Tanners Interview mit Uwe Claus: Wir sind Teil des Hintergrundrauschens im All
Volly Tanner
18.01.2012
Vorsitzender des Sächsischen Literaturrats: Uwe Claus, Schriftsteller, Religionspädagoge und Meißengeborener.
Bild: Volly Tanner
Ende 2011 wurde wieder einmal gewählt. Im sächsischen Literaturrat gibt es seitdem einen neuen Vorstand. Und da die Leipziger Internet Zeitung gern Fragen stellt, hat Tanner sich den neuen Vorsitzenden, Uwe Claus, Schriftsteller, Religionspädagoge und Meißengeborener, geschnappt und ihn gelöchert. Und da ein Schriftsteller gern auch Freund vieler Worte ist, hier ein etwas ausführlicheres Gespräch.
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Erstmal herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum Vorstandsvorsitzenden des Sächsischen Literaturrats. Was ist dies denn überhaupt für ein Verein? Klingt ja prinzipiell schon namentlich anders als der Männergesangs und -trunkverein zur Hopfenblüte.
Danke für die Glückwünsche. Der Sächsische Literaturrat e. V. ist der Dachverband für die sächsischen Autorenvereine, Literaturvereine und Institutionen wie das Deutsche Literaturinstitut oder die öffentlichen Bibliotheken, sprich für die Vereine und Organisationen, die sich auf irgendeine Weise mit Literatur beschäftigen, Literatur produzieren oder Literaturveranstaltungen organisieren bzw. das literarische Erbe lebendig halten. Sie alle können im Literaturrat Mitglied werden, müssen es aber nicht. Zumindest war dies bei der Gründung so angedacht.
Der Literaturrat selbst ist Ansprechpartner für das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) oder die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, für Organisationen, Institutionen und Verbände in- und außerhalb Sachsens, die Kontakte zu sächsischen Autorinnen und Autoren sowie Übersetzerinnen und Übersetzer suchen. Außerdem organisiert der Literaturrat mit entsprechenden Partnern größere überregional bedeutsame Literaturveranstaltungen wie die Sächsischen Literaturtage und bringt die Zeitschrift „angezettelt“ heraus. Der Literaturrat will die Interessen seiner Mitglieder bündeln und nach außen vertreten, was bei einer so vielstimmigen Literaturszene allerdings nicht immer ganz einfach ist.
Bleibt neben der Vorstandsarbeit auch Zeit für Texte? Im Wikipedia unseres Vertrauens ist 2006 Jahreszahl Ihres letzten Buches – das sind ja nun schon fast sechs Jahre buchfrei.
Ja, die Zeit ist ein Problem. Das liegt aber nicht allein an der Vorstandsarbeit im Literaturrat. Da hoffe ich, dass wir die Aufgaben auf viele Schultern verteilen können. Es ist eher ein prinzipielles Problem, was viele Autoren betrifft. Wenn man neben dem Schreiben einen normalen Brotberuf ausübt, bleibt zum Schreiben nur begrenzt Zeit. Aber die Jahreszahl von meiner letzten Buchveröffentlichung muss ich trotzdem korrigieren. 2010 erschien mein letzter Gedichtband „Garten Eden im Kopf“ bei Eric van der Wal bei einer kleinen, aber feinen Handpresse in Holland. Also Wikipedia weiß zwar eine ganze Menge, hat aber nicht in allem Recht.
Wie wollen Sie das literarische Leben Sachsens mit ihrem Verein bereichern? Wie weit geht Lobbyarbeit in Ihren Augen? Und wo, Herr Claus, steht Sachsen literarisch im Vergleich mit der Welt, dem Universum, den Nebenuniversen und dem ganzen Rest?
Um gleich zur letzten Frage zu kommen. Auch die sächsische Literatur ist Teil des Hintergrundrauschens im All. Jedes Buch erschafft eine neue Welt, ein neues Universum. Man muss es nur wahrnehmen wollen. Vor allem in Sachsen selbst. Zum Beispiel vom Leser bei Lesungen oder beim Bücherkauf, im Ministerium und in der Kulturstiftung bei der Fördermittelvergabe für eine Kulturleistung, auf die zu verzichten wir uns nicht leisten können, wollen wir nicht in eine Zeit zurückfallen, bevor der Mensch das Feuer kennen gelernt und zu sprechen begann. Natürlich auch von uns Autoren.
