Auf sie mit Idyll: Wiglaf Droste überzeugt Leipziger in der Schaubühne Lindenfels
Maria Nova
04.11.2011
Wiglaf Droste unterhält seine Gäste in der Schaubühne Lindenfels.
Bild: Schaubühne Lindenfels (Archiv)
Die Gäste befanden sich am Mittwoch im siebten Kreis der Wortspielhölle. Der Satiriker aus Herford verursachte ein reges Stelldichein in der Schaubühne Lindenfels und hatte eine große Schippe dabei. Mit dieser schaufelte Wiglaf Droste den MDR, Florian Silbereisen und Xavier Naidoo beiseite. Die L-IZ schaute dabei zu.
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Mittwochabend in Leipzig, der Ballsaal der Schaubühne Lindenfels ist reich bestuhlt. Das Bühnenbild schlicht mit Rednerpult und Tischlampe – der „satirische Poltergeist“ Wiglaf Droste ruft zur Lesung und eine nahezu volle Schaubühne murmelt ihm erwartungsvoll entgegen. Der 50jährige, seit Jahren als freier Autor tätig, ist bekannt für seine satirische Polemik. Das verspricht, ein spannender Abend zu werden.
Als Droste die Bühne betritt, passt sein Auftritt zum Bühnenbild. Schlicht, mit Anzug, Hut und Lesebrille tritt er vor die rund 200 Besucher der Schaubühne. Seine Stimme fließt großväterlich charmant durch den Raum, als er mit einem kulturpolitischen Exkurs beginnt. Er deklariert Pilgerströme zu Stromanbietern, fordert "Kirche ab 18" und frotzelt über die bundesdeutsche Einteilung von Geld und Geldern. „Es heißt ja schließlich Geld regiert die Welt und nicht Gelder regieren die Wälder.“ Es folgt zustimmendes Lachen aus dem Zuschauerraum, eher verhalten, aber der Leipziger lacht gern in sich hinein, so scheint es.
Mit Witz, Charme und Chuzpe: Wiglaf Droste.
Bild: Schaubühne Lindenfels (Archiv)
Florian Silbereisen sei eine akustische und optische Körperverletzung, welcher „Mohamett- Brötchen“ essend in den siebten Kreis der Wortspielhölle gehört. In diesen Höllenkreisen wortspielend lässt er im „vorhair-nachhair“- Vergleich Friseur/innen, die Grünen sowie die in der Fischmehlfabrik ansässigen Grätenwerfer zu wichtigen Themen des Alltags erwachsen. Als er seine eigenen Texte nicht entziffern kann, zögert er nicht, sich selbst auf die literarische Schippe zu nehmen, entschuldigt sich, er sei gerade 50 geworden, da gehöre sich das so.
Auch der Gastgeber MDR bekommt ob seines Intendanten-Hickhacks sein Fett weg. Nach diesem Diskurs bittet Droste jedoch, diese Teile für die dort später erscheinende Sendung herauszuschneiden. Es folgt allgemeines Gelächter. Der Wahl-Leipziger lässt es sich nicht nehmen, nach der Pause auf das Rauchverhalten in öffentlichen Lokalitäten einzugehen und erstellt eindrucksvoll eine Ode an die die frische Luft vor Theatern und Kneipen, mit Verbesserungsvorschlägen wie „Rauchabzugshauben für Süchtige“. Ehe er sich seiner Familie zuwendet, watscht er noch gekonnt Grönemeyer als Sprachrohr eines zerquälten Deutschlands und Bono als "Gratismoralerpresser“ ab , schließt mit dem Satz „Ist das Hirn zu kurz gekommen, wird sehr gern Moral genommen“. Manchmal singt Droste auch. Nur kurze Passagen, aber man wünscht sich den Flügel auf die Bühne und Droste trällernd. Heute Abend wird er nicht mehr singen, aber er spricht über jene, die es tun oder versuchen.
Während er wundervoll skurril ein Scrabblespiel mit seiner Mutter und die damit verbundenen Neologismen umreißt, bekommt die Popelite ihrerseits eins auf den Deckel. Xavier Naidoo verkommt zum „Mannheimer Wimmerschinken“, die Diskrepanz zwischen Silbermonds „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit“ und deren Herkunft aus Bautzen scheint enttarnt und geht über in einen Diskurs über den EHEC- Erreger und dessen Task Force. Der Vergleich des amerikanischen 11. Septembers mit dem deutschen 9. Oktober scheint dem Publikum dann doch auf den patriotischen Magen zu schlagen und mündet in der Aufrechnung „Leipzig hat 500.000 Einwohner aber nur 2 Millionen Helden“. Zu hartes Brot für die Pioniere der friedlichen Revolution? Überhaupt scheint das Publikum, dessen Schnittmenge sich durch alle Alterklassen zieht, eher zurückhaltend intellektuell, als offensiv niveauflexibel.
Es wird gelacht und andächtig in die Hände geklatscht. Aber für den Wahrheitsgehalt und all die Wortspielereien hätte Wiglaf Droste wohl ein bisschen mehr Gejohle verdient. Zweieinhalb wortverspielte Stunden gehen zu Ende und freuen sich auf ein Wiedersehen. Wiglaf Droste ist unter anderem bei MDR Figaro in seiner Sendung „Dr. Drostes Sprachsprechstunde“ zu hören und wer diesen Abend verpasst hat, erwühle sich die Sendung im Datenstromarchiv des Mitteldeutschen Rundfunks und genieße sie bei Rotwein und Zigarre am heimischen Küchentisch.
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