Der Hauptmann von Köpenick: Zackig ins neue Jahr
Redaktion
05.01.2007

Foto: Schauspiel/Rolf Arnold
Kurt W. Fleming. Schon beim Betreten stoßen wir "auf's Militär". Auf der linken Seite im Eingangsbereich, in der Nähe der Kasse, befindet sich ein Fundus alter Militärjacken oder solcher, die danach aussehen. Begibt man sich dann in das Foyer mit der Garderobe, stehen links und rechts von der Treppe einige Leute in einem pseudomilitärischen Aussehen, Phantasieuniformen, die weniger nach Militär ausschauen als vielmehr nach der zivilen Luft- und Seefahrt.
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Zwei oder drei Streifen am unteren Bereich der Ärmel, es könnten aber auch Uniformen sein, wie wir sie aus den Mehrsternehotels her kennen, vorausgesetzt, wir haben die Knete, um in solchen Logis abzusteigen. Die Uniformierten stehen vor Tischen, auf denen sich Sektgläser befinden. Wahrscheinlich werden die Gläser von den Uniformierten bewacht. Es ist kaum jemand zu sehen, der sich schon jetzt des leichten Alkohols bedient.
Das Militärische dominiert. Im Zuschauerraum, in der ersten Reihe, setzt sich eine ältere Dame nieder. Sie trägt eine Pickelhaube. Sie bleibt nicht lange ungesehen. Schon stürzt sich ein Kamerateam auf diese Frau zu und - erbittet eine Aufnahme, also kein Paparazzo. Kaum ist die Dame samt militaristischer Kopfbedeckung im Kasten, schwirren die vom Fernsehen schon wieder ab.
Das Stück beginnt auf einer einfach gehaltenen Bühne mit je drei metallenen Wegen; dazwischen werden so manche Gegenstände wie Betten und Stühle und Tische hin und her gezogen, wie am laufenden Band. Am Anfang steht ein seltsames Geräusch wie das Heulen eines Windes, wie ein Quietschen. Der Hauptmann von Köpenick alias Berndt Stübner purzelt, ja stürzt auf die Bühne und sucht die Flucht durch eine Tür, die sich nicht öffnen lässt. Danach ertönt eine eher gläsern wirkende Melodie, die von der vermaledeiten Marschmusik abgelöst wird und wir uns im Uniformladen des preußisch-toitschen Wormser wieder finden.

Foto: Schauspiel/Rolf Arnold
Das Stück nimmt seinen Lauf in insgesamt 20 Szenen, die gut voneinander zu unterscheiden sind. Die meisten werden den Hauptmann von Köpenick kennen aus der Verfilmung mit Heinz Rühmann, wo das meiste Politische entschärft wurde. Wir kennen auch die Verfilmung mit Harald Juhnke, in der es wesentlich politischer zugeht.
Die Leipziger Vorstellung steht mitten drin. Der Uniformfetischismus preußischer Couleur wird auf die Schippe genommen und so manches, was damals alles andere als lustig war, wirkt heute nicht nur lustig, sondern grob lächerlich.
Auch gibt es eine Menge Anspielungen auf Leipziger Verhältnisse, eher Anspielungen an den Ex-OBM, der sich nach Berlin verflüchtigte. Der neue und auch anwesende OBM wird es wohl mit Humor genommen haben, oder? Wer weiß. Ein Politiker lässt sich nicht ins Herz schauen.
Kurios wie manche DarstellerInnen auftreten, besonders die Herren von der Polizei, die - sonderbar? - nicht uniformiert sind, sondern Anzüge mit Schlips und Kragen tragen.
Es fallen diverse kernige Sätze, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben, so z.B.: "Ohne Papiere ist man kein Mensch."
Auch gibt es manche lustige Szene, so als Carolin Conrad als Animierdame auftritt, versehen mit einem selbstaufblasbaren Mega-Busen, an dem sie noch bläst, als sie die Bühne betritt und damit große Heiterkeit auslöst; auch dann, als ihre Arbeit getan - auch die als Schauspielerin - und sie die Luft aus diesem Mega-Busen wieder herauslässt und die klein gewordenen Luftballons in ihren Händen trägt.

Foto: Schauspiel/Rolf Arnold
Es handelt sich ja hier um jene Szene, als der später den Dienst quittierende von Schlettow (Torben Kessler) einen besoffenen Soldaten Disziplin beizubringen versucht, während der anwesende Polizist (Michael Schrodt) sich daran nicht stört und sein Kreuzworträtsel löst. Erst als es einen unübersehbaren Tumult gibt, schreitet er ein - mit der Aufschrift "Polizei" auf dem Rücken.
Wir kennen auch die Szene in dem Personalbüro, wo die entscheidende Frage nicht die nach der beruflichen wie menschlichen Qualifikation gefragt ist, sondern ob man "gedient" habe oder nicht.
Das Militärische dominiert also überall, auch im Gefängnis, wo der Direktor dieser "Erziehungseinrichtung" gewonnene Schlachten - die wenigen, die das deutsche Militär schlug - nachspielen lässt. Bei diesen Szenen sieht man auch den Spaß, den die Schauspieler hatten.
Und es kommt der Tag, als Voigt seinen Schwager kennen lernt, vor dem er großen Bammel hatte. Dieser Schwager ist ein scheinbar lieber, aber dennoch durch und durch Beamter, bei dem es in diesem Lande Recht und Ordnung gibt, und selbstredend gesetzlich verordnete Gerechtigkeit, ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Aktuelle Anspielungen, schon oben wurde auf diese verwiesen, tauchen erneut auf, als der Fokus des Stückes sich auf das Rathaus richtet, jener Ort, der später in die lächerliche Geschichte Deutschlands eingeht: "gefüllte Kassen", die tatsächlich leer sind; dafür leistet sich die Stadt einen Citytunnel, und denkt auch daran, das Tafelsilber zu verkaufen. Das Publikum verstand sofort und kicherte herzhaft über diese Einlagen.
Dann endlich der Höhepunkt: in einer Gala-Phantasie-Uniform schreitet unser Wilhelm Voigt daher mit seinen Soldaten, einmal Thomas Dehler und Torben Kessler, zum andern vier hochgeschossene schnauzbärtige junge Herren, nach denen im Vorfeld der Entstehung dieses Stückes gesucht wurde. Was aber die tatsächlich sollten bzw. warum sie für diese sehr kurze Szene "lange Kerls" gesucht wurden (waren die doch eher das Hobby des preußischen Soldatenkönigs), ist ein Geheimnis des Regisseurs. Und das nahm er bestimmt mit rüber ins neue Jahr.
Im Großen und Ganzen war das Stück recht nett. Die SchauspielerInnen gaben ihr Bestes. Aber großes Theater war das leider nicht. Die dem Stück innewohnende Sozialkritik blieb schwach. Die aktuellen Anspielungen direkt auf Leipzig und die Berliner Politik wurden vom Publikum erkannt und lustig aufgenommen, aber das hätte ein Kabarett auch, vielleicht sogar besser, hinbekommen. Aber solch ein gutes Theaterstück mehr kabarettistisch zu machen, das war vergeudete Zeit.
Aber entscheidend ist ja eh, wie es den Leuten gefällt. Lange war auch der Beifall. So manche hatten ihre Hausaufgaben gemacht, so manche nicht. Aber wir sind jetzt in einem neuen Jahr. Da soll ja eh alles besser werden. Warten's wir ab.