L-IZ.de im Gespräch mit Phillip Boa – Teil 2 von 3
Daniel Thalheim
09.02.2009
Phillip Boa
Deine Singleauskopplung “God Have Mercy With The 1-Eyed“ klingt für mich sehr ironisch. Aber ich frage mich, welche Stellung die Einäugigen in der “blinden“ Masse innehaben und wo sind die zweiäugigen geblieben?
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Das sprengt nun hier den Rahmen. Du kannst den Song so sehen: als Lovesong oder, wie Du schreibst, als eine ironisch-zynische Gesellschaftsbeschreibung. Aber eigentlich ist es beides und mehr.
Es ist sehnsüchtig, romantisch, aber auch zynisch und böse und es hat viel mehr Facetten; durch die Interpretation meiner Arbeit entwerte ich Songs wie "Lord" oder "Diamonds Fall".
Rock, Pop, Indie. Alternative. In all der Kategorisierungsflut von Presse und Medien, wo würdest du dein künstlerisches Schaffen rückblickend und auch im hier und jetzt einordnen? Überall – grob gesehen dort, natürlich; auf diesem Album sind durchaus auch elektronische Einflüsse. Aber es ist nicht wichtig. Ähnlich wie bei David Bowie verweigere ich, einseitig nach Schubladen zu klingen.
Eingangs habe ich einige Themen angeschnitten, die von politischer Natur sind (Wirtschaft ist im weiten Sinn der große “Impulsgeber“ der Politik und nicht umgekehrt). Was macht dich so richtig wütend, wenn du die neuesten Schlagzeilen weltweit verfolgst?
Alles. Das führt hier zu nichts. Parteipolitisch will ich nie einzuordnen sein. Das Beharren dieser Personen auf den Standards, die die Partei ihnen setzt, finde ich widerlich. Manchmal wünsche ich mir eine Räterepublik. Ich mag nicht den Kapitalismus in seiner brutalen Form, bin aber auch kein Kommunist. Egoismus, Heuchelei, Machttrieb und fanatischer Religionsglaube sind immer eine äußerst brisante, jedoch leider vorherrschende Mischung.
20 Jahre friedliche Revolution in Deutschland. Eigentlich haben doch mehr verloren als gewonnen. Als die Wende kam, war ich 15 und hörte deine Musik. Für mich war es auch ein innerer Aufbruch. Heute sehe ich vieles abgeklärter und wenn ich die Musik von damals mit der heutigen vergleiche, so bemerke ich einen ähnlichen Prozess. Vieles ist härter, komprimierter und sehr verzweifelt. Die sprichwörtliche Weltflucht (Kalter Krieg) der Achtziger, das Verträumte ist nahezu verschwunden. Siehst du das genauso, oder nimmst du die heutige Musik anders wahr?
Du hast Recht. Komisch, das "Verträumte", von dem Du redest, versuche ich exakt mit meiner neuen Platte einzufangen.
Die heutige Musik ist oft der Spiegel der globalen Entwicklung anstatt, wie es eigentlich zu sein hat, Gegenbewegung zu sein und, um ein Klischee zu benutzen, revolutionär zu sein.
Die öffentlich-rechtliche Kulturpolitik verfehlt den Auftrag, den sie hat; die Intendanten sind korrupt in der Hinsicht, dass sie sich letztlich immer von Einschaltquoten verleiten lassen, da sie selbst auch unter dem Mediendruck und dem Einfluss der financial Controllers stehen. Feige?
Engagierte, kleine Plattenlabels können nicht mehr existieren, da sie nirgendwo eine Lobby haben; nicht mal die Major Labels haben mehr Möglichkkeiten, coole Musik zu vermarkten, denn sie wissen nicht, wo und passen sich daher an die platte Welt an.
Also: wo soll eine Musik von wirklichen Spinnern, Zweiflern, Künstlern, Visionären oder Wütenden herkommen?
Stichwort Medien: Rick Rubin meinte kürzlich in einem Interview (RockHard), dass er sich vorstellen kann, dass ein weltweiter Medienserver die komplette Musik, egal ob sie von etablierten Labels stammt oder von Label unabhängigen Musikern für alle Leute, die es wollen, komplett zugänglich gemacht werden könnte. Einnahmen würden durch ein monatliches Abo erzielt und alles wäre neben haptischen Medien (CD, DVD, USB-Stick) Friede, Freude, Eierkuchen mit der Musikindustrie. Wie würdest du das sehen?
So sehr ich Rick Rubin schätze, aber so kann nur ein abgeklärter Multimillionär klingen, der immer noch als trendy, jung und cool gelten will.
In der Realität sind diese Abos der Tod jeglicher neuen Musik, denn die Entlohnung der dieser Abosysteme ist in der Tat die größte Ausbeutung, die einem Musiker widerfahren kann; 8,99 Euro für 5 Millionen Songs, die man abonnieren kann.
Welch eine Sackgasse.
Fortsetzung des Interviews (3. Teil von 3) morgen unter anderem zu Leipzig, dem Voodoocult, Religion und Erfolg
Phillip Boa LIVE in Leipzig, Tourauftakt in der Moritzbastei (Tonne/Warm-Up-Konzert) am Mittwoch, den 25. Februar 2009, ab 21:00 Uhr Preis: VVK 19,- / AK 25,- €
L-IZ.de im Gespräch mit Phillip Boa – Teil 1 von 3
Phillip Boa
Was soll man als Musikredakteur über Phillip Boa noch schreiben? Und muss man das überhaupt? Er hat ein neues Album gemacht, er hat etwas zu sagen, er wird wieder in vollen Häusern spielen? Am besten wohl, ihm ein paar Fragen zu aktuellen Themen, seinem neuen Album, neue Mitstreiter, Musik und die Welt an sich in stürmischen Zeiten zu stellen. mehr
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