Ich glaube, wir brauchen mehr Selbstbewusstsein, was unsere literarischen Leistungen betrifft. Wir müssen uns nicht verstecken, mit dem was wir bisher geleistet haben oder im Moment leisten. In einer Zeit der öffentlichen Präsentation von allem und nichts, sollten wir mit den wirklichen Kulturleistungen der Menschen nicht hinter den Berg halten. Nur ein Beispiel: Im poetenladen ist letztes Jahr ein wundervoller Band sächsischer Lyrik erschienen. So vielfältig, so stark, dass darin jeder eine Stimme entdecken kann, die ihm die Welt verständlicher werden lässt. Daran gilt es anzuknüpfen, solchen Projekten müssen wir den Weg bereiten.
Uwe Claus.
Bild: Volly Tanner
Und zu meiner Lobbyarbeitsfrage?
Ja, wie wollen wir das literarische Leben bereichern und Lobbyarbeit betreiben? Wenn dies so einfach zu beantworten wäre, brauchten wir nicht darüber zu sprechen. Ich glaube, der Weg besteht wirklich darin, dass wir uns zu unseren Fähigkeiten und Stärken bekennen und nicht müde zu werden, sie zu präsentieren. Das kann aber weder ich noch der Literaturrat allein. Dafür braucht es das Zusammenspiel aller Beteiligten, in dem Bewusstsein, dass Literatur - auch unsere sächsische Literatur - unabdingbar zu unserem Leben dazugehört und uns zu mehr als sprechenden Tieren macht.
Der Sächsische Literaturrat ist ja ein Dachverband literarischer Vereine. Da gibt es doch unterschiedlichste Prämissen, unterschiedlichste Interessen zu kommunizieren. Geht dies überhaupt gut? Solche Künstlerhorden sind ja im Zusammentreffen manchmal recht anstrengend.
Das ist wie an allen Orten der Welt, wo fähige Menschen mit vielen guten Ideen aufeinander stoßen. Sie müssen aufeinander hören und sich bemühen, gemeinsam die beste Lösung zu suchen. Die Verknüpfung unterschiedlicher Kompetenzen war schon immer der sicherste Weg, um ein Ziel zu erreichen.
Welche Aufgaben stehen nun als erste an? Woran wird im Literaturrat neubeginnend geschraubt und gebosselt?
Der erste Schritt ist, dass der neue Vorstand sich findet und seine Möglichkeiten auslotet. Dann sollte er untereinander und mit der Geschäftsstelle die Aufgaben absprechen und verteilen und guten Mutes ans Werk gehen. Die meiste Arbeit hatte ja schon in der Vergangenheit die Geschäftsstelle und so wird es sicher auch in Zukunft bleiben. Außerdem ist bisher von den Vorständen und der Geschäftsstelle sehr gute Arbeit geleistet worden. Daran wollen wir natürlich anknüpfen. Vielleicht gibt es darüber hinaus noch die eine oder andere neue Idee. Dem will ich aber nicht vorgreifen.
Wo wird Hilfe gebraucht? Wo wünschen Sie sich mehr Unterstützung – und von wem genau?
Ich wünsche mir, dass die Autorinnen und Autoren in ihren Vereinen, die Vertreter der Organisationen und natürlich die Leser nie den Glauben an die Kraft der Literatur verlieren. Selbst wenn das öffentliche Interesse im Moment gering sein sollte. Dazu braucht es alle: Autoren, Veranstalter, Literaturstiftungen, Ministerien, die Leser bzw. Zuhörer. Dann bin ich guten Mutes, dass es immer das spannende Buch, das berührende Gedicht, das mitreißende Theaterstück geben wird, welches unsere Welt, unser Leben bereichern kann.
Danke für das interessante Gespräch und natürlich immer mehrere Handbreit Bücher unterm Kiel.
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