Finale der 20. euro-scene Leipzig: Italienische Werkhalle und leerer Tanzteppich in der Peterskirche
Karsten Pietsch
08.11.2010
Empty Moves.
Foto: JC Carbonne
Zahlen sprechen für sich: 25 Vorstellungen von 12 Produktionen mit 7.500 Zuschauern, Auslastung: 97,8 Prozent, dazu diverse Veranstaltungen im Rahmenprogramm. Und das war mit Gästen aus 10 Ländern für neun unterschiedliche Spiel-Häuser erst mal aufzufinden, zu entscheiden und in Leipzig zu organisieren.
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Dazu gab es ein Kolloquium des Internationalen Theater-Instituts. Und auf der Broschüre zum Festivalgeburtstag steht: „Das Licht kommt aus dem Osten.“ 20 Jahre euro-scene, 20 Jahre Neugier und Staunen – und Abwägen. Früher stritt man sich um den Begriff Avantgarde. Ist das? Was ist? Heute zählt die künstlerische Idee, und was jeder sieht.
Leipzig ist Neugier
„Spurensuche“ nannte sich dieser 20. Jahrgang des Leipziger Festivals. Eigene Spuren, Spuren der Künstler, die schon einmal da waren. 1991 gierten die Leipziger (1989: „Visafrei bis Hawaii“) noch nach jeglicher Internationalität. Heute guckt man mit Erwartungen aus dem Fenster. Leipzig ist Neugier.
Ballet Preljocaj: Empty Moves.
Foto: JC Carbonne
In 20 Jahren hat die euro-scene Fans unter den Teilnehmern und im Leipziger Publikum sowieso. Die, die nicht nur mit dem überrascht werden wollen, was sie kennen. Etwas mehr nun zu den letzten großen Produktionen diese Woche.
Gar nicht leere Bewegungen
Abschluss-Stück in der Peterskirche. Danach gab es noch einen Ball in der Schaubühne Lindenfels. Angelin Preljocaj aus Aix-en-Provence in Frankreich hat bei der euro-scene schon fünf Stücke gezeigt, nun gaben aus der 24 köpfigen Truppe vier Tänzer „Empty moves“ („Leere Bewegungen“) auf leerer, heller Bühne vor schwarzen Wänden. Verkörpernd das Zentrum allen Theaters, den sich in der Gruppe bewegenden Menschen. Kein Moment ist leer, jeder Stopp der Anfang der nächsten Bewegung. Einzeln, zu zweit oder erst recht im Quartett funktioniert äußerste Präzision. Was die vier Körper miteinander anstellen können, ist federleichte Akrobatik, ein Orgie. Aber jenseits von Sex. Was diszipliniert die vier nur so in ihrem Ablauf? Pulsschlag, Herzrhythmus, Zählwerk? Denn Musik haben sie zur Orientierung nicht. Sie begleitet ein Geräuschteppich einer Lesung von John Cage aus Milano von 1977, dazu läuft der Sound einer revoltierenden Publikumsmenge, der wohl kaum von der Original-Aufzeichnung stammt.
Ballet Preljocaj: Empty Moves.
Foto: JC Carbonne
Theater in der Kathedrale
Rund 350 Zuschauer sitzen auf der extra eingebauten Tribüne in der Peterskirche, vor 125 Jahren errichtet in den Dimensionen einer französischen Kathedrale. An den Tagen zuvor war hier als Bühnenbild eine Werkhalle eingebaut, die Compagnie Pippo Delbono aus dem italienischen Modena spielte mit 18 Darstellern ein Stück über die Situation nach einem Fabrikbrand.
Privat betritt der Erzähler den Saal, entschuldigt sich, nicht Deutsch sprechen zu können, drängt sich später, überaus bestimmend, in die Handlung ein.
Mafia und Sado-Maso
Ein Doku-Theater zu einem Fabrik-Brand in Turin zwischen Alltag und Epoche, eine Form von eingreifendem Theater. In der Werkstatt entfaltet sich ein opulentes Bild italienischer Zustände vor und hinter den Kulissen des Geldverdienens und Geldausgebens auf unterschiedlichen Stufen der Gesellschaft, Strukturen des Systems sind beispielsweise verklausuliert in Sado-Maso-Praktiken. Nackte Körper haben hier eine andere Funktion, als nur Effekt zu sein.
Ergreifend war auch, und nach Lautstärke jenseits der Verträglichkeit, wenn Menschen Tiergeräusche in die Mikrofone quäken.
Ballet Preljocaj: Empty Moves.
Foto: JC Carbonne
Hier ging es, Premiere war 2008, um Thyssen-Krupp und Verstöße gegen die Arbeitssicherheit, die zur Havarie führten. Mittendrin ein süffisanter Werbespot über die Marketing-Vision des Konzerns, der „Inspirationen“ schaffen will. Ein heftiger Wink in Richtung Presse, die jahrelang gern und oft über das Geldschaufeln bei Siemens notierte, und dabei Praktiken anderer unbeachtet lässt.
Mit der Peterskirche, seit 125 Jahren Heimstatt einer lebendigen Gemeinde, hat die euro-scene eine extra-originäre Spielstätte. „Das muss man auch den Theatergruppen schonend beibringen“, sagte Bernd Erich Gengelbach, Technik-Chef und Co-Direktor des Festvials. Er lud im Rahmenprogramm zu einem Technik-Gespräch während des Bühnenaufbaus. Zwei Dutzend Leute kamen, sahen und fragten, welche Drähte die Theaterbühnen zusammen halten, sie erleuchtet und tönen lässt.
Theater-Platz-Not
„Es gibt zu wenig große Säle in Leipzig“, sagt Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff knapp und kommentarlos. Sie hat schon in Agra-Hallen, Kasematten des Neuen Rathauses, in der Arena, beim BMW und nun auch in der alten Hauptpost Aufführungen gestemmt. Man weiß ja, dass städtische Bühnen und Konzertsäle bei weitem nicht allabendlich Vorstellungen zeigen, da es nach Betriebskosten eben preisgünstiger ist, das Licht aus zu lassen ... Folgetermin: 21. euro-scene Leipzig: vom 8. bis 13. November 2011. www.euro-scene.de
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