Wovon Leipziger träumen: Jürgen Kasek – Von Stille, Freiheit und Unschuld
Jürgen Kasek
02.01.2013
Ich träume von Ruhe. Von dem einem Moment in der Kindheit als ich am Baum der uralten Eiche saß, die sich am Rande des Tagebaus Cospuden erstreckte.
Foto: Privat
Eine Frage wie keine. Ebenso könnte man fragen, woran denkst du und auf eine aufrichtige ehrliche Antwort warten. Und das gerade dann, wenn man Menschen fragt, die beständig in irgendeiner Rolle eine Position in der Öffentlichkeit beziehen. Die Projektionsflächen sind. Menschen, die auf irgendeine Art und Weise das Gesicht von Leipzig mitprägen, als Bürger, als Ehrenamtler, als Empörte, als Politiker. Es sind so viele. Eigentlich, sind es wir alle.
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Wovon träumst du? Es fällt mir schwer die Frage zu beantworten, mich zu lösen, zu sehr treibt mich die Vorstellung, für das Publikum zu schreiben. Ich bin, wer ich bin und kann mich nicht davon befreien, nicht gänzlich. In wohlfeilen Worten könnte ich schreiben, dass ich mir irgendetwas wünsche was ehrlicher wäre, ein neuen Politikaufbruch oder echte sachliche Diskussionen, Weltfrieden, oder eine neue Kultur des Miteinanders.
Schreiben, was ich mir für meine Stadt wünsche, für meine Stadt, die ich liebe, in der ich jeden Tag, wie all die anderen auch, etwas schaffe. Ich lese den letzten Satz und stelle fest, dass die eingeschobene Feststellung auch nur gestellt ist, der Versuch nicht herauszutreten, nicht größer zu sein als andere. Konstruierte Worte- konstruierte Träume.
Zeichen einer untergegangenen Epoche
Foto: Privat
Rollenbilder aufbrechen, Projektionsflächen zerstören. Was erwarten die Menschen? Und warum gelingt es so wenigen, sich von diesen Vorstellungen zu befreien? Einfach nur authentisch sein.
Ich könnte es schreiben, manchmal wünsche ich es mir auch, aber es wäre konstruiert, nicht aufrichtig, wäre die gespiegelte Erwartung eines antizipierten Publikums. Ich der Politiker, Rechtsanwalt, Umweltschützer, Berufsbetroffene, Musiker und Ihr oder Sie das Publikum. Mein Publikum – der Augenblick.
Ich könnte es, aber davon träume ich nicht. Ich träume von Ruhe. Von dem einem Moment in der Kindheit als ich am Baum der uralten Eiche saß, die sich am Rande des Tagebaus Cospuden erstreckte. Regen fällt, der Himmel ist grau, die Natur ist geschunden. Und ich sitze da und sehe hinaus, in die weite, zerschlissene, aufgerissene Landschaft.
Und jetzt da die Wogen sich türmen, da alles verlärmt und ständig Hast ist, wünsche ich mir diese Tage zurück, die Ruhe, die Freiheit und die Unschuld.
Foto: Privat
Sehe fernab den Bagger, das Sinnbild der Zerstörung, es bewegt mich nicht. In diesem Moment als der Regen fällt und der Blick das Weite sucht, bin ich ganz bei mir. Die Ruhe an diesem unwirtlichen Ort, an dem die Unvergänglichkeit der Natur, jäh auf die Barbarei des Menschen trifft. Sitzend, denkend, träumend- allein. Oft denke ich an diesen Moment zurück und wünsche mir mehr Zeit zu haben. Ich denke an die alten Autowracks, die Ladas, Wartburgs und Trabis, die früher jenseits der Uferstraße standen, als Zeichen einer untergegangenen Epoche, und welche Faszination sie auf mich ausübten.
Ich träume, von den Tagen meiner Kindheit als ich die Wochenenden im Nebel und Regen, an vielen Herbsttagen an unwirtlichen Orte verbrachte an der Seite meiner Eltern Bäume pflanzte und nichts verstand. Ich war unschuldig. Ein Kind. Und jetzt da die Wogen sich türmen, da alles verlärmt und ständig Hast ist, wünsche ich mir diese Tage zurück, die Ruhe, die Freiheit und die Unschuld.
Ich träume von der Stille in diesen Momenten, träume von Freunden und Erinnerungen, von Sachen die ich erlebt habe, hier in dieser, meiner Stadt.
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