Voller Sünde und Vodka Energy: Grabak-Frontmann Jan Klepel im L-IZ-Interview
Daniel Thalheim
09.09.2011
Grabak aus Leipzig sind schon seit 1995 umtriebig.
Bild: www.grabak.de
Seit 1995 ist Jan Klepel mit seiner Band Grabak umtriebig. Mit "Agash Daeva" hat die Band einen knüppelnden ersten Achtungserfolg hingelegt, nun folgt mit "Sin" die abwechslungsreichere Kurskorrektur. Black Metal ist ihre Musik, die am 10. September in die Theaterfabrik locken soll. Um was es der Band geht, erzählt Jan Klepel im Interview.
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Wenn ich sagen würde, "Sin" ist melodiös, hart, gut produziert und abwechslungsreich müssten bei Black Metal-Puristen die Alarmglocken schellen, wenn diese eher frühe Darkthrone etc. bevorzugen, die bekanntlich Black Metal als "kalt, rau, spröde, schlecht produziert und damit als echt" bezeichneten, oder?
Da magst Du Recht haben, aber mal ehrlich…warum sollte ich mich ein paar Jahre damit beschäftigen, neue Songstrukturen zu erschaffen und zu arrangieren, wenn ich das ganze dann mit dem Kassettenrecorder aufnehme. Nein, ich denke, man muss sich einfach gewahr werden, dass es auch im Black Metal eine Entwicklung gegeben hat, die sich nun mal musikalisch und klanglich manifestiert. Wem das nicht passt, soll tatsächlich „alte“ Aufnahmen hören oder unser neues Album mehrfach auf Tape kopieren oder moderner, mit geringer Bitrate rippen…
An den Albumtitel "Sin" habe ich sofort an die sieben Todsünden gedacht - was sind für Black Metaller die größten Todsünden?
Nun, genau das sollte doch ein Name bewirken. Wir hatten uns schon vor geraumer Zeit darauf geeinigt, die sieben Todsünden christlicher Katechismen zu vertonen. Ich habe mich dabei bewusst auf jüngere Interpretationen konzentriert. Dabei sind sie sehr blasphemisch karikiert worden. Wie auch immer, es ist natürlich eine spannende Frage, was für einen Black Metaller eine Todsünde ist. Ich denke, aus christlicher Sicht betrachtet ist die Existenz gotteslästerlicher Musik Sünde genug. Für den Black Metaller kann es de facto keine Todsünde geben, da er ja ein selbst denkendes, frei handelndes Individuum ist, das keinerlei Tabus kennt…(hüstel.).
Allerdings gebe ich Dir recht, es gibt sicher ein paar „No Goes“ gerade im Bereich einer solch intoleranten Bewegung. Schwule Sänger sind bestimmt ein Garant für Stirnrunzeln und gehobene Zeigefinger (+ Kleiner Finger). Eine Neuauflage von alten Darkthrone oder Mayhem Scheiben sicher auch…
Grabak-Fronter Jan Klepel.
Bild: www.grabak.de
Kann denn ein Black Metaller sündigen, wenn er schon nicht an Gott glauben kann?
Was soll das heißen? Es gibt doch nicht nur Atheisten unter den Black Metallern. Es gibt kein Licht ohne Dunkel. Und wie ich eben schon sagte, aus christlicher oder moralischer Perspektive kann JEDER Mensch sündigen. Auch wenn er es selber bestimmt nicht als Sünde interpretieren würde. Der Sündenkatalog wurde doch schließlich für alle erstellt, besonders für die Lämmer Gottes.
Aber im Ernst: Um was dreht es sich thematisch in euren einzelnen Songs?
Fangen wir mit dem Gesamtkonzept an. Die Szenerie erinnert stark an den Prolog im Himmel von Goethe. Gott und Luzifer schließen eine Wette ab, sieben sündige Seelen zu finden, zu jeder Sünde eine. Ich habe den Dialog vor den Fall Luzifers terminiert, der hier voller Abscheu durch die himmlischen Gefilde wandelt und der Arroganz und Dekadenz der Engel gewahr wird und für sich eine Möglichkeit sucht, diesem Pfuhl zu entkommen. Die Wette soll der Schlüssel sein.
