euro-scene-Finale: Regen von der Seite. Alles treibt vorwärts, und treibt, und treibt...
Karsten Pietsch
14.11.2011
Compagnie Alias / Guilherme Botelho, Genf „Sideways rain“ („Regen von der Seite”) Choreografie: Guilherme Botelho.
Foto: Jean-Yves Genoud, Genf
Theater zum Besoffenwerden. Ein nicht enden wollender Menschenzug kriecht und fliegt von links nach rechts über die Bühne, im Uhrzeigersinn werden 60 Minuten abgeschritten, die in natura viel länger sein müssten. Von der Menschwerdung des Affen? Vom Sportkleid zur Garderobe? Menschen gegeneinander. Nur ansatzweise auch miteinander. Bis sie wieder nackt sind und sich auf alle Viere begeben... Einmal Mensch werden. Und zurück.
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Alles fließt, die Zeit läuft. Nicht nur hörbar sind die sich wandelnden „Tonstörungen“, wie es das Festival-Motto besagt. Sie sind sichtbar.
Regen von der Seite als Metapher fürs Leben
Spitzenreiter der Szene präsentiert die euro-scene ja gern zum Festivalschluss; dieses Finale hatte Festivaldirektorin Ann-Elisbaeth Wolff schon seit drei Jahren geplant.
„Sideways rain“ („Regen von der Seite“ ) heißt das Tanzstück. Klar, Wetter ist beim Tanz fast immer egal, und gemeint sind ganz andere Strömungen.
Aus Genf kam die „Alias“-Company nach Leipzig, choreografiert von Guilherme Boteiho, in Brasilien geboren, mit Musik des gebürtigen Mexikaners Murcof, eigentlich Fernando Corona.
Einmal Mensch werden und zurück
Es sind nur 13 Akteure, Tänzer, Spieler, Sportler und Akrobaten, die blitzschnell die Seiten passieren, und – in für uns unsichtbaren Seitenwechseln und nicht vorstellbaren Umzugsgeschwindigkeiten – andererseits wieder da sind.
Im Saal werden die Menschen in die Sessel gedrückt, von Intensität und anschwellendem Tempo auf der Szene, verstört von plötzlichen Gegenläufern und Stehenbleibern. Augenblicke verlieren die Balance, Bühnenportal und Tanzboden scheinen sich zu bewegen. Vor allem aber treibt die zunehmende, pulsierende Musik, die lauter und voller wird, Wellen fließen um Steine herum, wie in Bach und Fluss. Minimalistische Komposition ganz groß verpackt.
Darstellerisch wirkt das wie eine einzige Bewegung, ein Rausch. Eine Gruppen-Szene voller Solos. „Das muss man erst mal nachmachen können“, kommentierte eine Nachbarin gesprungene Bewegungen mit vier Bodenberührungen, aber da waren gerade 10 Spielminuten um.
Krönender Abschluss im Centraltheater: Guilherme Botelho, Genf „Sideways rain“ („Regen von der Seite”).
Foto: Jean-Yves Genoud, Genf
Personen an Fäden
Quasi im letzten Akt ziehen die Personen Fäden nach sich, die aufgespannt bleiben, Wegstrecke, Grenze und Einengung zugleich. Netz ohne Netzwerk.
Nach einer Stunde glitten die Darsteller wieder auf allen Vieren durch die Zeit, da ging langsam das Bühnenlicht aus. Einen Moment herrschte Stille. So schön, als wenn der Vorhang zuging. Doch der blieb offen.
Dann brandete langer, energischer Applaus auf. Stehende Ovationen für die, wieder angezogenen, Tänzer.
Als auf der Bühne an der Bosestraße Schluss war, ging es mit der Endrunde des „Besten Deutschen Tanzsolos“ im Ring-Café weiter.
Wie sich bei den beiden Vorrundenabenden offenbarte, einer aufregenden und anregenden Multikulti-Runde, wie noch nie. Vom Bauchtanz mit sächsischem Temperament über ambitionierte Ideen, so zum Beispiel tanzend im Sand ein Mandala malen, bis zu Lebenskunstwerken, geradezu von der Straße auf die Bühne, und dann nach eigenem Willen Kunst gemacht! Eine junggebliebene Leipzigerin füllte mit ihrer prallen Parodie auf das Laufsteg-Brimborium und Tuchschwenken mühelos lebensweise und unterhaltsame fünf Minuten!
Wir ziehen den Hut. Freilich hätte die Jury uns, und den 87 MitbewerberInnen, jene Nummer lieber ersparen sollen, in der eine Fußgängerin langsam die Bühne ertastete, einmal aufstampfte, und verschwand. Wonach der Moderator mit ihr sogar noch über Flamenco redete...
Zusatz-Plätze und meist volle Säle
Am Abschlusstag resümierte die Festivaldirektion: „Die meisten Vorstellungen waren restlos ausverkauft. Bei einigen Gastspielen konnte die Platzanzahl erhöht werden, bei anderen musste eine Schlange von Besuchern enttäuscht weggeschickt werden. Mit rund 7.200 Zuschauern erreichte das Festival eine Auslastung von 95,7 Prozent.“
Nächste euro-scene Leipzig vom 06. – 11. November 2012. Dann zum 22. Mal!
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