Neu im Plattenregal: Die Hoffnung ist schon vorgerannt, das Grab schon mal zu graben
Sven Rogowski
06.02.2012
Kettcar 2012: Poppiger als früher.
Bild: Off the record/Kettcar
Kettcar ist mit "Zwischen den Runden“ zurück. Und wie! Vor allem anders als erwartet. War ihre letzte Scheibe „Sylt“ eine wütende, eher weniger positive Bestandsaufnahme der Gegenwart, so dominieren jetzt die persönlichen, auch ruhigeren Töne. Auf einmal gewinnen die Texte enorm an Bedeutung. Für Radio Mephisto ist die CD schon jetzt das Album der Woche.
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Kettcar: Zwischen den Runden
Richtungsweisend kreist der Opener „Rettung“ um das wichtigste Gefühl, die Liebe und dass Liebe eben auch bedeutet, sich gegenseitig die Kotzebrocken aus dem Haar zu pulen. Über die Single „Im Club“ folgt ein erster Höhepunkt, das für Kettcar untypische „Schwebend“, ein träumerisches, von Streichern untermaltes Liebeslied. Ein paar Songs später folgt der einzige wütende Titel im Fehlfarben-Stil. „Schrilles buntes Hamburg“ erzählt von der Kunst- und Kulturszene und der Gentrifizierung Hamburgs, vor allem der „Hafencity“. Wer dort war kann alles bestätigen. 100 Quadratmeter in bester Lage zu 1.900 Euro kalt, versteht sich!
Seit Februar 2012 im Handel: Zwischen den Runden.
Bild: Off the record/Kettcar
Höhepunkt des Albums ist ohne Zweifel das letzte Lied, wahrscheinlich nicht umsonst als solches ausgewählt. „Zurück aus Ohlsdorf“ erzählt ergreifend, aber nie peinlich vom endgültigen Abschied, dem Tod. Hörenswert. Die Songs leben von ihrem Abwechslungsreichtum und vor allem von ihren Metaphern. „Wenn das Frieden ist, musst du den Krieg nicht mehr erfunden“, „Wir waren wie Dick und Doof, ohne halt wie `Dick und Doof` zu sein“ oder „Wer einem alles geben kann, kann einem auch alles nehmen“ kriechen ins Ohr, von da schnurstracks ins Hirn und machen es sich dort gemütlich.
Erstmals teilt sich Kettcar das Songwriting. Sieben Songs stammen von Sänger und bisherigem Chefschreiber Marcus Wiebusch. Die anderen fünf von Bassist Reimer Bustdorff. Erstaunlicherweise sind die Unterschiede marginal. Das beweist eher, dass die Band sich wohl mehr als je zuvor als Einheit begreift. "Zwischen den Runden“ stellt so oder so eine gelungene Zwischenaufnahme dar. Die Band ist in der Mitte ihres Lebens angekommen und blickt zurück, zieht Schlussstriche, verzeiht, leckt Wunden. Die Musik dazu ist tanzbar, zum Teil sogar jazzig. Bläser sind hinzugekommen und das Keyboard von Lars Wiebusch drängelt sich höflich in den Vordergrund.
"Zwischen den Runden" ist ein wundervolles Pop-Album, dessen Texte für gelungene Kontrapunkte zur harmonischen Musik sorgen. Mal berührend, mal verletzt, aber immer wahrhaftig! Im Internet schrieben einige Fans bereits von der "Vergrönemeyerisierung“ Kettcars. Aber was ist schon das Internet? Dann schon eher Konzert, oder? Kettcar spielt am 1. März im Alten Schlachthof in Dresden und den Tag darauf im Leipziger Haus Auensee. Anspieltipps: „Schwebend“, „Der apokalyptische Reiter und sein besorgtes Pferd“ und „Zurück aus Ohlsdorf“.
Veröffentlichungsdaten
Album: Zwischen den Runden
Label: Grand Hotel van Cleef
VÖ: Bereits erschienen
Webseite: www.kettcar.net
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