Global Space Odyssey 2012: Wer, Wie, Was ist Kultur? - Gedanken + Bilder 2012
Michael Freitag
21.07.2012
Die Global Space Odyssey 2011 am Fischersteig (Jahnallee): Start 2012 ist wieder 13 Uhr am Connewitzer Kreuz
Foto: Michael Freitag
Eigentlich nicht ohne Pfiff, wenn auch medial reichlich unbeachtet stellen sich die GSO-Macher in diesem Jahr eine Frage, der man tatsächlich einmal nachgehen könnte – wenn man denn will und etwas Zeit mitbringen mag. Was ist Kultur? Einfach mal über Kultur nachdenken, sofern dass bei hämmernden Beats am Samstag, den 21. Juli auf den Leipziger Straßen einerseits und dem reichlich verfahrenen Bild auf alte, neue, hohe, triviale oder eben Kultur überhaupt gehen wird.
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Irgendwann kam dann eben doch das Alter, wo der Club nicht mehr so recht zum eigenen Leben passen wollte. Die illegalen Partys in diversen ungenutzten Häusern der Stadt hatte man bereits Jahre zuvor aufgegeben, auch im Park bei einer lauen Nachtmusik saß man da schon länger nicht mehr.
Irgendwie die Schwelle zwischen nicht mehr ganz jung und dem Abschied ins stumme Ergrauen. Ein Zeitpunkt, wo das Außen nicht mehr ganz so wichtig war, die ersten eigenen großen Herausforderungen einen früher ins Bett fallen und am Morgen zeitiger in die Pantinen kommen ließen.
Weshalb man den Text der GSO – Macher zur diesjährigen Ausgabe vielleicht vor all zu hastiger Kommentierung in Ruhe zweimal lesen darf. Denn man gehört nicht so ganz dazu, könnte man meinen, wenn der Zug heute ab 13 Uhr lautstark, den Verkehr behindernd und knallbunt durch die Leipziger Straßen zieht. Denn tut man dies, findet man auf einmal jenseits der eigenen Denkmuster fröhliche und zugleich ernsthaft nach Partizipation rufende Menschen. Jung, wild vielleicht, aber fast zu zahm schon in ihren Ansprüchen, die sie an die Gesellschaft ebenso, wie an sich stellen.
Nirgendwo steht das Wort von Revolution, Umsturz, Revolte oder gar ein aggressiver Abgesang auf die weiß Gott teils bescheidene Gesellschaft, in Leipzig gern Heldengesellschaft von ehemaligen „D-Mark-Rufern“ in der man so tagtäglich sein berufliches Dasein fristen darf. Sie sprechen von Mitgestaltung, Freiheit im Handeln, Kooperation. Wie gesagt – fast ein wenig zu zahm, aber die eigene jugendlich übermütig umgetretene Mülltonne hat die Welt ganz offensichtlich auch nicht verändert.
Diemal geht es aus dem Süden kommend in Richtung Wilhelm-Külz-Park. Danach folgen diverse Partys in Leipzig. (Bild GSO 2011)
Foto: Michael Freitag
Sie fragen nach einem Weiterdenken von Kultur, in Leipzig ebenso wie in der Gesellschaft. Und sie haben dabei mehr Fragen als Antworten – was eine gute Voraussetzung ist, denn Alleswisser sind wir „Alten“ ja schon allzu gern. Richtig, wenn sie sich genau dem verschließen und einen sehr guten Grundgedanken an den Anfang und damit irgendwie in die Mitte ihrer Überlegungen stellen.
