch sehen", so der in Nürnberg geborene Szene-Forscher.
Wie ging die DDR gegen Gruftis vor - Nym und Pehlemann suchen auch Zeitzeugen.
Foto: Daniel Thalheim
Er will die Artikel "Schwarzhören im Osten - Die Szene in der DDR" von DJ Orlog und "Bekenntnis" von Stephan Pockrandt vorlesen. "Orlog beschreibt in seinem Artikel wie er Schwarzkittel wurde. Pockrandt hatte in den neunziger Jahren sehr viel Arbeit in die Szene der fünf neuen Bundesländer gesteckt." Der Dresdner war Herausgeber der teilweise im linksalternativen Teil der Szene umstrittenen Magazine "Sigill", "Zinnober" und "Zwielicht" und Betreiber des Labels und Ladens "Eis & Licht“, welches er 2010 dicht machte. Speziell in der ostdeutschen Neofolk-Szene machte sich Pockrandt einen Namen.
Für Alexander Nym und Alexander Pehlemann ist vordergründig für ihre Lesung am 26. Mai um 16 Uhr im Museum in der Runden Ecke wichtig, dass möglichst viele Menschen das offene Gespräch suchen. Gerade für Nym sind Leute, die damals in der DDR Gruftis waren, als Zeitzeugen wichtig. "Schillerndes Dunkel" bietet mit zwei Artikeln noch zu wenig, um einen vollständigen Überblick über die DDR-Szene zu geben. Vielleicht wird seine Lesung über Gruftis in der DDR eine neue Veröffentlichung anschieben.
Nicht nur die Lesung am 26. Mai will Einblicke in die DDR-Szene geben. Die Ausstellung zeigt bis in den September hinein Akten und andere Zeugnisse der Grufti-Spionage. Sie geben den Eindruck wieder, den die DDR-Behörden von den Schwarzkitteln besaßen. Aus dem 1986 begonnenen DEFA-Dokumentarfilm "Unsere Kinder" werden nonstop Ausschnitte gezeigt. Natürlich tauchen auch die "Shins und Guffins" auf. "Ich habe da noch ganz andere Begriffe gelesen", sagt der gebürtige Nürnberger und nun Wahl-Leipziger Nym mit einem süffisanten Schmunzeln. Er warf schon einmal einen Blick auf die Ausstellung. Der Eintritt ist bei diesen Veranstaltungen während des WGT kostenfrei - auch für Nicht-Festivalbesucher.
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