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Bald erscheint "Dölitzer Lebensbilder", Teil 3: Autor Ekkehard Schulreich im Interview

Marko Hofmann
Ekkehard Schulreich.
Ekkehard Schulreich.
Foto: Marko Hofmann
Eigentlich muss man die Dölitzer beneiden, denn in ihrem Stadtteil gibt es jemanden, der die Geschichte aufsammelt, die für alle begreifbar ist. Keine Politik-Geschichte, die nur von oben auf Vergangenes schaut, keine Ereignisgeschichte, die Zahlen aneinanderreiht. Nein, Ekkehard Schulreich betreibt Alltagsgeschichte, Geschichte von unten, die Geschichte und die Geschichten der Menschen, die in Dölitz leben. Was wohl im neuen Band steht?

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Es sollte nur eine Veranstaltung unter dem Motto „Dölitzer Originale“ sein, die der Bürgerverein Dölitz vor ein paar Jahren organisieren wollte. Die Veranstaltung ist längst gelaufen, aber trotzdem dreht es sich in Dölitz weiter um Originale. Journalist Ekkehard Schulreich hat damals die „Originale“ im Vorfeld der Veranstaltung besucht, ihre Geschichten angehört und sie in einem Buch gebündelt. Die Dölitzer Lebensbilder waren geboren. Im November 2011 kommt nun der dritte Teil heraus, wieder mit 20 „Originalen“, denn original ist doch jeder für sich, denn jeder hat etwas zu erzählen, ist anders als der andere. Es gibt nur eine Gemeinsamkeit, die wichtigste: Alle sind Dölitzer.

Herr Schulreich, für den dritten Teil der Dölitzer Lebensbilder haben Sie wieder 20 von Dölitzern erzählte Geschichten niedergeschrieben. Wie bereiten Sie sich auf diese Gespräche vor?

Geschichten ergeben sich im Gespräch. Und es ergeben sich immer welche, auch wenn sie sich nicht auf den ersten Blick offenbaren. Zum Beispiel als ich eine ältere Frau besuchte, sagte sie zu mir: „Ich bin eine einfach Frau, ich wohne seit 70 Jahren hier. Was soll ich schon erzählen?“ Da arbeite ich mich dann vor. Es geht mir nicht um die großen Geschichten. Die Leute sollen zu Wort kommen, nicht die wichtigen Leute, sondern die Leute.

Nach welchen Kriterien suchen Sie sich diese Leute aus?

Ich suche mir Themen, Orte, die wichtig sind für Dölitz. Die Sache hat eine Eigendynamik entwickelt, sodass sich der Großteil einfach ergibt. Ich bekomme Hinweise, oder es melden sich Leute, sogar von weiter her, die die Bücher gelesen haben. So hat sich der letzte Gärtner des Dölitzer Schlosses (das Hauptgebäude wurde nach Bombenschäden nach dem zweiten Weltkrieg gesprengt, es steht nur noch das Torhaus/Anm. d. Red.) gemeldet.
Die Leute sind bereit, sich zu öffnen. Mir ist es in vier Jahren selten passiert, dass sich jemand verweigerte. Aber dann ist es so. Manche sind dankbar, dass sie endlich jemand fragt. Es ist ihnen wichtig, dass ihre Geschichte für die Nachwelt festgehalten wird.

Mit Band 2 der Dölitzer Geschichten: Ekkehard Schulreich.
Mit Band 2 der Dölitzer Geschichten: Ekkehard Schulreich.
Foto: Marko Hofmann

Mit dem dritten Buch steigt die Zahl Ihrer Dölitzer Lebensbilder auf 60. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen irgendwann die Geschichten ausgehen?

Ich werde bei 100 Geschichten wohl aufhören. Das heißt aber nicht, dass Dölitz abgegrast wäre. Aber vielleicht mache ich mal etwas anderes, Markkleeberg oder Dösen. Ob ein vierter oder fünfter Teil der Lebensbilder gedruckt wird, ist zweitrangig, weitersammeln will ich auf jeden Fall.