Allerdings kommt er nicht mal bis vor den Thron Gottes sondern wird stattdessen von Metatron empfangen, der/dem er sich nun angewidert zu stellen hat. Gott geht auf die Abmachung ein und nun kommt es darauf an die „Sünde“ zu finden. Was folgt ist ein Potpourri aus historischen, biblischen und fiktiven Handlungssträngen…Geschichten in denen Figuren und angebliche Individuen zu Marionetten werden.
"Zorn" handelt von einem gefallenen Seraph, der auf Luzifers Geheiß wahllos Amok läuft und Menschen wie Engel gleichermaßen niederstreckt. Zumindest ist das die mentale Repräsentation des menschlichen Protagonisten, der letztendlich mittels finalem Schuss sein irdisches Ende findet. "Neid" handelt von der Geschichte Kains und Abels, deren Ausgang hinreichend bekannt sein sollte. Für den Song "Lust" standen das Leben (in den Kerkern dieser Welt…) und die literarischen Ergüsse des Marquis de Sade Pate. Einen entsprechenden Hintergrund für Trägheit zu finden, ist nicht ganz so einfach gewesen. Hier musste ich schon etwas tiefer in die Kiste greifen.
Es gibt eine Interpretation von Trägheit, die diese als Abwesenheit von Gottesfurcht bzw. als das Nichthandeln nach Gottes Willen versteht. Nahe an der Sünde des Hochmut habe ich nun den Turmbau zu Babel genommen, dessen Moral ja der Versuch des Menschen ist, sich auf Augenhöhe mit Gott zu stellen, was einer oben beschriebenen Trägheit doch recht nahe kommt. Für Habgier habe ich erneut "Judas Ischariot" benutzt, dessen 30 Silberstücken Belohnung ihm ja gehörig das Leben versaut haben. Papst Sergius II. ist der Handelnde in "Maßlosigkeit", ihm wird eine gehörige Portion an Lebenslust nachgesagt. Letztlich noch "Hochmut" oder Stolz, das Grande Finale quasi, in dem Luzifer persönlich die Ehre zu kommt, die Personifizierung der Sünde zu sein. Abgesehen davon, hätte auch der alttestamentarische Gott selber Pate für ALLE Sünden stehen können.
"Sin" ist das neue Album von Grabak.
Bild: www.grabak.de
Wer trällert eigentlich so schön neben deiner Keifstimme?
Eigentlich sind es zwei Damen. Auf dem ersten Song, übernahm Anne Rotzek von der Leipziger Oper den dialogischen Part des Metatron. Auch wenn viele schimpfen, dass wir Frauengesang eingesetzt haben. Das hat schon seinen Grund. Schließlich wollten wir eine wirklich unangenehme Stimme für das „Sprachrohr Gottes“ kreieren, mit vielen Effekten. Dummerweise hat uns die gesangliche Umsetzung pur besser gefallen, so dass wir uns entschieden, es dabei zu belassen und Metatron eine weibliche Stimme gegeben. Auf "Pride" haben wir noch einmal eine Frau bemüht, um das ganze konzeptuell abzurunden. Hierfür sprang Lydia Moellenhoff von der Osloer Oper ein, die dem ganzen ihren sehr eigenen Stil aufprägte.
Sänger Attila Csihar hat für die Einspielung des Mayhem - Albums "De Mysteriis Dom. Sathanas" eine satanische Messe abgehalten. Welche Weihen erfuhr "Sin"?
Vodka-Energy…
"Agash Daeva" schlug bei seiner Veröffentlichung wie eine Bombe in der Black Metal-Szene ein, war mein Eindruck, weil stark beworben - Wie sind bis jetzt die Feedbacks zu "Sin" ausgefallen?