„Es liegt in der Natur des Menschen sich zu verwirklichen, an sich zu wachsen, seiner Kreativität Freiraum zu geben, andere zu inspirieren und die Welt zu bereichern. Genau das, haben wir im Sinn, unsere Kultur zu leben, ihr eine Form zu geben, mit ihr zu wachsen und andere daran Teil haben zu lassen. Wir alle haben uns frei entschieden, in irgendeiner kulturellen Gemeinschaft zu leben, egal wer wir sind, aus welchem sozialen Umfeld wir kommen, welche gesellschaftliche Stellung wir einnehmen oder welche Geschichte uns begleitet.“
Es ist fast ein Postulat für das Recht auf die ganz eigene, individuelle Verrücktheit. Bei dem einen die, sich eine fünfstündige Theaterinszenierung ohne Stückkenntnisse und drei hastigen Pils in der einen Pause als Tätigkeitsnachweis für das eigene Bildungsbürgerdasein zu verpassen. Für andere eben die am Morgen 5 Uhr aus einem Club in die gerade aufgebrochene Sommersonne zu treten.
Nur weniges ist übrigens eine berückendere und ursprünglichere Erfahrung, als nach einer langen Nacht im Tanz die ersten Sonnenstrahlen zu sehen. Es fühlt sich nach Lebendigkeit an, weil die Ratio längst irgendwo auf dem Tanzboden einer durchfeiernden Freude - mit und an anderen Menschen wie an sich selbst – erschöpft liegenblieb. Und es ist Kultur, Lebenskultur, auch einmal nichts oder alles auf einmal zu denken.
„Wenn sich Menschen in irgendeiner Form engagieren, Werte schaffen oder erhalten, die die Welt bereichern, dann sollten sie auch Akzeptanz und Unterstützung erfahren."
Foto: Michael Freitag
Von eben dieser Leichtigkeit erzählen Menschen, wenn sie in Leipzig waren, eben dies macht vielleicht mehr Kultur in einer Stadt, als der nächste „Ring“ von Wagner. Auch die, welche einmal wirklich jung waren, kennen so manchen Club dieser Stadt von innen, haben Veranstaltungen besucht, die anders als so manches hoch subventionierte Brimborium vom Atem der Macher leben und noch mit dem letzten Cent privat finanziert wurden. Und so mancher, der vom „Geschäft Freizeit“ etwas versteht, wundert sich, wie eigentlich all dies in Leipzig in einer Breite existieren kann, dass es mit Geld nicht erklärbar ist. Mit dümmlicher Diskomache und einem Wunsch nach billigem Rausch eben so wenig.
Denen, die es also fertigbringen, nie jung gewesen zu sein und sich über den Verkehrsstau an einem Samstag in Leipzig aufregen wollen, statt an der frischen Luft einen Tag und eine Nacht zu tanzen oder wenigstens staunend einem Zug aus Musik, Freude und jungen Menschen zu begegnen, sei mit den Worten der GSO 2012 eines zum Nachdenken mitgegeben.
„Wenn sich Menschen in irgendeiner Form engagieren, Werte schaffen oder erhalten, die die Welt bereichern, dann sollten sie auch Akzeptanz und Unterstützung erfahren. Da unser konsumorientiertes Verhalten und der gedankenlose Umgang mit Werten in der Gesellschaft, die Realität oftmals stark verzerrt, verschließen wir uns dem Unbekannten aus Unwissenheit und ideologischen Begrenzungen. Wir leben in den Erinnerungen unserer Vergangenheit oder in den Wunschgedanken einer ungeschriebenen Zukunft. Wir richten unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf den persönlichen Vorteil, auf das „Mein“ oder „Ich“, auf Rendite und Profitmaximierung.“
Wer das nicht unterschreiben kann, arbeitet bei einem Kreditinstitut oder hat aufgehört aus Gedachtem Taten werden zu lassen. Den Oberbürgermeister dieser noch bunten Stadt haben die Macher ebenfalls öffentlich eingeladen, mal sehen, ob er sich traut. Man sieht sich auf der Global Space Odyssey. Allemal besser, als sitzen zu bleiben, womöglich im Autostau. Denn dass macht einfach nur mürrisch und fett.
Nachtrag: Soweit dies überhaupt über den Tag schätzbar ist, waren wohl über 3.000 Teilnehmer am 21. Juli unterwegs.
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