Bei Filmen, aber auch bei Büchern wird jede Fortsetzung kritisch beäugt. Denken Sie, es ist Ihnen gelungen, die ersten beiden Teile zu überbieten?

Es ist auf jeden Fall wieder eine Melange aus interessanten Dingen. Es gibt es in Dölitz einen viel zitierten Musenhof, wo sich Goethe einst mit der Tochter von Adam Friedrich Oeser getroffen haben soll. Das Anwesen gibt es noch. Ob es noch das Deckengemälde „in Oeser’scher Manier“ gibt, das abgehängt wurde während der Nutzung des Saals als Tischlerei, ist noch ungeklärt. Aber ich habe die Tochter des letzten Dieners der Familie Mattiesen getroffen, die bis zu ihrem Freitod 1936 im Musenhof lebte. Und ich bin der Frage nachgegangen, warum das Dölitzer Pflegeheim, in dem vornehmlich verdiente Genossen wohnten, „Fritz Austel“ hieß, und habe Aufschlussreiches zur Geschichte des Heims in Erfahrung gebracht.

Was haben Sie herausgefunden?

Der Landrat und zweite Bürgermeister Austel hat in der Leinestraße gewohnt.

Sieh an. Ist Dölitz in der Anzahl seiner Geschichte aus Ihrer Sicht ein Sonderfall?

Nein, denn jeder Stadtteil hat etwas zu bieten. Hier sind aber die Bedingungen sicherlich günstig. Es ist noch ein wenig ländlich, alte Strukturen sind erhalten geblieben: die Handwerke wurden weitergegeben, die Leute leben tatsächlich noch zusammen in den Häusern und nicht anonym. Alte Schulkameraden treffen sich immer noch regelmäßig, der Lehrer, der schon damals Sport unterrichtete, gibt jetzt immer noch Sport.

Die ersten beiden Bände liefen sehr gut. Was drücken die Verkaufszahlen für Sie aus?

Ekkehard Schulreich beim Fototermin in der Leipziger Südvorstadt.
Ekkehard Schulreich beim Fototermin in der Leipziger Südvorstadt.
Foto: Marko Hofmann
Aus meiner Sicht ist den Leuten ihre Heimat wichtig. Sie ist wichtig für ihr Selbstverständnis und ihr Zugehörigkeitsgefühl. Die Leute kennen sich zudem, ihre Geschichten greifen ineinander über und das erfahren sie im Buch. Für die ältere Generation ist es die Bestätigung ihres Lebenswegs, ohne eine Umwertung, wie es sie nach der Wende manchmal gegeben hat. Die Bücher geben, vermute ich, den Dölitzern ein gutes Gefühl.

Tragen Sie auch etwas zur Identitätsstiftung bei, einer Identität als Dölitzer?

Ich denke schon. Es ist eine grundsätzliche Sehnsucht in einer globalisierten Welt, in der alles auseinanderdriftet, dass man den Fuß auf den Boden bekommt, um zu wissen, woran man ist. So kennt man seine Wurzeln und kann sich ihrer vergewissern. Man erinnert sich natürlich auch gerne an die positiven Sachen. Es hat etwas Versöhnendes mit der Welt, ohne dass Konflikte ausgespart werden.

In Ihren Lebensbildern geht es natürlich vor allem um das alte Dölitz. Wie sehen Sie das aktuelle Dölitz?

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Info: Der Bürgerverein Dölitz, Pro Leipzig und Ekkehard Schulreich stellen den dritten Band der Dölitzer Lebensbilder am 9. November in der 8. Schule in der Wincklerstraße vor. Beginn der Veranstaltung ist 17.30 Uhr.

Ekkehard Schulreich "Dölitzer Lebensbilder. Band 3", Pro Leipzig, Leipzig 2011, 13 Euro


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