Der Bursche ist schön, jung und gesund wie ein Wolf: Balkanfeuer zur euro-scene in der Peterskirche
Karsten Pietsch
13.11.2011
Deutschlandpremiere zur Euro-Scene: Musiktheater "Antica".
Foto: Oliver Angeleski, Prilep
Pulsierende Euphorie des heutigen Balkans gastierte zur euro-scene Leipzig zwei Abende in der Peterskirche. Zur heftigen Orchestermusik aus den Boxen läuft ein Lebensdrama um eine Heirat ab, die Politik zwischen Familien machen soll, von Liebe weit entfernt.
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Theater um Familien
Kirche und Theater – Theater in der Kirche? euro-scene und St. Petri zu Leipzig, so was geht seit Jahren schon Hand in Hand. Warum nicht auch mit einer mazedonischen Familiengeschichte bzw. dem Zwist darum. In Deutschland hatte Bischof Bohl just an einem der beiden Aufführungstage evangelisch-lutherische Christen ermahnt, alle ihre Kinder taufen zu lassen. Denn das drohe in Vergessenheit zu geraten.
Ein Zungenbrecher ist der Name des Gastspiel-Ensembles: Naroden teatar Vojdan Černodrinski, Prilep. Gegründet wurde das Ensemble 1950 als professionelles Nationaltheater in Mazedonien, wird vom Kulturministerium finanziert. 18 festangestellte Schauspieler bringen jährlich vier bis sechs Premieren heraus, spielen auch Stücke für Kinder.
Theater rundum, Bühnen nach allen Seiten
Besucher werden am Eingang mit Hockern ausgestattet, sollen vor den Stuhlreihen Platz, Blick seitwärts, Platz nehmen, denn alle vier Seiten sind Bühne. Zwischendrin gibt’s auch noch Wege für die 20 - in Worten: zwanzig - Darsteller. Vorn und hinten zwei Bühnen, an einer Längsseite ein Steg. Aufklappbare und fahrbare Elemente werden später schnell zu Wänden, mit Türen und Türrahmen lassen sich ganze Verwandlungsbühnenbildner im Handumdrehen verändern. Auch die vierte Seite wird mitbespielt. Theater rundum.
Es hat etwas vom mittelalterlichen Mysterien- oder Fastnachtstheater mit Stationen und wanderndem Publikum und auch etwas davon, wie man sich das Totaltheater Anfang des 20. Jahrhunderts vorstellt – der Zuschauer guckt nicht bloß nach vorn, sondern er wird vom Spiel umgeben, umhüllt, eingemauert.
Was der kroatische Regisseur Branko Brezovec und Choreograf Kire Milandinoski bieten, ist eine eine Oper für Schauspieler, was man sieht, hört man auch. Musik des mazedonischen Komponisten Marjan Nekak, vom Klangholz abgesehen, kommt aus den Lautsprechern, aber das eben mit sinfonischem Balkanfeuer. Musik dient nicht bloß zur Untermalung oder Stimmung, sondern sie zieht Akteure und Aktion mit sich fort. Dass sich alles fortwährend, und choreographiert, bewegt, gehört zu Tradition und Temperament der Balkan-Menschen dazu, eben angeboren.
So ein Theaterstück liest man nicht von vorn nach hinten und von links nach rechts.
Bei dem Balkanfeuer kann Besuchern schnell schwindlig werden. Vielleicht wäre es gut, ein Vierteljahr gar nicht im Theater gewesen zu sein, um der Reizüberflutung standzuhalten.
Antica soll mit einem alten, reichen Mazedonier verheiratet werden. Weitere Bewerber sind albanischer, türkischer und griechischer Herkunft. Antica wird beruhigt: „Der Bursche ist schön, jung und gesund wie ein Wolf!“
Daraus entwickelt sich Risto Kries Dramentext nach mazedonischer Literatur-Tradition des 19. Jahrhunderts. Damals waren Widerstand und Patriotismus gegen die türkische Unterdrückung und territoriale Ambitionen der Nachbarländer die eigentlichen Themen der Metapher, erklärt das Programmheft.
Gesprochen und gesungen wird in Originalsprache, mit deutschen Übertiteln als Projektionen.
Vom Zeit zu Zeit springt der Mann am Tonpult, vermutlich der Musikchef auf, und dirigiert die Chöre mit, bis sie wieder an Klangfülle zu bersten drohen. Wenn die Handlung in mystische Symbole abtaucht, werden auch die bedingt ernst genommen: nämlich mit Säulen und Skulpturen, parodierten Uniformen und Trachten, Pferden und Wagen aus Pappe.
„Antica“ brachte die euro-scene als eigene Entdeckung und Deutschlandpremiere nach Leipzig. Fast ausverkauft war auch die zweite Vorstellung in der großen Peterskirche. Nach einem Bravoruf gab es engagierten Beifall für alle Beteiligten.
Was da in die Peterskirche alles technisch eingebaut und eingerichtet werden musste, mit der Maßgabe, es hinterher wieder spurlos zu entfernen, war für den Technik-Chef und Co-Direktor Bernd Erich Gengelbach des Festivals ein Extra-Veranstaltungsthema für alle, die sich für das Leben und die Arbeitssicherheit hinter den Kulissen interessieren. Als die ersten Besucher die Kirche verließen, wurden hinten schon wieder die LKWs beladen.
Spielraum und Freiraum Kirche
In der Peterskirche liegen Flyer aus, einer zum Gesprächsabend für Eltern zum Thema „Wenn Kindern Hörner wachsen“ über Bockigkeiten, Trotz und Reaktionen der Eltern. Ein anderer Flyer ist eine schlichte, seriöse Offerte für ein Raumangebot, durchaus mit Gedanken an Vermietungen. „Freiraum“, „Lebensraum“, Spielraum“ heißen die Kapitel. Da ist die euro-scene Leipzig unter „Freiraum“ aufgeführt. Dafür ein Danke an die Gemeinde – und eins in Kollekte.
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