Fragen an Bach: Forschungsexpedition wühlt zu Thomanern in mitteldeutschen Archiven
Daniel Thalheim
16.12.2011
Dr. Michael Maul, Dr. Sybille Wüstemann, PD Dr. Wollny stellen Forschungsprojekt "Johann Sebastian Bachs Thomaner" vor.
Foto: Daniel Thalheim
Dr. Michael Maul forscht zu Johann Sebastian Bach. Am Leipziger Bach-Archiv entsteht pünktlich zum kommenden Thomana-Jubiläum 2012 ein neues Projekt zu den Thomanerschülern zu Zeiten des barocken Thomaskantors. Der promovierte Musikwissenschaftler will mit Unterstützung der "Gerda Henkel Stiftung" und weiteren Forschern entdecken, wie Johann Sebastian Bach arbeitete. Darüber ist nicht viel bekannt.
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Es war eine interessante Runde, die sich am 14. Dezember in den Vormittagsstunden im Sommersaal des Bach-Archivs traf. Bacharchiv-Geschäftsführer Dr. Dettloff Schwerdtfeger lud gemeinsam mit Bacharchiv-Sprecherin Franziska von Sohl Leute ein, die an einem Projekt werkeln, das pünktlich zum kommenden Thomana-Jubiläum 2012 anrollen soll. "Johann Sebastian Bachs Thomaner" heißt die Forschungsreise. Wer waren die Leute aus dem Umfeld von Johann Sebastian Bach?, fragen sich die Musikkundigen.
Ein Grund mehr, verstärkt hinter die Kulissen der Thomaner in der Zeit um 1700 bis 1750 zu schauen. Dazu braucht es natürlich Forscher. Auf der einen Seite steht Dr. Michael Maul, der schon seit einigen Jahren zu allen Belangen rund um Johann Sebastian Bach in den Archiven wühlt. Auf der anderen Seite ist Privatdozent Dr. Peter Wollny, der seit seiner Promotion 1993 ein eifriger Bachforscher ist. Dazu gesellt sich Dr. Sybille Wüstemann, die bei der "Gerda Henkel Stiftung" als Leiterin der Pressearbeit zuständig ist. Es ist die Stiftung, die auch für die Forschungsgelder sorgt, damit Geisteswissenschaftler wie Maul und Wollny arbeiten können. Auch an den wissenschaftlichen Nachwuchs wurde gedacht.
Michael Maul und Peter Wollny mit einem Thomaner-Matrikel aus Bach-Zeiten.
Foto: Daniel Thalheim
Nicht nur Musikwissenschaftler haben hier eine Chance, Forschungsprojekte finanziert zu bekommen, sondern auch Historiker und Kunsthistoriker. Das im Bach-Archiv untergebrachte Leipziger Forschungslabor geht zum Teil auch auf die "Gerda Henkel Stiftung" zurück. Nun das große Forschungsprojekt "Johann Sebastian Bachs Thomaner" um die Matrikel des Thomanerchores. Dazu zeigen Maul und Wollny den ersten Matrikelband der Bachschüler. Solche Matrikel waren dazu da, die Studenten oder Schüler mit Name, Herkunft und Studiendauer einzutragen, erklärt Maul. So etwas gibt es auch für Universitäten.
"Bei Bach haben wir das Problem, dass dessen Werk zwar die gesamte Welt fasziniert, aber die Fragen an Bach werden immer mehr. Aber leider hat uns Bach sehr wenige Antworten gegeben", so Projektleiter Michael Maul. Damit meinte der Fachmann Bachs geringe schriftliche Hinterlassenschaft in Form von persönlichen Aufzeichnungen und Briefen. Maul zählte auf, dass von Ludwig van Beethoven 4.000 bis 5.000 Briefe und Konversationshefte existieren sollen. Bei Mozart sind es um die 1.000 Briefe. Von Bach kenne man bislang nur einen privaten Brief, der im Moskauer Staatsarchiv liegt und per Zufall vor hundert Jahren wieder ans Licht kam.
"Das, was an privaten Bachdokumenten gefunden worden ist, waren bislang Zufallsfunde", sagte Maul. Ähnliches erhoffen sich die Bachforscher, indem sie gezielt die mitteldeutschen Archive durchstöbern wollen. Dabei stehen Johann Sebastian Bachs Thomaner im Mittelpunkt der Wissenschaftler. Die Bachschüler wandten als Kopisten, Interpreten und Rezipienten auch nach dem Tod des Thomaskantors 1750 sein vermitteltes Wissen an. "Über Bachs Unterrichtsprinzipien ist so gut wie nichts bekannt. Primärmaterialien fehlen dazu, auch wenn frühere Bach-Biografen noch einiges angaben", gab Maul weiter an.
