Mit Jean Paul fing alles an: Zehn Verlegerjahre in Leipzig
Ralf Julke
28.02.2013
Mark Lehmstedt über den Fotos der Axel-Heller-Ausstellung.
Foto: Ralf Julke
Das Buch steht wie ein Menetekel im Regal: Jean Paul "Hungerjahre in Leipzig". Mit diesem Buch startete Mark Lehmstedt im fernen Jahr 2003 seinen Verlag. Manch ein Kommentator hielt das für ein Omen. Die alte Buchstadt war ein einziges Jammern. Die großen berühmten Verlagsnamen verschwanden gerade alle. Und die junge Verlagsszene nahm wirklich keiner ernst. Am 1. März feiert Mark Lehmstedt den 10. Geburtstag seines Verlages.
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Er feiert ihn gleich mehrfach. Mit zwei Ausstellungen, einem kleinen Empfang und einem kleinen Comeback für Jean Paul. Denn der Band mit Briefen des Dichters, der 1781 bis 1784 in Leipzig studierte, ist noch nicht ganz vergriffen. Ein Teil der Auflage ist noch da. Es ging diesem anspruchsvollen Buch aus der Kulturgeschichte Mitteldeutschlands wie so manchem der anspruchsvollen Titel aus dem Hause Lehmstedt: Die Zahl der Leser, die mit dem Herausgeber in die Tiefen der Leipziger Geistesgeschichte tauchen wollten, war kleiner als gedacht.
"Das musste ich lernen", sagt Lehmstedt heute, "dass man allein für den Leipziger Markt nicht produzieren kann. Dazu ist er einfach zu klein." Eine halbe Million Einwohner bedeutet eben nicht eine halbe Million Leser. "Ein Prozent hätte mir ja schon gereicht", sagt der Verleger. Doch auch dieses Prozent gibt es für anspruchsvolle Titel zu Leipzig und seiner Geschichte nicht. Es könnte auch am verfügbaren Einkommen liegen. Im gar nicht so fernen Dresden sind die Verkaufszahlen für Regionalia besser.
Mark Lehmstedt in seinem Büro in Barthels Hof.
Foto: Ralf Julke
Aber Mark Lehmstedt gehört so wenig wie seine nun mittlerweile 60, 70 Verleger-Kollegen in Leipzig nicht zur Spezies derer, die klagen. 2012 ist er mit seinem Verlag vom Lindenauer Markt mitten in die Leipziger Innenstadt gezogen. Im Barthels Hof ist er praktisch direkt am Puls der Stadt. Dort zeigt er auch ab Samstag, 2. März, eine kleine Ausstellung. Nicht mit Jubelbildern aus vergangenen Jahren. Die braucht er gar nicht. Denn Bilder sind sein Geschäft geworden. Eindrucksvolle Bilder, die mittlerweile in zwei Dutzend großen Fotobänden die Augen der Leser und Blätterer übergehen lassen. In großen schwarz-weißen Bänden hat er der Reportage-Fotografie aus der DDR eine Bühne gegeben. "So was gab es nämlich im Westen nicht", sagt er. "Das wundert mich selbst. Ist aber so."
Denn abseits der von Partei- und Staatsführung gewünschten Propaganda-Bildnerei entwickelte sich in der DDR eine Szene von neugierigen und qualitätsbewussten Fotografen, die ihre Wurzeln in der internationalen - vor allem der französischen Dokumentarfotografie suchten und - oft auch im Eigenauftrag - große Bilderserien von jenem Land anfertigten, das sich hinter den bunten Bildern der Propaganda verbarg. Die Handschrift dieser Fotografen - von Roger Melis bis zu den Rössings - tauchte da und dort in Magazinen und Zeitschriften auf, zuweilen auch in eindrucksvollen Bildbänden.
Aber welche Schätze in den Archiven dieser Fotografen ruhten, das machten ab 2006 erst die Fotobände aus dem Hause Lehmstedt sichtbar.
Mark Lehmstedt über den Fotos der Axel-Heller-Ausstellung.
Foto: Ralf Julke
Und viele Käufer waren tief berührt, als sie in diesen Bildern sich selbst wiederfanden - samt dem Land und seinen Verwundungen, in dem sie gelebt hatten. Zu einem Bestseller wurde der wohl typischste dieser Fotobände: Roger Melis "In einem stillen Land". Es hat sich mittlerweile 10.000 Mal verkauft. Toppen kann das nur noch ein auf den ersten Blick eher bescheidenes Heft: "Leipzig an einem Tag". Anfangs ein Versuch, den immer häufigeren Tagestouristen in Leipzig eine Orientierung zu geben: Was kann man an einem Tag alles in dieser Stadt sehen? Was ist wichtig? Was sollte man dazu wissen?
Mittlerweile gibt es zwei Dutzend dieser Orientierungshelfer zu ost- und auch westdeutschen Städten, großen und kleinen. Und sogar für Berlin, wo es die Ein-Tages-Führer mittlerweile für Charlottenburg und Friedrichshain gibt. Kreuzberg und Prenzlauer Berg folgen in diesem Jahr. Und sogar Hiddensee wird es in diesem handlichen Format geben.
Und zwischendurch bleibt für den Verleger immer wieder Zeit, auch ein paar Lieblingsfelder zu beackern. Das nächste Buch zu Max Schwimmer ist in Vorbereitung. Und ein zweiter Band mit Texten von Hans Natonek - diesmal seine Texte aus dem amerikanischen Exil. Denn eins hat Lehmstedt ja geschafft: Seinen Lesern die Welt des Leipziger Feuilletonismus zu öffnen, wie er in den 1920er Jahren war: witzig, klug, pointiert. Erich Kästners Leipziger Zeitungsarbeiten gehören in diese Reihe genauso wie Hans Wiegands kluge Texte aus der LVZ, die damals noch eine sozialdemokratische Zeitung war. Eine von drei Zeitungen in Leipzig, die wirklich so etwas hergestellt haben wie einen öffentlichen Diskurs.
Bedeutet aber auch für einen fleißigen Verleger: knochentrockene Arbeit im Archiv. Von allein kommen die Texte nicht ans Licht.
Manchmal finden sich Partner, die auf ihre Weise auf Spurensuche gehen. So wie Inge Stuhr das Werk Max Schwimmers erkundet. Oder Heinz Peter Brogiato, der einige der wissensreichen Luftbild-Bände bei Lehmstedt betreut hat.
Wer sich an die Bücher mit diesen Bildern aus den alten Fotoarchiven noch nicht herantraut: In der Stadtbibliothek ist seit dem 7. Februar als Gemeinschaftsveranstaltung von Lehmstedt Verlag und Leibniz-Institut für Länderkunde die Ausstellung "Über den Dächern von Leipzig“ zu sehen mit Luftbildern von 1909 bis 1935. Leipzig in seiner Glanzzeit, noch ohne die späteren Wunden des Krieges. Das ist mittlerweile mit einem Dutzend Titeln aus dem Lehmstedt Verlag möglich: Das alte Leipzig des frühen 20. Jahrhunderts wiederzuentdecken.
Und wo bleibt 2013 der Völkerschlacht-Bildband?
"Wird's nicht geben", sagt Mark Lehmstedt. "Dazu ist die Zielgruppe viel zu klein, die sich tatsächlich dafür interessiert."
Die Ausstellung, die Mark Lehmstedt in den eigenen Büroräumen vorbereitet, zeigt ab Samstag, 2. März, Bilder aus einem Buch, das erst im Herbst erscheinen wird: Fotografien von Axel Heller. Schwarz-weiß.
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