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Mit Durchblick kreativ: Dem Leipziger Kunst- und Lesefestival "kunst : verrueckt" auf der Spur

Daniel Thalheim
Kann Kunst verrückt sein? Das Leipziger Festival "kunst : verrueckt" geht der Sache Anfang November auf den Grund.
Kann Kunst verrückt sein? Das Leipziger Festival "kunst : verrueckt" geht der Sache Anfang November auf den Grund.
Bild: Durchblick e.V.
Kann Kunst verrückt sein? Das, was so abwegig klingt, ist es eigentlich nicht. Der Kunst- und Literaturfreund blickt da gerne zurück in die Vergangenheit. Warum in die Geschichte schauen, wenn es in der Gegenart so viel über "Verrücktes" zu erzählen gibt? In der kommenden Woche findet in Leipzig zum 17. Mal das Festival "kunst : verrueckt" statt. Festivalorganisator Thomas R. Müller hatte für die L-IZ ein Minütchen Zeit.

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Die Leipziger Mundartdichterin Lene Voigt war es, Vincent van Gogh auch - für ihre Zeitgenossen galten diese Menschen als nicht "normal". Geschmacksache, sich damit näher auseinander setzen zu wollen, würde ein gelassener Kenner der Materie sagen und seine Schultern dabei zucken. Vielleicht faltet er das neueste Flatterblatt des Leipziger Durchblick e.V. auf.

Was er darin erblickt ist ein Programm des am 1. November startenden "kunst : verrueckt"-Festivals, das zum 17. Mal an verschiedenen Orten in Leipzig stattfindet. Dieses Mal steht es unter dem Motto "Wie verrückt ist die Kunst? Wie kreativ ist die Psychiatrie?“ Kunst und Psychiatrie wollen die Veranstaltungsmacher unter Federführung von Thomas R. Müller vom Durchblick e.V. zusammenbringen. Dabei setzt das Festival seinen Schwerpunkt auf die Kreativität der Verrücktheit.

Buchautorin Eva Lohmann.
Buchautorin Eva Lohmann.
Bild: Durchblick e.V.
Der Verein "Durchblick e.V. ist ein 1990 in Leipzig gegründeter Selbsthilfeverein für Psychiatriebetroffene, weiß der Festivalorganisator Thomas Müller. Dieser Verein versucht, Hilfe zur Selbsthilfe für Menschen in psychischen Krisen zu organisieren. In der Mainzer Straße befindet sich eine Kontakt- und Begegnungsstätte, wo man Menschen mit ähnlichen Erfahrungen treffen kann, ein preiswertes Mittagessen, aber auch Beratung und Unterstützung bekommt. Müller gegenüber der L-IZ: "Die Kunst spielt für die Identität des Vereins eine wichtige Rolle. Wir haben eine aktive Kunstgruppe und betreiben eine Galerie im Haus. Und die Kunst ist eine gute Möglichkeit - wie auch das Psychiatriemuseum, das wir betreiben -, um in der Öffentlichkeit für mehr Toleranz und Akzeptanz zu werben."

Mit Therapie hat das Ganze nichts zu tun, wie Thomas Müller bekräftigt. Er erzählt, dass die künstlerische Arbeit eine freie und individuelle Art ist, sich auszudrücken. Und so muss man auch das Kunstfestival "kunst : verrueckt" ansehen. Bei zehn Veranstaltungen bietet das Festival ein breites Spektrum künstlerischer Herangehens­weisen, heißt es im bunten Flugblatt, das ab kommende Woche neben Lesungen, Ausstellungen auch das eine oder andere Gespräch offeriert.

Der Blick auf die Verrücktheit geschieht also auch von innen heraus. Spätestens wenn von "Schnupfen im Kopf" die Rede ist, einem Film von Gamma Bak, die ihren Streifen in der Kinobar Prager Frühling zum ersten Mal zeigen möchte. Die Regisseurin hat ihre eigenen psychotischen Erfahrungen verarbeitet, heißt es im Programmtext.

Auf einen Programmtipp will sich der Festivalmacher Müller nicht festlegen, aber seine persönlichen Höhepunkte teilt er gerne mit. "Sehr eindrucksvoll werden die Lesung mit Eva Lohmann und die Film-Premiere 'Schnupfen im Kopf' sein. Dann unser Narrenfest am 11.11. Aber auch Bridge Markland und Oliver Rohrbeck versprechen eine schräge und vergnügliche Unterhaltung. Und der Abend zu Lene Voigt, und, und, und... "

Im Programm steht auch, dass der Berliner Comiczeichner Flix Goethes „Faust“ in der Moritzbastei neu erzählen lassen will - von der Berliner Lauscherlounge. Mehr "Verrücktes" halten die Festivalmacher für die Leipziger mit der Klanginstallation "Der Künstler sagt, es geht um das Thema Angst“ des Bremer Komponisten Tobias Klich im Weißcube in der Mainzer Straße bereit.

Eigens fürs Festival komponiert vermag der Leipziger "dokumentarische Stimmen zur Psychiatrie" hören. Und natürlich darf in der außergewöhnlichen Kulturwoche ein Besuch im Sächsischen Psychiatriemuseum nicht fehlen. Die zweihundertjährige Geschichte der Heil- und Pflege­anstalt Pirna-Sonnenstein ist eine Ausstellung gewidmet.

So viel Durchblick darf schon gestattet sein, wer sich vom 1. bis zum 11. November auf die Spur des "Verrücktseins" begibt. Denn am 11. November übernehmen die Narren das Zepter bis zum Rosenmontag. Deswegen vielleicht laden die Veranstalter am närrischsten Tag des Jahres um 11.11 Uhr die Leipziger zu einem Narren-Spiel in die Durchblick-Villa ein. Was ist eine Depression, wenn man nicht einmal über sie lachen kann? "In den Köpfen der meisten Menschen spuken noch immer Ängste und Vorbehalte gegenüber Menschen, die sich anders verhalten, als es die gesellschaftlichen Normen vorgeben", weiß Müller abschließend.

Zum Narrentag in der Durchblicks-Villa fügt er aber noch schnell hinzu: "Es gibt allerdings Situationen, an denen scheinen diese Normen außer Kraft gesetzt zu sein. Dazu gehört der Karneval. Da kann jeder einmal 'die Sau rauslassen'. Das können wir natürlich nicht toppen. So verrückt sind wir nicht! Aber wir machen ein Fest, das das System Psychiatrie spielerisch hinterfragt. Es wird sich auf jeden Fall lohnen, an diesem Tag zu uns vorbei zu kommen."

Das bedeutet nach Lesart im Flyer "Karneval im Narrenhaus". Und eine Warnung gibt es auch auf den Weg: "Doch Vorsicht, denn hier ist wie immer alles ganz normal anders."

Mehr zum Festival und zum Durchblick-Verein gibt es im Internet
www.kunst-ist-verrueckt.de
www.durchblick-ev.de


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