Bei "Sin“ sind die Feedbacks stark polarisiert. Viele bewerten das Album sehr gut andere kritisieren, dass die einzelnen Sünden zu wenig akzentuiert voneinander sind… aber mal ehrlich, wer eine solche Art von Black Metal spielt sollte meines Erachtens nicht mehr als nötig im Tempo variieren. Wenngleich ich behaupte, dass es das stilistisch abwechslungsreichste Album überhaupt geworden ist.
Was ist der markanteste Unterschied von "Sin" zum Vorgängeralbum?
Die Kosten. Wir haben sehr lange im Studio verbracht und lange am Endergebnis getüftelt. Der Sound ist weniger hart als bei "Agash“. Das letzte Album war ein brutaler Durchmarsch voller Geknüppel. "Sin“ ist wesentlich experimentierfreudiger geworden.
Welchen Stellenwert nimmt Black Metal in eurem Leben ein - Ist Black Metal eine Lebenseinstellung oder einfach nur ein Job?
Haha, ich höre seit über 20 Jahren Black Metal und spiele seit 16 Jahren bei Grabak. Fragst Du ernsthaft danach, ob das ein Job ist? Das ist fast mein halbes Leben!
In den Achtzigern ging es auch ohne: Warum wird das "Corpsepaint" eigentlich aufgetragen?
Für uns gehört es von Anfang an zum Black Metal dazu. Oystein und Per (Aarseth und Ohlin, beide verstorbene Mayhem-Mitglieder, Anm. d. Red.) haben es benutzt um zu schockieren. Wir nennen es Erbe.
Viele Nicht-Kenner würden sich vorstellen, dass Black Metaller ständig Messen mit schwarzen Hähnen, Katzen und nackten Frauen halten würden: Was bedeutet eine satanische Einstellung für euch?
Puh, ich mag nicht für die anderen Bandkollegen sprechen und ich gehe auch nicht gerne mit meinem Inneren hausieren. Ich bin mir sicher, dass viele Black Metaller schwarze (lebende) Katzen zu Hause haben.
Anfang der Neunziger war Black Metal das Extremste überhaupt - wie sieht das heute aus damit?
Musikalisch bestimmt unverändert.
Black Metal lebt von Symbolen, Bildsprache und Gesten: Wird eine durchaus extreme Grundhaltung von Außenstehenden nicht auch als Pose wahrgenommen?
Ganz gewiss. Black Metal ist eine Kunstform wie jede andere auch. Und Kunst wird immer nur emotional wahrgenommen. Das erfolgt über Augen, Ohren und Gefühlen. Und wenn unsere Kunst eine gleichzeitig faszinierende wie abstoßende morbide Emotion verursacht, haben wir es gut gemacht.
Ohne eine extreme Grundhaltung würde man sicher keinen Black Metal leben. Und Posen? Sieh Dir doch mal bitte andere Künstler oder auch Politiker an. Was wären Salvador Dalí, Freddy Mercury, Berlusconi und auch ein paar verstorbene deutsche Politiker ohne ihre Auftritte, die vor emotionalisierenden Gesten nur so strotzten.
Am 10. September zieht es euch in die Theaterfabrik: Was können Black Metaller von euch an diesem Abend erwarten?
Unser neues Album und Teile von der letzten Scheibe. Ich hoffe, in fehlerfreier, energiegeladener Präsentation. Ist ja schon eine Weile her seit dem letzten Gig.
Was sagst Du denen, die Vorurteile gegenüber Black Metal haben?
Nichts. Die interessieren mich nicht. Warum sollte ich mit denen diskutieren oder mich gar rechtfertigen. Das ist unfruchtbar.
Was sagst Du abschließend zu euren Fans?
Nun ja, ich hoffe einfach, dass wir und das neue Album genauso aufgenommen werden wie „Agash Daeva“. Allen wahren Fans sei gedankt. Alle anderen…
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