Vorlaute Vorstadtindianer: Arcade Fire veröffentlichen ihr Drittwerk "The Suburbs"
Daniel Thalheim
29.07.2010
Arcade Fire
Foto: Eric Kayne / City Slang
Das dritte Album entscheidet meist, wohin es eine Band gemeinhin treibt. Hat ihre Musik Bestand? Erfindet sich eine Kapelle ständig neu oder bewahrt sie ihren Charakter? Das sind Fragen, mit der sich die L-IZ an der neuen Scheibe der kanadischen Rockformation Arcade Fire im folgenden Review reibt. Am Freitag den 30. Juli erscheint ihr neues Album "The Suburbs".
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Die 2002 gegründete Truppe um Bandleader und Sänger Win Butler sowie seiner Ehefrau Régine Chassange sorgten schon mit ihrem Debüt-Album "Funeral" für Aufsehen. Kratzige und grantige Folk-Rock-Liedermacher-Musik mit hektisch gesungenem Falsett von Win Butler, schrägen Tönen aus der Geheimnistruhe orientalischer Musikzutaten und ganz viel Drama klangen hier an. Auch ihr Zeitwerk begeisterte die Kritiker und die Fans. Dabei hatten Arcade Fire in "Neon Bible" alles viel gefälliger komponiert.
Die bunt zusammen gewürfelte Hektik des Erstlings wich einer glatten, poppigen Eleganz, die der Band gleich noch mehr Türen öffnete. Höhere Charteinstiege waren die Folge, eine Grammy-Nominierung kam hinzu. Den begehrten Musikpreis luchsten ihnen aber die White Stripes ab. Haben Arcade Fire diesen roten Faden aufgehoben und weiter gesponnen?
Arcade Fire übertreffen sich mit "The Suburbs" selbst. Das Album erscheint am 30. Juli in Deutschland
Foto: Eric Kayne / City Slang
Arcade Fire: The Suburbs
Sie haben. Und wie! Doch wie schon an "Neon Bible" gesehen und gehört, wiederholen sich Arcade Fire nur ungern. Gänzlich erneuern sie ihren eigentümlichen Sound auf "The Suburbs" nicht. Viel eher zitieren Win Butler und Régine Chassange Klänge, die vor allem aus der Wirtschaftswunderzeit der Sechziger Jahre stammen könnten, wo The Kinks und Rolling Stones für den richtigen Beat sorgten. Arcade Fire assimilieren.
In diese scheinbar anheimelnde Zeit, die man auch als "Kalter Krieg" kennt, flüchtet zum Teil "The Suburb", bis das Album im elektronischen Sound der frühen Achtziger seine Auflösung findet.
Hier röhrt wie um 1960 gestrickter Rock'n'Roll in "Month Of May" aus den Boxen, träumt Win Butler den amerikanischen Traum in den von The Kinks-Zitaten gespickten "Suburban War". Oder es öffnen die Siebziger mit dem hämmernden Pianolauf und bombastischen Keyboardklängen ihre Tore bei dem sehnsüchtigen "We Used To Wait". Ganz ob für den Song die Bombastrocker "ELO" Pate gestanden hätten.
Nur dass Arcade Fire alle Zitate, Einflüsse, Bilder unnachahmlich in ihren Charakter einflechten, genaue Einpassung. Arcade Fire beschreiben "The Suburbs" ebenfalls treffend als Mischung aus Depeche Mode und Neil Young.
Plattencover von "The Suburbs"
Foto: City Slang
Inhaltlich schwer erfassbar, stellen sich auch hier viele Fragen. Was wollen Arcade Fire ihren Hörern mitteilen? "The Suburbs" erzählt weniger die heile Welt eine amerikanischen Vorstadt, sondern viel eher die gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen, die die USA, aber auch die übrige Welt in den letzten vierzig Jahren erlebt.
Vieles von dem, was die USA vor vierzig Jahren beispielsweise ausmachte, ist nicht mehr da. Die einst so von mittelständischen Familien geprägte Vorstadt ist mancherorst ein Slum geworden.
Die heile Werbewelt aus den Prospekten der Fünfziger und Sechziger Jahre ist nur noch Stoff für kitschige Filme. Unter dieser zuckersüßen, konservativen Fassade brodelten Rassenkampf, Kampf gegen den Kommunismus und die Furcht vor den Atomkrieg.
Arcade Fire liefern zu diesen gravierenden Umwälzungen zwar nicht den Soundtrack, das taten eher The Rolling Stones, The Kinks und Jimi Hendrix. Viel eher erinnern Arcade Fire an ein Stück eigene Geschichte, äußern ihre Zweifel am Bestehenden, glauben nicht mehr daran, dass alles "schön" und "heil" bleibt.
Durch "The Suburbs" zieht sich der rote Faden, dass der Mensch bestrebt ist, alles besser zu machen. Vielleicht will er alles "schöner" und "zukunftssicher" gestalten, doch gleichzeitig zerstört er, was er liebt.
David Marchese vom Musikmagazin "Spin" spricht gar von "apokalyptischer Anspannung", die trotz manchmal fröhlich aufflackernder Stimmungen wie in "Sprawl II" im ganzen Album hörbar ist. Möglicherweise fassen Arcade Fire mit ihrem Rückblick noch einmal das zusammen, was die letzten vierzig Jahre präsentiert. Vielleicht ist das zu kurz gedacht. Die Wirkung von "The Suburbs" greift irgendwie tiefer, reift mit jedem neuen Hören, gibt die Komplexität nur langsam preis.
Dann aber taucht der Hörer in die schimmernden Klangwelten ein, beschäftigt sich mehr und mehr mit den bildhaft beschriebenen Inhalten und findet sich eventuell selbst wieder. Das macht dieses Album so groß und wichtig.
"The Suburbs" kann sogar anders als ihr Vorgänger "Neon Bible" richtig süchtig machen.
Veröffentlichungsdaten
Album: The Suburbs
VÖ: 30. Juli 2010
Label: City Slang
Webseite: www.arcadefire.com
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