Forschung zu Bach: Gerda-Henkel-Siftung finanziert das zweijährige Projekt.
Foto: Daniel Thalheim
2002 startete das Bach-Archiv ein Unterfangen namens "Expedition Bach", um die mitteldeutschen Archive systematisch zu durchforsten. Man will eben nicht mehr alles dem blanken Zufall überlassen, was an privaten Überbleibseln von Johann Sebastian Bach übrig ist und gefunden werden kann. Schon durch eine andere Stiftung sollen die Bach-Forscher vor Jahren die Möglichkeit bekommen haben, zu den einzelnen Archiven zu reisen. Dabei folgten sie den Wegen des Musikus, weil er zu seiner Zeit viel umherreiste, um Orgeln zu prüfen und zu begutachten. Dafür wurde er engagiert, erzählte Maul.
Durch diese Forschung wusste Maul, dass sich die "Bach-Thomaner" für verschiedene Stellen als Kantor bewarben. Manchmal, so der Leipziger Musikwissenschaftler, stellte Bach ein Zeugnis oder eine Empfehlung aus. Peter Wollny kümmert sich bei dem neuesten Forschungsprojekt um den handschriftlichen Vergleich der Thomaner anhand von Matrikelbüchern sowie anderen Schriftquellen und schildert anhand eines Beispiels, wie man an solche Quellen kommt: "Bachs Amtsnachfolger war bekanntlich Johann Friedrich Doles. Das ist ein berühmter Kantor an der Thomasschule, der mit Mozart in Verbindung stand. In seiner Jugend war Doles Bachschüler. Als alter Mann veröffentlichte er 1790 eine Autobiografie, wo er seine Berufung nach Salzwedel umschrieb. Bach empfahl den jungen Mann dorthin. Aber er trat aus bestimmten Gründen die Stelle nicht an." Warum, weshalb, wieso?
Wollny führte weiter aus, dass Michael Maul in Salzwedel eine Anfrage ans dortige Stadtarchiv stellte. Ob es zum Bewerbungsvorgang noch Materialien gäbe, so Mauls Vermutung. Der dortige Stadtarchivar unternahm seinerseits durch sämtliche Kartons eine "Expedition" und fand den Vorgang tatsächlich. "Darin fand er zwei vierseitige und lange Briefe von Bach. In dem einen empfiehlt er Doles. Dann stellte sich heraus, dass Doles eigentlich woanders hin wollte. Der zweite Brief war noch erstaunlicher. Dort entschuldigte sich Bach für Doles' Verhalten und empfahl einen anderen Musiker aus seiner Schule", so Wollny weiter. "Durch solche Beispiele erfährt man viel Privates über Bach, wie er über Doles dachte, wie sehr Bach enttäuscht war und welche privaten Mitteilungen drin stehen."
Um alles einwandfrei lesen zu können, braucht es jahrelange Übung. Vor dreihundert Jahren schrieben die Gelehrten anders als heute. Nicht jeder erkennt die damaligen Handschriften und kann sie auf Anhieb lesen. Bis vor wenigen Jahren gab es in Leipzig hierfür noch den Lehrstuhl für Historische Hilfswissenschaften, der aus Kostengründen abgeschafft wurde. Handschriftenkunde nennen Historiker "Paläografie". Diese Wissenschaft beschäftigt sich auch mit dem Handschriftenvergleich. Das ist eine Methode, die Wollny bei "Johann Sebastian Bachs Thomaner" anwendet, um Personen zu identifizieren. Dazu dienen die Thomanermatrikel, um dadurch in anderen Archiven ähnliche Handschriften zu finden, wie sie in den Einschreibelisten vorhanden sind.
Ab 2012, dem Festjahr der Thomana, will die Forschungsexpedition mit Laptop, Taschenlampe und Staubtuch in etwa 250 bis 300 Archive aufbrechen, um rund 300 Lebensläufe von Bach-Thomaner zu erschließen. Bei ihrer zweijährigen Suche wollen sie nicht nur Bewerbungs- und Empfehlungsschreiben entdecken, sondern auch zahlreiche unbekannte Kopisten der Werke Johann Sebastian Bachs identifizieren. Für die Forschungsreisenden schlösse sich so eine wichtige Forschungslücke zum Wirken des Thomaskantors, seiner Unterrichts- und Aufführungspraxis. Als Resultat soll ein Buch über all die Entdeckungen Auskunft geben. Bis das aber so weit ist, vergeht noch ein bisschen Zeit.
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