Leipzig liest: Andy Strauß lässt in der Kleinen Träumerei Leute feixen
Daniel Thalheim
18.03.2011
"Establishmensch" und zweihöckriger Leopard: PoetrySlammer Andy Strauß begeistert junge Leute in der überfüllten Kleine Träumerei.
Foto: Daniel Thalheim
In seinen Geschichten liegen ausblutende Chef-Hälften, die wie Menschen-Ski aussehen, liegt eine hüftkranke Oma in der Straßenrinne und wird von der Straßenkehrmaschine abgeräumt, verwandelt sich ein Kamel in einen Leopard-Panzer, räumt ein LSD-verträumter Protagonist mit viel Liebe die Taschen von Dieben leer. Das Publikum in der kleinen Träumerei lacht.
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Andy Strauß ist wortgewaltig. Das wissen selbst Nicht-Eingeweihte recht bald, wenn er seinen Nebelberg sucht, damit einen im Schneidersitz hockenden Statisten meint, der mit ihm seine Leidenschaft das Rauchen teilt. Bier trinkt Andy Strauß auch gern, aber nur dann, wenn er ausgelesen hat. Er wundert sich, dass der Veranstalter der PoetryClub-Party einen Wikipedia-Artikel in seiner Ankündigung verwendet, musste Strauß ihn sogar selbst abändern. Ziemlich kurzfristig, so dass der Moderator sich nicht lange vorbereitet haben kann. Er lacht ertappt.
Andy Strauß schauspielert, mimt und performt Geschichten rund ums Sterben - zum Lachen komisch, wie das Buchmesse-Publikum empfindet.
Foto: Daniel Thalheim
Nach einer kurzen Einleitung des Poetry-Slammers, entführt er seine schüchternen Gäste in skurrile und bizarre Geschichten, wo selbst ein LSD-Trip zu einem nachempfindenswerten Erlebnis wird, wenn der darin auftauchende Protagonist die Kabel eines Autos kaut, in seinem Bauch Öl wabert und zu einem Grill umgewandelt wird, der selbst Täubchen zu leckeren Speisen zubereitet. Das findet sogar Mutti gut, und kauft dem Burschen ein Eis. Diebe werden von soviel Gefühl überwältigt, dass sie mit geöffneten Hosenställen und leer geräumten Hosentaschen auf den Boden plumpsen, gekauftes Brot getoastet zu Boden fällt, weil ein "Chick" so "hot" ist. Ein Stier braust in einem Seat aus Pamplona.
Mit Jazzwinke, lässiger Sprache und rauchender Zigarette bringt Andy Strauß sein Publikum zu biegen und quietschen. Er muss kein Doktorand sein, der wie seine ehemaligen Schulkameraden von ihren Jobs gelangweilt ist, schaut er doch immer Arte. Strauß schreibt auch bessere Texte und Kurzgeschichten, die mehr abfackeln als ein Akademiker in seinem ganzen Leben zu denken vermag. In Strauß' Geschichten wird in allen erdenklichen Weisen gestorben, gedacht, gelacht und wortreich gestikuliert.
Der Flirt mit dem etwas verklemmten Publikum wird nur zurückhaltend beantwortet. Das ist eben Leipzig: schüchterne Mädchen und Jungs, die von so viel Leben überrollt werden, dass sie stumm angesichts der Strauß'schen Wortakrobatik klatschen, zwischendurch kichern und dann doch mit einem kehligen Lachen mit ihren Gefühlen heraus platzen.
Ein kleiner Vorgeschmack auf die 4. LitPop am Samstag? Die Beifallsbekundungen sind an dem Abend in der Kleinen Träumerei groß. Kein Wunder, sind hier genügend Leute anwesend, die den Barbetrieb mächtig ankurbeln und sogar auf der Straße stehen, um den PoetrySlammer zu hören. Wer es an diesem Moment nicht richtig erfasst hat: mit Andy Strauß ist zur Leipziger Buchmesse der künftige Dauergast in Leipzigs Clubs gekommen, der seine Texte nicht hölzern bei Wasser und Leselampe vorliest, sondern schauspielert, tanzt und sogar singt.
Umso bedauerlicher für die Buchmessegäste, Andy Strauß ist bei der 4. Litpop nun doch nicht dabei, wird auch sonst auf der Buchmesse nicht anzutreffen sein. Die Anwesenheit des Rock'n'Roll-Poeten bei der PoetryParty war das erste und letzte Mal, dass Buchmessegäste Andy Strauß auf der Leipziger Buchmesse 2011 zu sehen bekommen haben.
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