Live ein Orkan: safi hinterlassen beim "Großen Preis" einen verdammt großen Fußabdruck
Daniel Thalheim
24.10.2010
Abgedunkelte Bühne, schlängelnder Bass, lärmige Gitarrenklänge und ein wummernder Takt, die Klangblasen zum Platzen bringen: safi in Aktion.
Foto: Daniel Thalheim
Sie waren einst Gewinner des letzten "Großen Preises". Nun hatten sie beim diesjährigen Band-Wettbewerb wieder einen großen Auftritt. Am 23. Oktober überbrückten die drei Leipziger die Auszählung für die drei Gewinner 2010. Wobei "überbrücken" definitiv das falsche Wort für den einstündigen safi-Orkan von gestern ist.
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Frank Semmer setzt sich an sein Schlagzeug, Matthias Becker schlägt seinen Bass - Safi, Namensgeberin und Frontfrau der gleichnamigen Band schreit sich die Lungen wund. Das Schlagzeug steht seitlich, die Bühne ist mit Instrumenten ausgefüllt, die Safi lässt ihre Stimme erzittern.
Matthias Becker schwitzt lange Schweiß-Fäden auf seine dicken Basseiten, Semmer schlägt einen mal taumelnden mal direkten Beat, der inmitten von Feedback-Orgien der Gitarre und Bass lärmige Klangblasen gebiert und jäh zerplatzen lässt.
Mitten in die diesjährige Bandauswahl zum großen Preis schmettert, wirbelt eine Stunde lang Musik in die Halle, die wie ein Orkan die Gehörgänge freipustet. Viele, die vorab die Halle verlassen hatten, haben an diesem Abend etwas Besonderes verpasst.
safi arbeiten derzeit an einem neuen Album: Fans sind gespannt.
Foto: Daniel Thalheim
safi live ist ein Erlebnis und kein Konzert im herkömmlichen Sinn. Die Safi freut sich über den Auftritt, nimmt die Band doch zur Zeit ein neues Album bei ihrer Plattenfirma ZickZack-Records auf. Ein Live-Auftritt dann und wann befreit. So biegt sich die Safi über ihre Gitarre, schrubbt die Saiten mit ihren Fingerspitzen, säuselt, brummt und schreit ihre wie böse Kinderlieder klingenden Gedichte in das Mikrophon.
Titel wie "Die", "Helden" und "Weiter" sind keine typischen Rocklieder - sie sind störrisch gespielter Punk, vertonter Wahnsinn und ein dicker gordischer Knoten, der nur mit einem Schwert zerschlagen werden kann. Brachial die Texte, direkt in die Wunde gesungen, ohne Umschweife direkt ins eigene Gewissen. Verstehen muss man sie nicht, wobei es sich dennoch um große Textarbeit handelt.
Für eine Stunde zu wenig, der Bass beginnt gerade an zu schlängeln, pumpt unaufhörlich schwer in die Magengruben der Musikfreunde, Safis Gitarre dröhnt stets in die Köpfe, worüber die eindringliche Stimme der charismatischen Sängerin wie ein Damoklesschwert schwebt. Es ist unglaublich, wie die Band mit so wenig Mitteln musiziert und dennoch klingt, als würde eine Horde Barbaren eine Oper aufführen.
Safis Gesang ist das, was man weiß Gott nicht oft findet - groß. Irgendwo nahe einer jungen, blindwütigen Nina Hagen, großes Tremolo, tiefes Grunzen, Vibration, Geschrei in einen sauberen Schlusston wechselnd - Punkdreck und klassischer Stil. So etwas kann man nicht herbei üben, das muss man auch einfach haben.
Rock muss anecken und weh tun - safi machen unter dieser Prämisse etwas ganz besonderes.
Foto: Daniel Thalheim
Den Fans gefällt's, auch wenn Moderator Donis nach der intensiven Show nur wenig Facebook-Anhänger vorfindet, die "Gefällt mir" rufen. Safi jedenfalls kann's egal sein, mit dieser markerschütternden Show knackt diese Band locker jeden Club der Republik mit dem ersten Angriff.
Das Trio schmeichelt nicht mit geschmeidigen Liedchen, sie rütteln und kratzen, sie ecken an und knarzen. Hier hat Rock seine Magie wieder gefunden, ohne dass man gleich an Genres denken muss. Unkonventionell ist das richtige Wort an dieser Stelle.
Das beste Zeichen am Schluss des Auftritts am gestrigen 23. Oktober. Irritierte Blicke, erfreute Blicke, erschrockene Gesichter - dass nennt sich ein aufgerissener Horizont mitten im gewohnten Vielerlei. Das war safi mit einem Auftritt voller Magie, schweißtreibender Intensität und einer Orgie an vertonter Schmerzen. Das beste Potential zur Sucht. Man darf gespannt sein, was sie mit ihrem neuen Werk in Bälde in den Wohnstuben und Clubs anrichten werden.
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