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Ein Mahner wird 70: Christian Führer und der "Mut zur Alternative"

Ralf Julke
Christian Führer.
Christian Führer.
Foto: Matthias Weidemann
"Es gab eine Zeit, da stand Christian Führer im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Als Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig repräsentierte er wie kaum ein zweiter Pfarrer die 'protestantische Revolution', die in den Friedenskreisen der evangelischen Kirchen der DDR einen wichtigen Ausgangspunkt hatte", schreibt MDR Figaro zu einer halbstündigen Sendung, die schon am Sonntag, 3. März, ausgestrahlt wurde: "Mut zur Alternative" - mit den Dialogpartnern Bernd-Lutz Lange und Christian Führer. Der feiert am heutigen 5. März seinen 70. Geburtstag.


Er verkörpert wie kein anderer in der Öffentlichkeit Leipzigs Weg zur Friedlichen Revolution 1989, auch wenn der Weg dahin immer ein Gemeinschaftswerk war. In diesem Fall mit seinem Pfarrerkollegen Christoph Wonneberger. Aber in dem Radio-Essay geht es diesmal nicht um vergangene Zeiten. Es geht dem Mann, der 2008 ganz offiziell in den (Un)ruhestand ging, um die Gegenwart.

"Tatsächlich führt er auch im Ruhestand sein Engagement weiter. Im Herbst 2012 gehörte er zu den Unterzeichnern der 'Septemberinitiative Ökumene Jetzt!', die sich für eine Überwindung der konfessionellen Kirchentrennung einsetzt. Im September 2012 predigte Führer auch bei einem Bundestreffen ökumenischer Friedensgebetsgruppen – die Predigt stellt den heutigen Kapitalismus aus christlicher Sicht in Frage und fordert 'Mut zur Alternative' und einen 'Teil II der Friedlichen Revolution'", schreibt MDR Figaro zur Intention des Gespräches, das durchaus kritisch umgeht mit dem aktuellen Zustand der Welt. Der weder ein friedlicher noch ein ermutigender ist.

Deswegen engagierte er sich auch in der kirchlichen Initiative "anders wachsen", die das Thema eines nachhaltigen Umgangs mit der Welt in den Mittelpunkt stellt. Da braucht es keine bräsigen Rückblenden auf den Herrn Carlowitz, den die sächsische Staatsregierung in diesem Jahr zum Säulenheiligen der Nachhaltigkeitspolitik gemacht hat, die sie in ihrer praktischen Arbeit eher weiträumig umschifft.

Für Führer war es dagegen nichts Neues, eine "solidarische Ökonomie" zu fordern. Und dass das weit zurückreicht bis zu den Friedensgebeten, die seit 1982 in der Nikolaikirche stattfanden, sagt schon der Titel des Radio-Essays: "Mut zur Alternative". Die Friedensgebete in den ostdeutschen Kirchen waren das Pendant zu den Friedens-Demos im Westen. Dort fanden die Demonstrationen gegen die Stationierung der Pershing-II-Raketen statt. In ostdeutschen Kirchen sammelte sich der Protest gegen die östliche Seite der Aufrüstung mit sowjetischen SS 20. Symbol dieses Protests war der berühmte Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen".

Christian Führer.
Christian Führer.
Foto: Matthias Weidemann

Wie das zusammenfließt, zeigt ein Buch, das 1977, ein Jahr nach der Biermann-Ausbürgerung, die DDR in Aufregung versetzte: Rudolf Bahros "Die Alternative". Da war Bahro noch im Osten - und er hatte mit dem Instrumentarium der Herren Marx und Engels die scheinbare gesellschaftliche "Alternative" im Osten wirtschaftlich analysiert - und war zu genau dem Ergebnis gekommen, das 1989 beim Zusammenbruch des "Ostblocks" sichtbar wurde. Und er hatte weitergedacht. So wie viele Bürgerrechtler im Osten. Nach seiner Ausbürgerung in den Westen 1979 führte ihn seit Weg fast zwangsläufig zu den Grünen, die damals ein durchaus noch bunter Zusammenschluss aus unterschiedlichsten Umwelt- und Friedensaktionen waren. In den 1980er Jahren dachte er intensiv über die Frage einer echten gesellschaftlichen Alternative nach. Nachzulesen 1987 in seinem Buch "Logik der Rettung. Wer kann die Apokalypse aufhalten?"

Das hat von seiner Logik bis heute nichts verloren. Denn die Fragestellung ist dieselbe: Wie muss eine Gesellschaft aussehen, in der sich der Mensch emanzipieren kann, ohne seine existentiellen Grundlagen zu zerstören? Das ist logischerweise eine Gesellschaft jenseits der beiden großen Entweder / Oder, von Stalinismus oder entfesseltem Kapitalismus. Es ist eine Gesellschaft, in deren Mittelpunkt ein solidarisches Wirtschaften steht, eines, das nicht mit Verachtung auf all jene herabschaut, die es nicht bis an die goldenen Futternäpfe schaffen. Eine Gesellschaft, die nicht wieder die Darwinsche These vom "surviving of the fittest" missbraucht, Menschen in Wettbewerbe hetzt, in denen die Meisten nur Verlierer sein können.

Und das betrifft eben nicht nur kirchliches Handeln, das immer an seine Grenzen stößt, wo ein paar interessierte Konzerne ihre Gewinninteressen tangiert sehen. Das betrifft auch das politische Handeln in der Bundesrepublik Deutschland, in Sachsen und in Leipzig. Es gibt tatsächlich niemanden, der so tun kann, als ginge ihn das nichts an - die Flüchtlinge aus den verwüsteten Regionen Afrikas oder des Nahen und Mittleren Osten etwa, die Kinderausbeutung für die schöne Warenwelt, die Plünderung aller Ressourcen. Die Bewahrung der Schöpfung muss Teil unseres täglichen Handelns sein - und zwar nicht nur am Sonntag. Sondern tagtäglich. Und erst recht dort, wo die politischen Grundlagen gelegt werden.

Und es gibt einige Zeitgenossen, die sich durchaus fragen lassen müssen, wie christlich ihr Auftreten auf der politischen Bühne eigentlich ist.

Tatsächlich ist Christian Führers Mahnen ein wesentlicher Teil der jüngeren Leipziger Politik-Geschichte seit 1990, auch wenn er nicht auf der politischen Bühne stand. Und das Gespräch mit Bernd-Lutz Lange erinnert daran, dass noch gar nichts in "trockenen Tüchern" ist. Im Gegenteil: Wir alle stecken in den Mühen der Ebene. Und die schwerere Aufgabe ist tatsächlich, eine Gesellschaft zu schaffen, die emanzipiert und solidarisch ist, die den aufrechten Gang für alle ermöglicht.

Das halbstündige Gespräch "Mut zur Alternative" - "ein Gespräch wider den Stand der Dinge", wie es MDR-Figaro bezeichnet, findet man zum Nachhören hier: www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/feature/mut-zur-alternative100.html



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